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Dieter David Scholz
Kritiken Altes Konzept in neuen Bildern Die Zauberflöte -
Anhaltisches Theater Dessau
Moderator: Am Anhaltischen Theater Dessau hatte gestern abend Mozarts „Zauberflöte“ Premiere. Der Hausherr selbst, Johannes Felsenstein, hat Regie geführt. Auf diese, seine „Zauberflöte“ war man um so gespannter, als vor etwas mehr als 50 Jahren sein Vater, Walter Felsenstein, eine berühmte, geradezu modellhafte "Zauberflöte" herausgebracht hat, die an der Komischen Oper in Berlin weit über 200 Mal bis in die Sechzigerjahre hinein gelaufen ist. Nun hat Johannes Felsenstein im Vorfeld der gestrigen Premiere verkündet, er wolle eine ganz andere, eine moderne Version der Zauberflöte auf die Bühne Bringen. Dieter David Scholz , Sie waren gestern abend in der Dessauer Premiere. Hat sich denn Johannes Felsenstein tatsächlich ganz und gar nicht von der Vorlage seines Vaters beeinflussen lassen? Scholz: Oh doch, er hat sich sehr von ihr beeinflussen lassen! Er hat sogar den orientalisch anmutenden Originalvorhang der Inszenierung seines Vaters benutzt, auf dem die Vorge-schichte der Oper, wie also Paminas Vater die Zauberflöte schnitzt, dargestellt ist. Und nicht nur das, er hat eine ganze Reihe von Einfällen seines Vaters, bis hin zu geradezu legendären Details der ja hinreichend dokumentierten Inszenierung vom Papa abgekupfert, ich nenne nur Papagenos erotischen Traum bei seinem Lied: Ein Mädchen oder Weibchen. Oder, um ein anderes Detail der Personenführung zu nennen: Sarastro drückt Pamina bei seiner Hallenarie den Dolch, mit dem sie ihn ermorden sollte, in die Hand, um seine Güte zu zeigen und ihre freie Entscheidung zum Guten zu überprüfen. Auch die Königin der Nacht wird, wie bei Vater Walter, als Lügnerin dargestellt, die sich billiger Zaubertricks bedient, um die Leute zu bluffen, ein dramaturgischer Kniff, um eine bruchlose, rein menschlich verständliche Handlung des Stücks zu erreichen. Im Grunde hat Johannes, wie sein Vater Walter Felsenstein die Zau-berflöte aller Metaphysik entledigt und zu einem tönenden Drama von Saratros Gut-menschentum umgestrickt. Und dazu hat er auch die Dialoge reichlich beschnitten und sogar, wie sein Vater, aus dramaturgischen Gründen zugunsten der psychologischen Glaub-würdigkeit das Terzett Nr. 19 gestrichen, ersatzlos. Einen entscheidenden Unterschied gibt es allerdings: Bei Walter Felsenstein war die „Zauberflöte“ ein Stück über politischen Macht-wechsel, weshalb sie den DDR-Oberen so genehm war. Bei Johannes Felsenstein wird die „Zauberföte“ zu einem Stück über Machtablehnung und Machtverzicht aus Menschlichkeit im Angesicht der Bedrohungen unserer Zeit und der Hinfälligkeit des Menschen, auch und gerade des schwachen, des kranken, des alten und behinderten Menschen. Also eine sehr moralisierende Lesart. Moderator: In was für Bilder hat Johannes Felsenstein seine Botschaft gefasst? Was sieht man denn da auf der Bühne? Johannes Felsenstein hat sich von seinem Ausstatter Stefan Rieckhoff einen sciencefiction-haften Tempel bauen lassen, der wie eine dieser Escher-Architekturen aussieht, die durch ihre optischen Täuschungen berühmt geworden sind. Dieser weiße, steinerne Tempel liegt, oder schwebt, besser gesagt, seitwärts gekippt im Weltraum, umgeben von Kometen, Planeten, Spiralnebeln und Sternen. Und darin wird zu Beginn, bei der Introduktion, ein Film gezeigt, der die Bedrohungen unserer Zeit zusammenrafft: Man sieht die zusammenstürzenden Twin Towers, einen Tsunami, die Atombombenexplosion von Hiroshima, Saddam Husseins Sturz, Bombenabwürfe, Kriegsgreuel und dergleichen mehr. Dieses cineastische Schreckens-szenario ersetzt den Schrecken der Schlange, vor der Tamino in Ohnmacht fällt. Die drei Da-men springen wie amerikanische Mannequins oder Revuegirls der Vorkriegszeit in Schwarz aus der Projektionsfläche des Films auf die Bühne.
(Stefanie Wüst) Auch die Königin der Nacht, ihre Dienstherrin, tritt wie eine mondäne amerikanische Film-schauspielerin der Vierzigerjahre auf. Immerhin eine tolle Type. Sängerisch ist sie zweit-klassig. Man erkennt sofort, aha, eine frivole Taschentrick-Ganovin der höheren, der erotischen Art. Das ist nicht ohne Witz und Ironie. Plakativer wirkt die Erscheinung Sarastros.
(Marek Wojciechowski ) Er schreitet ganz in Orange würdevoll daher. Ein Oberguru mit orangefarbener Strickmütze, eine Art Sanjassin der Menschheitsbeglückung und -Verbesserung. Seine Priester und Spre-cher sind ebenfalls alle in Orange gewandet. Nur Papageno ist so ein Strassen-Kid von heute, auch Papagena im roten Edelküchen-Kittel ist von dieser Welt, und natürlich Pamina, ein burschikoses Frauenzimmer mit kuren Hosen und Bubikopf, das Vater Walter Felsenstein gefallen haben dürfte. Das Ganze wird zu einer humanistischen Parabel über die Güte des Menschen theatralisch aufgemischt, und soll den Sieg des Guten über das Böse zeigen, in dem auch die Kranken und Alten und Behinderten integriert werden. Wenn nämlich Tamino sein Lied singt: Wie stark ist nicht Dein Zauberton treten anstatt der wilden Tiere, wie bei Mozart und Schikaneder gefordert, in Dessau geistig und körperlich Behinderte, Rollstuhl-fahrer und Greise auf. Ohne Johannes Felsenstein unterstellen zu wollen, damit auf den Zuge der Behinderten-Freakshows aufspringen zu wollen, die ja seit einiger Zeit Hochkonjunktur feiern, kann man dies geschmacklos finden oder mutig.
Moderator: Wie kam das denn beim Publikum an? Scholz: Es gab natürlich einige Leute, die irritiert waren. Aber die Mehrheit des Publikums war begeistert. Es hat Johannes Felsenstein und alle Mitwirkenden ausgiebig gefeiert. Die Vorstellung war restlos ausverkauft. Für das grosse Dessauer Theater ein schöner Erfolg. Die Aufführung ist, trotz aller dramaturgischen Einwände immerhin ein vitales, spassiges Theater-ereignis, dessen Besuch sich für das überwiegende Publikum sicher lohnt, übrigens auch und gerade wegen seiner musikalischen Qualität, für die der zuverlässige und fabelhafte GMD Golo Berg steht. Er hat eine im Detail wie in der Gesamtanlage ausserordentlich feine, eine stilvolle und berührende "Zauberflöte" dirigiert. Die Anhaltische Philharmonie spielt tadellos und klangschön. Und auch die sängerische Besetzung ist insgesamt sehr überzeu-gend. Herausragend: Marek Wojciechowski als Sarastro und Jörg Brückner als Tamino
(Jörg Brückner)
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