Dieter David Scholz

Kritiken 


Biedermeier-Parodie als satirische Fünfzigerjahre-Komödie

Klaus Guths Musterinszenierung von Lortzings "Wildschütz" an der Staatsoperette in Dresden.

Ein Loblied des Vorstadttheaters

Premiere: 22.4.2005                                                

 

Die Dresdner Staatsoperette ist eines der letzten traditionsreichen Operettenhäuser Deutsch-lands,  in der Vorstadt Leuben, am südöstlichen Stadtrand der Elbmetropole gelegen. Viel wird in letzter Zeit über die Dresdener Staatsoperette geredet: Fusionierung fordern die Ei-nen, Standortverlagerung in die Innenstadt und Neubau die Anderen. Das Haus ist bejahrt. Aus dem "Feen-Palast" Gasthof Leuben wurde das Apollo-Theater, 1947 dann die Staats-operette.   Künstlerisch hat sie jetzt von sich reden gemacht durch eine Neuproduktion eines der Gefragtesten wie Interessantesten unter den jungen Regisseuren. Klaus Guth  hat an der  Dresdner Staatsoperette Lortzings Komische "Der Wildschütz" herausgebracht.

(Gerd Wiemer, Michael Heim,  Ilona Nymoen, Ingeborg Schöpf,Rolf Wollrad)

Als eine subversive Kostbarkeit aus dem Biedermeier hat Klaus Guth den Wildschütz insze-niert, mit allen Formen von Ironie, Sarkasmus und augenzwinkernder Freischütz-"Poesie". Und er hat sichtlich Spaß daran gehabt. Außerordentlichen Spaß hat aber auch das Dresdner Publikum, das die inzwischen sieben Jahre alte Inszenierung erleben durfte, die Guth seinerzeit am Münchner Gärtnerplatztheater herausbrachte, und die jetzt  von Julia Riegel, seiner einstigen Assistentin neu und exzellent einstudiert wurde, und die kein bißchen angestaubt wirkte. Ein Hochgenuß an einleuchtender Personenführung und intelligenter Regie aus dem Geiste der Opéra bouffe, des Revuetheaters und der Operette. Klaus Guth hat ein Herz für dieses so oft und zu Unrecht erkannte Genre entdeckt: "Absolut, und ich werde das auch weiterhin verfolgen!" Er ist glücklich, sein "Baby", wie er die besonders kurzweilige Vorzeigeinszenierung der Komischen Oper nennt, in der Dresdener Staatsoperette zu sehen. "Die hab ich zwar erst durch die Anfrage kennengelernt,  aber ich habe gleich gemerk  , wie intensiv, und vor allem mit was für einem richtigen Geist  hier gearbeitet wird. Das hat mich überzeugt und ich habe die Inszenierung sehr gerne in die Hände der Staatsoperette Dresden gegeben. Ich  finde das ist ein guter Ort!"

Klaus Guth hat das Stück in einer Art Fünfzigerjahre-Biedermeier vor Wohnzimmertapeten-Waldhorizont, zwischen Neckermann-Barocklämpchen und  allerlei spießigen Accessoirs der Wirtschaftswunderjahre mit ihrer Doppelmoral und Verlogenheit angesiedelt. Die etwas ver-wirrende Überkreuzdramaturgie des Stücks mit seinen zwei adligen und dem bürgerlichen Paar hat Guth für den Zuschauer einleuchtend entwirrt. Den Adligen, so zeigt er,  geht´s immer nur um die Erotik, den Bürgerlichen eigentlich nur ums liebe Geld. Biedermeier von seiner desillusionierenden Seite. Die Grausamkeit und Herzlosigkeit des Librettos wird in der Grausamkeit des Spießigen gespiegelt, ob Hochzeitsfeier, Schulunterricht oder Jagdausflug mit Männerchor.

