Dieter David Scholz

Kritiken 


Frühkritik für RBB, Kulturradio am Morgen, 21.5.2004

 Versuchung
Oper in einem Akt von Qu Xiao-song
Libretto: Wu-Lang und Qu Xiao-song
Zeitgenössische Oper Berlin im Hebbel-Theater, Berlin
20.-23. Mai 2004, 20.00 Uhr

Die Zeitgenössische Oper Berlin zeigte vor einem Jahr die Kammeroper "Die letzte Saite" des chinesischen Komponisten Qu-Xiao-song. Aufgrund des großen Erfolges dieser Produktion beauftragte die Münchener Biennale, ein Internationales Festival für Neues Musiktheater, Qu-Xiao-song mit der Komposition eines weiteren Musiktheaterwerks in künstlerischer Umsetz-ung durch die Zeitgenössische Oper Berlin. Dieses neue Werk ist die einak-tige Oper "Versuchung". Vor einer Woche wurde diese Produktion  in Mün-chen uraufgeführt. Nun ist sie im Berliner Hebbel-Theater zu sehen. Gestern abend war Premiere. Dieter David Scholz war für uns dabei. Herr Scholz, war es ein ähnlich großer Erfolg, wie "Die letzte Saite" im vergangenen Jahr?

 

Ja, das Publikum hat geradezu gerast vor Begeisterung gestern abend, es gab Standing ovations für alle Beteiligten, und das zurecht, denn es ist eine herausragende, künstlerisch sehr hochkarätige Veranstaltung des Berliner Opernlebens. Auch wenn vielleicht nicht jeder mit der Musik von Qu-Xiao-song etwas anfangen kann ist der Reiz des Fremden, die Faszination der traditionellen chinesischen Oper, außerordentlich. Man muß auch gar nicht darüber nachdenken, ob der Versuch, der altchinesischen Operntradition gerecht zu werden, authentisch, oder sagen wir im Sinne der "historischen Aufführungspraxis" verantwortungsvoll durchgeführt wurde. Das eher sogar nicht, werden wahrscheinlich die Kenner, die Puristen und Freaks dieser Tradition behaupten. Aber das ist ganz egal. Es ist ein faszinierend sinnliches, suggestives, exotisches  Theater-Ereignis, das die Zeitgenös-sische Oper entfaltet.

Ein paar Worte vielleicht zur Handlung und zur Machart. Der 1952 gebo-rene Komponist Qu-Xiao-song hat einen alten, traditionellen Stoff des chi-nesischen Theaters aufgegriffen, die Geschichte von Zhuang Zou und sei-ner Prüfung. Zhuang Zou ist neben Lao-tse einer der wichtigsten Vertreter der philosophischen Schule der Taoisten. Und dieser Zhuang Zou prüft, ausgelöst durch die Begegnung einer jungen Witwe, die, kaum ist ihr Mann tot, schon an den nächsten Mann denkt, er prüft nun seine eigene Frau, indem er seinen Tod vortäuscht und sie durch einen jungen Prinzen in Ver-suchung führt. Natürlich kann sie der Versuchung dieses Mannes nicht wi-derstehen, zumal er sich als Wiedergeburt ihres verstorbenen Ehemannes ausgibt. Und Zhuang  Zhou sieht ein: Cosi fan tutte. So machen´s alle. Das ist nun mal der Lauf der Welt. "Die Frauen sind wie Wasser", sagt er, "flie-ßen ist ihre Natur." Und er begreift einmal mehr die Vergänglichkeit aller Gefühle. Und räsonniert über die Relativität von Liebe und Leben, Erfolg und Macht. Damit schließt sich der Kreis. Schon zu Beginn ist er nämlich in der Unterwelt den Skeletten verstorbener großer Staatsmänner, Dichter und Philosophen begegnet und hat die Hinfälligkeit alles Irdischen begriffen.

Das Stück ist eine wunderbare Parabel über das wechselseitige Ineinander von Traum und Wirklichkeit, von Realität und inszeniertem Spiel, man kön-nte auch sagen von Kunst und Leben. Und die Inszenierung von Sabrina Hölzer, die eine ausgewiesene Kennerin des chinesischen Theaters ist, hat dieses philosophische Stück auf eine  angemessen artifizielle, kunstvoll-überhöhte Ebene gehoben, die dem Stück die nötige Dringlichkeit und Sinnlichkeit gibt. Ein weißes, auf der Spitze stehendes, leicht gekipptes Viereck, das zunächst mit schwarze Tüchern bedeckt ist, die allmählich weggezogen werden, ein heller, leuchtender Hintergrundprospekt, das ist die ganze Bühnendekoration. Um diese Spielfläche herum sitzen die 14 Musiker, vorne die traditionellen chinesischen Instrumente, hinten die europäischen. Die Partie des Philosophen und seiner Frau werden von ausgebildeten chinesischen Opernsängern dargestellt. Der Schamane in einem prachtvollen roten Kostüm ist ein Vertreter des archaischen tausend-jährigen Qin Qiang-Stils aus dem Norden Chinas. Seine Auftritte sind atem-beraubende Beispiele ritueller Ausdruckskunst. Der junge Prinz wird in weißem Kostüm von einer Spezialistin für Travestie-Rollen aus der jüngeren und verfeinerten südchinesischen Kunqu-Schule dargstellt. Auch diese Darstellerin ist in Schminkmaske, Kostüm und Bewegungskanon ganz der Tradition verpflichtet. Ein berühmter chinesischer Bassist, Gong Dong-jian, gibt den würdevollen Philosophen. Alle Darsteller sind Virtuosen ihres Fachs. Der Darstellungsstil und die Dramaturgie dieser Oper sind natürlich unrealistisch. Das ist durch und durch künstliches Theater, aber gerade darum so anrührend und mitreißend.   Und Qu Xiao-songs Musik ist eine Musik der Klangsinnlichkeit, der Lebensganzheit und der Synthese von Natur und Kultur, aber auch der Verschmelzung von Westlichem und Fern-östlichem. Wer Ohren hat zu hören, kann sich dem Zauber dieser exo-tischen Klänge, die von der Stille bis an die Grenze des Orgiastischen  gehen, nicht entziehen. Man sollte sich diese chinesische Oper im Hebbel Theater auf keinen Fall entgehen lassen!