Dieter David Scholz

 

Neue Mozartbücher
von Helmut Perl, Georg Knepler, Maynard Solomon, Ulrich Konrad,
Fritz Hennenberg und Silke Leopold

 

 Vor vier Jahren hat der Mozartforscher Helmut Perl sein erstes Mozartbuch geschrieben, über den „Fall Zauberflöte“. Eine der intelligentesen wie brisantesten Studien über das po-pulärste, aber auch am meißten missverstandene Werk Mozarts. Ob Schikanedersche Ma-schinenkomödie, Zauberoper, Myst­rienspiel oder  Machwerk. Helmut Perl hatte berech-tig-te Zweifel an den herkömmlichen Interpretationen des Stücks und dechiffrierte sie vor dem Hintergrund der Französischen Revolution und des Wissens über Mozarts freimaurerische Tätigkeit als gesellschaftpolitische Allegorie, als aufklärerische Parabel.

„Die Oper ist meiner Ansicht nach eine Darstellung der Illuminatenideologie als Produkt der Spätaufklärung, die sehr starke kirchenkritische Züge hatte.“

Die Illuminaten waren eine spezielle Spielart des Freimaurertums, die Kirchenkritik, Adels-kritik, Kritik der bestehenden Verhältnisse mit sozialethischen, humanitären, utopischen, aufklärerischen Idealen verband. Mozart war nachweislich Mitglied einer Wiener Illumina-tenloge – und nicht nur er, auch Herder, Goethe und Pestalozzi waren Illuminaten.

 „Man kann sagen, die ganze deutsche Intelligenz war Mitglied in diesem Orden. Und diese Illuminaten haben in Wien gearbeitet...ab 1785 wurden die Illuminanlogen in München zerschlagen, und in Wien verboten ... von diesem Punkt an gingen die Illuminaten in den Unter­grund „

Auch Helmut Perl hat im Untergrund, will sagen in den Schatz- und Beinhäusern der Archive und Bibliotheken Wiens und Münchens nachgeforscht und in seinem neuen Buch „Der Fall Mozart“ wie kein anderer Autor vor ihm Schluß gemacht mit den vielen falschen, verklä-renden Aussagen über den Mythos Mozart. Er präsentiert eine scharfe Analyse des Wiener Kulturkampfs zur Zeit Kaiser Josephs II und seines reaktionären Nachfolgers Leopold, er nennt die verbrecherischen Machenschaften der Jesuiten schonungslos beim Namen und er entlarvt die größtenteils auf unhaltbaren Behauptungen basierenden Mutmaßungen selbst namhafter Mo-zartforscher. Helmut Perl wirft viele Frage auf. Und er gibt viele Antworten. Er ordnet Mozart erstmals in die politische Szene seiner Zeit ein. Mehr noch als Georg Knepler in seiner nun wiederveröffentlichten Mozartbiographie von 1991.

Perl fragt: Was hat der Komponist gelesen? Wer waren seine Freunde? Worüber haben sie gesprochen? Unter welchen Umständen entstanden seine Werke? Dabei ergeben sich viele neue Einsichten! Vor allem hinsichtlich des seit 1791 ungelösten Kriminalfalls des rätselhaften Todes Mozarts und des Verschwindens seiner Leiche.  Viel spricht für die Hypothese Helmut Perls, daß nach der "Zauberflöte", die er als chiffrierte Kampfansage des radikal aufkläre-rischen Illuminaten Mozart an Adel und Klerus dechiffrierte, daß nach dem gewagten „Titus", den die Kaiserin als "porcheria tedesca" bezeichnete, die "Begräbnisreaktion" von Adel und Klerus zum Racheschlag an Mozart ausgeholt habe. Mozart  sei exkommuziert worden, des-halb sei ihm ein anständiges Begräbnis verweigert worden,  und  schließlich, angeführt vom reaktionären Leopold, der für seine gnadenlose Hatz auf die Illuminaten bekannt war, unter-stützt von den Jesuiten, unter deren starkem Einfluß die Kaiserin stand, schnell und anonym unter die Erde gebracht worden. Helmut Perl präsentiert nie zuvor gelesene Quellen, seine Argumentation ist einleuchtend und er macht auf einen Schlag die ganze Mozart-Tradition ob-solet als Mißverständnis.

„Das Missverständnis beruht auf Tradition“

Missverständnisse durchziehen die gesamte Mozartliteratur. Mozart ist wie kaum ein anderer Komponist (außer Richard Wagner) missverstanden, vereinnahmt, verharmlost, beweih-räuchert und zum Mythos erhoben worden. Das gilt auch für die Beziehung zwischen dem genialen, verspielten, lebensuntüchtigen Wunderkind Wolfgang Amadé und seinem gestrengen Vater Leopold, dem belehrenden wie komponierenden Meister Gnadenlos. Dieses Verhältnis steht in Maynard Solomons großer New Yorker Biographie „Mozart. Ein Leben“ im Zentrum.