 (Chor, Gerd Wiemer)

Im Mittelpunkt der vitalen und kurzweiligen Produktion der Erzkomiker Rolf Wollrad, eine Dresdner Institution des Musiktheaters, als Dorfschullehrer Baculus – jenseits allen Chargie-rens. Eine überzeugende  Heinz Erhard-Karikatur.  Rolf Wollrad als Baculus ist ein Glücksfall an singschauspielerischer Rollenverwirklichung.

(Gbriele Rösel und Rolf Wollrad)

Ein Glücksfall ist aber auch Klaus Guth als Regisseur dieser so oft als Stück verharmlosten wie in seinen Ansprüchen unterschätzen, herzhaft bösen Biedermeierparodie Lortzings. Nie habe ich eine so überzeugende, intelligente wie unterhaltsame Inszenierung des "Wildschütz" gesehen, eine Produktion, die gleichermaßen das intellektuelle wie das Volkstheaterpublikum zu begeistern und zu befriedigen versteht!

Schaller: "Wir sind sind das musikalische Volkstheater der Dresdner. Und hier darf man mit gutem Recht erwarten, daß man sich gut amüsiert, daß man mit großem Niveau unterhalten wird, daß man über die Mächtigen lachen kann, daß der Schenkel zuckt beim Cancan. Diese wirklich wichtigen Elemente eines Volkstheater, die bedienen wir mit ganzer Leidenschaft."

Der Wildschütz ist – frei nach August von Kotzebues Stück  – eine der besten, gewisser-maßen schwarzen Komödien des Biedermeier. Als solche erlebt man sie in der fabelhaften Dresdner Produktion. Heinz Zimmer ist das komische Faktotum der Inszenierung. In der Partie des Haushofmeisters Pankratius gibt er dem Affen Zucker mit seinem sächsischen Mundwerk. Es darf gelacht  werden! Aber auch die übrigen Solisen bilden ein rundum überzeugendes  Operetten-Ensemble singschauspielernder Charakter-Typen, wie man es in keiner Staatsoper fände. Ein Lob des Vorstadttheaters an dieser Stelle! Auch wenn Staatsoperettenintendant Wolfgang Schaller sich wie in alten Dresdner Vorkriegs-Zeiten nach einem Zentraltheater der Operette sehnt: "Ja, die jetzige Situation ist dadurch gekennzeichnet, daß wir weiter an dem Plan eines Neubaus der Staatsoperette an der Innenstadt weiter-arbeiten Ein Neubau am Wiener Platz, unmittelbar am Hauptbahnhof gelegen, würde durch die Raumgröße veränderte Eintrittspreise und höhere Eigeneinnahmen ermöglichen, wodurch die Kosten gesenk würden."  

Bei 205 Vorstellungen pro Spielzeit, 600 Plätzen, einer geradezu traumhaften Platzausnutzung von mehr als 80 Prozent, bei 25 Gastspielreisen und hohem Eigenerwirtschaftungsanteil des 11-Millionen-Etats ist die materielle Situation des Dresdner Operettenhauses nicht eigentlich schlecht oder gefährdet. Auch und gerade ein Intendant sollte jenseits aller Rechenkame-ralistik und Eitelkeiten nicht vergessen, daß das  Vorstadttheater , ob in Wien, in München, in Berlin, in Leipzig oder in Dresden - in der Geschichte wie in der Gegenwart, soweit noch vorhanden - seinen Charme und seine Möglichkeiten gerade durch die Entfernung vom Metropolen-Mittelpunkt bezieht.

Insofern ist der Wunsch des Intendanten der Dresdner Staatsoperette – der viele Jahre an der Semperoper arbeitete – nach Standortveränderung Richtung Stadtmitte ein zwar ver-ständlicher, aber durchaus  in Frage zu stellender. Zumal das Haus in Leuben ein treues, sein Theater liebendes wie belebendes Stammpublikum hat, das eben nicht aus der Stadtmitte kommt. Die Klientel jenseits des Semperopernpublikums und die jetzigen Besucherzahlen sollte man respektieren und um Gottes bzw. des Theaters Willen nicht verspielen.  

 

MDR, NDR