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Dieter David Scholz
Kritiken
Gesellenstück

Il Trittico – G.
Puccini
Inszenierung: Katharina Wagner
ML: Stefano Ranzani. Ausstattung: Alexander Dodge
Deutsche Oper Berlin, Premiere 8.01.2006
Katharina Wagner, die Tochter des
Bayreuther Festspielchefs Wolfgang aus zweiter Ehe, und Kronprinzessin in
der künftigen Nachfolge-Wunschregelung der Festspielleitung am Grünen Hügel,
sie wird im kommenden Jahr mit den „Meistersingern“ in Bayreuth debü-tieren.
Nun hat sie an der Deutschen Oper Berlin ihren Einstand gegeben mit
Puccinis „Trittico“. Kein leichtes Stück, es sind eigentlich drei Stücke,
und das an einem großen Haus. Ist das so etwas wie die Nagelprobe vor dem
Einzug in Bayreuth?
Gewissermaßen schon, denn sie hat ja
bisher drei Inszenierungen gemacht: den Fliegenden Holländer in Würzburg
(2002), den Lohengrin in Budapest (2004) und den Waffenschmied im
vergangenen Jahr in München. Das Trittico an der Deutschen Oper Berlin ist
der bishe-rige Höhepunkt ihrer noch sehr jungen Karriere, sowohl was den
prominenten Aufführungsort als auch das Stück bzw. die Anforderungen und
Herausforderungen angeht, die es an einen Regisseur stellt. Die bisherigen
Aufführungen waren ja keine aufsehenerregenden Inszenie-rungen, die
Katherina Wagner ablieferte, allenfalls respektable Arbeiten einer
Regienovizin. Wahrgenommen wurden diese Arbeiten ja im Grunde nur, weil
Katherina die Urenkelin Ri-chard Wagners ist. Und man weiß ja, dass diese
Arbeiten gezielte karrierestrategische Bau-steine sind auf dem Weg zu ihrem
von Vater Wolfgang, dem heutigen Festspielchef ge-wünschten Einzug ins
Bayreuther Unternehmen. Wo sie übrigens seit gut zehn Jahren
Regie-assistentin ist und in der Festspielleitung mitarbeitet. Insofern war
man natürlich sehr gespannt auf dieses Trittico. Die bisherigen
Inszenierungen Katherinas fanden in der Provinz statt, oder ganz weit weg.
Sie hat sich und ihr Fähigkeiten dort ausprobiert. Nun hat sie in Berlin, wo
alle Welt auf sie schaut, ihr Gesellenstück abgeliefert. Der Weg nach
Bayreuth scheint damit geebnet.
Nun ist das Trittico
von Puccini ja kein leichter Abend für einen Opernregisseur. Es sind drei
sehr unterschiedliche Stücke, „Der Mantel“, „Schwester Angelica“ und Gianni
Schicchi“, die unter einen Hut gebracht werden müssen, eine Tragödie, eine
Erlösungsoper und eine deftige Komödie. Daran sind schon manche alten Hasen
gescheitert. Es gehört für eine Anfängerin wie Katharina Wagner schon Mut
dazu, sich an dieses Tryptichon heranzuwagen. Wie ist sie diesen drei
Stücken zuleibe gerückt?
Erstaunlich respektlos,
geradezu frech, unbekümmert, und sehr intelligent. Sie hat zunächst einmal
die übliche Reihenfolge der Stücke auf den Kopf gestellt. Sie fängt mit
Schwester Angelica, der tragischen Geschichte einer Selbstmord verübenden
Nonne an. Sie zeigt sie als Erlösungsoper einer von Schuldgefühlen und
Schmerz über den Tod ihres unehelichen Kindes Gepeinigten. Dann fügt sie die
Erbschleicher-Komödie Gianni Schicchi als Mafiastück in die Mitte und endet
mit dem sozialkritischen Seine-Schiffer-Stück. Katharina Wagner hat eine
sinnige dramaturgische Klammer für diese Reihenfolge gefunden: Schwester
Angelica handelt vom tiefen, wahren Glauben, Gianni Schicchi vom falschen
Glauben, von Gaunerei unterm Deckmäntelchen der Frömmelei, und Der Mantel
als Tragödie eines alten Unternehmer-ehepaares schließlich handelt von
Glaubensferne. Alle drei Stücke werden zeitlos modern gezeigt.