Nach zehn Jahren ist sie nun endlich in deutscher Übersetzung erschien. Leopold hat seines Sohnes Entwicklung ja mit Argusaugen, mit Managerqualitäten und Pfennigfuchserei jahrelang überwacht und befördert. Für Solomon, und das ist seien Kernaussage, „zerriss Mozarts mu-sikalische Persönlichkeit an den falschen Vorgaben seines Vaters und dessen zweifelhafter Autorität“. Erst der schmerz­hafte Ablöseprozess von einer fast symbiotischen Vater-beziehung, die innere „Enterbung“ vom Vaters sei die Quelle seiner Kraft und die Voraus-setzung seiner Kreativität geworden.  Eine kühne, aber einleuchtende  These, die Solomon in einer allerdings nicht immer ganz koscheren, will sagen keineswegs hieb- und stichfesten  psy-chologischen Interpretation  von Werk und Biographie entwickelt.   

Wer Mozarts Verhältnis zu seinem Vater ganz genau überprüfen möchte, jenen Vater-Sohn-Konflikt zwischen gegenseitiger Wertschätzung und Konkurrenz, Kollegialität und Besser-wissere, der sollte die Briefe Mozarts lesen. Jetzt ist die berühmte, von Wilhelm Bauer und Otto Erich Deutsch begründete und von Joseph Eibel ergänzte, erst 1975 abgeschlossene Ausgabe sämtlicher Briefe und Aufzeichnungen Mozarts in einer preiswerten und kompakten Ausgabe wiederveröffentlicht worden als achtbändige Taschenbuchausgabe, die Bärenreiter und dtv gemeinsam herausbrachten. Ergänzt wurde sie um neu aufgefundene Familienkor-resprondenz, Tagebuchaufzeichnungen, Werkverzeichnisse, Reisenotizen und Ähnliches. Der Würzburger Mozartforscher Ulrich Konrad hat den achten Band dieser Kassette ver-fasst und in einem klugen Essay die neu zugeordneten Dokumente bewertet und den Briefe-schreiber Mozart gewürdigt. Man kann tatsächlich in Mozarts Briefen den „Veitstanz der Vokabeln“ oder das vorweggenommene „Worttheater Nestroys“ bewundern, man darf sie jenseits aller Sprachkrativität aber auch verstehen als beredte Dokumente einer analytisch-scharfsichtigen, psychologisch hochintelligenten wie artistisch-verspielten, mit der Sprache ebenso subtil und komplex wie mit Musik umgehenden Persönlichkeit von Ausnahmerang.

Ulrich Konrad ist nicht nur der  Herausgeber dieser neuen alten kompletten Briefausgabe, er hat auch ein eigenes  Mozart-Buch herausgebracht. Es ist vielleicht für die an der Musik  interessierten Leser das genaueste, am wenigsten spekulative, das informativste unter den neuen Mozartbüchern, denn es versucht gar nicht erst, die „vielen Lücken unserer Kenntnis von Lebenslauf und Biographie“ durch den „gefügigen Kitt erzählerisch-spekulativer Phan-tasie zu schmieren“. Konrad stützt sich ganz auf die Musik und auf die Quellen. Er zieht, mehr noch als in seinem Mozartbeitrag in der Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ eine beeindruckende Summe der heutigen Mozartforschung. Und die Hälfte des fast 500 Seiten starken Buches ist einem systematischen Werkverzeichnis gewidmet (das er übrigens auch als eigenes Buch herausbrachte). Die heutige Antwort auf das legendäre Köchelverzeichnis.

Wer sich schnell und preiswert über Mozarts Leben und Werk informieren will, dem sei Fritz Hennenbergs neuer Mozartband der inzwischen geradezu klassischen  rororo-monographien empfohlen. Eine Art Crashkurs, in dem man auf knapp 150 Seiten anschaulich und reich bebildert Mozart und sein Werk entdecken kann. Ein Mozartbuch für die Anfänger unter den Neugierigen. Wer sich sehr gründlich informieren möchte über Mozart, und über einfach alles, was Mozart angeht, dem steht mit dem nun herausgekommenen Mozart-Handbuch von Silke Leopold ein konkurrenzloses Nachschlagewerk samt Werk- und Personenregister zur Ver-fügung, das in keinem Musikschrank fehlen darf.

Viel Neues also in Sachen Mozart.
Aber das war der Anfang nur.
Mozart und die Literatur über ihn ist eine never ending story.