Dieter David Scholz

Kritiken 


Meiningen
Der Fliegende Holländer

Du sollst Dir kein Bildnis machen

 

Theatergeschichtlich ist Meiningen ein einzigartiges Juwel. Seit den Zeiten Herzog Georgs von Sachsen-Meiningen ist die „Meiningerei“ ein feststehender Begriff. Es ist eine der Geburts-urkunden des „Regietheaters“. Mit akribisch naturalistisch gemalten Hängekulissen und detailgetreuen, historisierenden Inszenierungen tourte das Meininger Hoftheater seit 1831 mit seinen Modellinszenierungen durch ganz Europa. Hans von Bülow, Max Reger und Richard Strauss zog es nach Meiningen. Sogar Richard Wagner ließ sich die Dekorationen seines ersten „Rings“ von den Meininger Gebrüdern Brückner malen. Wenn Gottfried Pilz seinem Meininger „Fliegenden Holländer“ jegliches konkrete Bild verweigert, reagiert er aus heutiger Sicht nur konsequent auf die Meininger Situation und zeigt, daß er sich auch mit der Wag-nerschen Mischung aus Ewigem Juden und Odysseus auseinandergesetzt hat, die die utopische Titelfigur jenseits von Zeit und Raum ausmacht. Heute in Meiningen Gespen-sterschiff und Nordseewogen, Spinnstube und Seemannsheim auf die  Bühne zu bringen, gliche einem Ritt über den Bodensee.

Gottfried Pilz verzichtet denn auch in seiner Inszenierung von vornherein auf jegliche Örtlichkeit und zeigt die romantische Gespensteroper als reines Seelendrama zweier Individuen, die sich aus der anonymen Chormasse herauskristallisieren. Auf weißer Bühne, vor weißem Rundhorizont, der bis in Augenhöhe plastisch gebaut ist, von Türen durch-brochen, agieren Menschen in weißer Krankenhauskleidung. Assoziationen an geschlossene Psychiatrie, aber auch an antikes Chordrama stellen sich ein. Senta und Der Holländer werden als zwei narzisstisch gestörte Persönlichkeiten (die sie ja bei Wagner sind) vorgeführt. Symbol des Narzissmus ist ein großer, goldener, leerer Bilderrahmen, der sich beim Auftritt des Holländers vom Bühnenhimmel herabsenkt. Am Ende überwindet sich der Holländer und verzichtet auf Sentas Untergang, Senta ihrerseits verzichtet auf ihr Leben zugunsten seiner Erlösung. Die narzisstische Teufelskreis ist damit unterbrochen, das Spiel mit den leeren Bilderrahmen hat ein Ende, die Emanzipation des Weibes wie des Mannes scheint geglückt. Ein Lieblingsthema Wagners. Der Goldrahmen entschwebt in den Bühnenhimmel. Wie Yin und Yang ergänzen sich plötzlich Senta und Holländer. Warum jetzt noch auf die Vereinigung im Jenseits warten? Gottfried Pilz zeigt, dass sie schon im Diesseits möglich ist. Er weiß seine plausible  Lesart spannend umzusetzen. Pilz gelingt es, ein Minimum an szenischer Kon-kretheit zu einem Maximum an Bewegung und Personenführung, Lichtregie und Farbnuancen zu verdichten. Chor und Solisten sind durchweg rollendeckend besetzt. Die jungen Sänger Erde Baydar (Holänder), Dominik Jekel (Daland),  Hans Georg Priese (der einen heldischen Erik singt) machen mit Nachdruck auf sich aufmerksam. Elizabeth Hagedorns Senta verzichtet leider auf die leisen und lyrischen Töne ihrer Partie.  Wo steht in Wagners Vor-tragsanweisung das Wort „Schreien“? Chor und Extrachor des Hauses schlagen sich tapfer. Auch die Meininger Hofkapelle macht, abgesehen von einigen Dispositionsschwächen der Bläser, Bella Figura. GMD Alan Buribayev  vernachlässigt alle Dramatik der Partitur und zugunsten eines pastosen, breiten Wagnersounds mit schier endlosen Generalpausen. Etwas mehr Tempo vom Pult aus hätte der Aufführung gut getan!

Dennoch: Eine außergewöhnliche Inszenierung und ein erfreulicher Erfolg für das Meininger Theater und den neuen Intendanten Ansgaar Haag, der es geschafft hat, das von seinem Amtsvorgänger Res Bosshart verantwortungslos beschädigte Theater wieder aus seiner Schieflage zu befreien und für künstlerischen Aufwind und neuen Publikumszuspruch zu sor-gen. Immerhin ist noch heute das Theater Meiningens größter Arbeitgeber und wichtigster, auch überregionaler Anziehungspunkt.  

  

 

Premiere und gesehene Vorstellung: 9. Februar 2007
Regie, Bühne und Kostüme: Gottfried Pilz
Chöre: Sierd Quarée
Daland: Dominik Nekel; Senta Elisabeth Hagedorn; Erik Hans-Georg Priese; Mary Ute Dähne; Steuermann Joel Montero; Holländer Erdem Baydar
Meininger Hofkapelle, Leitung: Alan Buribayev

 Opernwelt/MDR