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Dieter David Scholz
Kritiken
Meteor-Einschlag in Leipzig
Riccardo Chaillys Debüt am Opernhaus Leipzig
mit Verdis Requiem
Oper Leipzig, 9. November 2004

Moderator: Gestern abend hat sich der
Dirigent Riccardo Chailly, designierter General-musikdirektor der Oper
Leipzig und Gewandhauskapellmeister dem Leipziger Opern-publikum vorgestellt
mit einer Aufführung des Verdi-Requiems in der Oper Leipzig. Die Aufführung
war seit langem ausverkauft, die Erwartungen waren hochgesteckt. Wie war
sein Einstand?
Scholz: Fulminant! Er hat eine geradezu
erschütternde Lesart des Verdi-Requiems hingelegt, die wohl niemanden im
vollbesetzten Saal unberührt gelassen hat. Chailly hat das Stück ernst
genommen als das, was es ist und gegen den berühmten Ausspruch Hans von
Bülows, es sei eigentlich nur eine Oper im Kirchengewande, als Verdis
radikalste Darstellung kollektiver Angst nämlich. Und er hat das vorgeführt
in einer Schärfe und Unerbittlichkeit, wie man es nicht oft erlebt hat. Mit
gnadenlos losbrechenden Tutti-Schlägen im Orchester, peitschenden
Bläserskalen, mit starken Kontrasten in der Dynamik, die Trompetenfanfaren
kamen aus den Logen im Zuschauerraum. Chailly hat im Dies Irae wirklich die
Hölle losbrechen lassen und doch waren auch da immer alle Stimmen klar und
deutlich hörbar. Es war ein geradezu Toscaninihaftes Exempel in analytischer
Klarheit und Transparenz. Chailly hat darüberhinaus ein untrügliches Gespür
für Temporelationen, er hat sein italienisches Temperament nicht gezügelt.
Er kostet die Ausdrucksextreme der Musik Verdis geradezu extatisch aus und
er ist einfach ein Perfektionist. Ich muß sagen, ich habe das
Gewandhausorchester im italienischen Fach niemals so präzise, so klangschön
gehört. Und die Art, wie das künftige Orchester Chaillys in einer weit über
den Konzertalltag hinausgehenden Konzentration gespielt hat, war zutiefst
beeindruckend.
Moderator: Nun ist das Requiem auch ein
großes Chorstück. Es ging in den letzten Tagen das Gerücht um, Riccardo
Chailly habe den Chordirektor der Oper Leipzig gefeuert. Auch habe er
bereits mit Rücktritt gedroht, falls die Stadt ihre finanziellen Zusagen
nicht einhält. Stimmt das?
Scholz: Ach wissen Sie, Gerüchte gibt
es immer, wenn neue Besen auftauchen, egal wie sie putzen. Und eine solche
künstlerische Ausnahmeerscheinung wie Riccardo Chailly hat na-türlich, bei
seinen Anforderungen und Qualitäten, die weit über das normale Maß
hinausge-hen, nicht nur Freunde. Was an diesen Gerüchten dran ist, entzieht
sich meiner Kenntnis. Man sollte Gerüchte auch nicht zu ernst nehmen. Und in
der Kunst zählt ohnehin nur das Ergebnis. Und das war einfach hinreißend.
Chailly hat für dieses Requiem seinen Mailänder Chor (die Fondazione Coro
Sinfonico di Milano Giuseppe Verdi) hinzugezogen. Der hat gemeinsam mit dem
Opernchor Leipzig die große Chorpartie gesungen. Und die ist ja weiß Gott
kein Pap-penstiel. Der Mailänder Chordirektor Romano Gandolfi hat, gemeinsam
mit dem Leipziger Chordirektor Anton Tremmel diesen Riesenchor von mehr als
hundert Stimmen faszinierend präzise einstudiert. Da saß jede Phrasierung.
Die Differenziertheit des Vortrags war frappie-rend. Man hat noch das
leiseste Gebets-Flüstern der Schmerzenslaute und Klagerufe deutlich
artikuliert verstanden. Der Chor war ausdrucksintensiv in einer
Hochgespanntheit und zu-gleich Beherrschtheit, die bewundernswert war. Aber
auch die solistische Besetzung ist nicht anders als exquisit zu nennen. Vier
junge, international renommierte Solisten waren zu Gast, die Sopranistin
Carmela Remigio, die Mezzosopranistin Gloria Scalchi, der Tenor Massimo
Giordano und der Bassist Orlin Anastassov. Alles werdende neue Stars. Man
kann nicht an-ders, als von einer Idealbesetzung zu sprechen. Dieses Requiem
unter Chailly war eine Stern-stunde. Und man muß dankbar sein, sie erlebt zu
haben.
Moderator: War das Publikum denn auch dankbar?
Scholz: Dankbar ist gar kein
Ausdruck. Der Jubel war unbeschreiblich. So konzentriert und
mucksmäuschenstill das Publikum neunzig Minuten auf der Stahlkante saß, so
lautstark hat es nach der letzten Erlösungsbitte des Libera me Riccardo
Chailly als neuen Musikchef Leipzigs gefeiert, mit Standing ovations, mit
Bravorufen, die kein Ende nehmen wollten. So eine Publi-kumsbegeisterung hat
man in der Leipziger Oper lange nicht gehört. Aber das Leipziger Pu-blikum
hat auch allen Grund nach dieser Aufführung, sich zu freuen auf den Anbruch
einer neuen künstlerischen Ära, die mit Riccardo Chaillys Kommen zu erwarten
ist. Und man darf sicher sein, daß das vielversprechend ist.
Moderator: Gibt es denn bereits konkrete Pläne,
Projekte, Vorhaben, die man nennen kann?
Scholz: Nein, man hüllt
sich seitens der Oper in völliges Schweigen. Es ist die Rede von
fi-nanziellen und strukturellen Veränderungen im Opernhaus Leipzig. Man
munkelt über Kürzungen im Kulturetat, man redet von Sparzwängen ... Es
scheint hinter den Kulissen hoch her zu gehen. Aber es ist doch ganz normal,
wenn ins vorherrschende Mittelmaß das Außer-gewöhnliche einschlägt wie ein
Meteor. Von daher erklären sich auch alle gegenwärtigen Ge-rüchte und
Geheimnistuereien. Riccardo Chailly hat außergewöhnliche Ansprüche, aber er
leistet auch Außergewöhnliches. Das Außergewöhnliche hat nun mal seinen
Preis. Daß er nach Leipzig kommt und zwar in der Doppelfunktion als GMD der
Oper und als Gewand-hauskapellmeister in einer Person, das gab es drei
Jahrzehnte lang nicht mehr, das ist ein Glücksfall für Leipzig, und man kann
nur hoffen und wünschen, daß ihm von allen Seiten rote Teppiche ausgerollt
werden, will sagen auch die nötigen strukturellen Voraussetzungen und
finanziellen Mittel zugesprochen werden, die er benötigt. Das Besondere ist
nun mal nicht billig zu haben.
MDR, Figaro + MDR Info, 10.11.2004
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