Verzahnt hat Katherina
Wagner sie durch ein Einheitsbühnenbild, das ihr Ausstatter Alexan-der Dodge
sehr aufwendig gebaut hat. Ein Raum, der Kloster, Sterbezimmer und
Schlaf-zimmer zugleich ist. Es gibt szenische Leitmotive, etwa der
Muttergottes, die im Klosterstück noch eine lebende Figur ist, zwischendurch
auch mal raucht (wenn es die Nonnen nicht sehen) und wahre kleinere Wunder
tut. Im Erbschleicherstück ist sie schon zur Goldstatue erstarrt und im
Schlussstück wird sie ersetzt durch profane Menschen.

Auch der Auftritt eines
Kindes zieht sich durch alle Stück, als Ikone von ersehntem Mut-terglück.
Katharina Wagner hat das alles sehr geschickt ineinander gefügt, sie lässt
die rea-listischen und psychologischen Ebenen sich immer wieder
durchdringen. Da lässt natürlich immer wieder Neuenfels grüßen, zu dem sich
Katharina Wagner ja gern bekennt. Viel Phan-tastik ist im Spiel, Surreales,
auch ironische Blasphemie, etwa wenn Jesus persönlich mit blau blinkendem
Herzen über die Klosterbetten steigt oder die Kruzfixe in Gianni Schicchi
blinken und ewige Lichter den Tod Buoso Donatis illuminieren. Nonnen dürfen
fröhliche gymna-stische Übungen machen. Rauschgoldenegel winken mit den
Flügeln zum Fenster herein. Immer wieder hat die Aufführung etwas von
Revue oder Musical. Aber auch die Gegenüberstellung von himmlischer und
irdischer Liebe, Verfehlung und Mutterliebe (Madonna-Angelica), von
Erbschleicherei (Principessa - Zia & Co) und Betrug auf verschiedenen Ebenen
gibt zu denken. Und es gibt viel zu lachen. Aber auch zu entdecken gerade in der
Personenführung und in der Aufdeckung von inneren, traumhaften, quasi
psychoanalytischen Zusammenhängen, die ins Bild gesetzt werden. Eine
intelligente, konsequente und bei allem Humor diskrete Inszenierung.
Und Katharina Wagner hat
Humor. Beispielsweise zeigt sie den Gesetzeskenner und –Erzgauner Gianni
Schicchi und den Notar in der Maske des Berliner Prominentenanwalts Raue. Da
haben die Berliner natürlich herzhaft gelacht! Die doppelte Erbbetrügerei
wird als abgekartetes Mafiastück gezeigt, in dem - im wahrsten Sinne des
Wortes - über Leichen gegangen wird, die gar nicht erst versteckt zu werden
brauchen. Den Mantel zeigt Katharina Wagner übrigens als Einbildung einer
frustrierten Ehefrau. So hat man diese Stücke noch nicht gesehen. Und ich
muß sagen, ich war überrascht über dieses launige Gesellstück Katharina
Wagners!

War der Abend denn auch musikalisch so überzeugend?
Musikalisch war das ein großer Abend
wie lange nicht mehr in der Deutschen Oper Berlin. Stefano Ranzani, einer
der aufstrebenden italienischen Dirigenten in der zweiten Reihe, hat die
drei Stücke so interessant, so intelligent und analytisch dirigiert, wie
man sie selten hört, mit Ironie und Augenzwinkern, aber auch mit starken
Emotionen. Da hörte man auch mu-sikalisch subtile Querbezüge und
Binnen-Strukturen. Eine Lesart, die der Inszenierung entsprach. Und man
hatte mit einer Mischung aus Hausensemble und Staraufgebot eine rundum
überzeugende Besetzung zustande gebracht.
Marina Prudenskaja - La Principessa + Zita
Cristina Gallardo-Domas - Suor Angelica
Alberto Rinaldi - Gianni Schicchi
Paolo Gavanelli - Michele
Vincenzo La Scola - Luigi
Chiara Taigi - Giorgetta
Fionnuala McCarthy - Lauretta
Wie hat denn das Publikum reagiert auf diese
überraschende Produktion? Die Erwar-tungen waren ja sehr hoch, die Skepsis
war nicht gering und der Ansturm von zum Teil weitangereistem Publikum und
internationaler Presse auf diese Inszenierung war enorm?
Es war ein Großaufgebot an Politprominenz, VIPs und an
internationaler Presse wie lange nicht mehr in der Deutschen Oper Berlin.
Natürlich waren auch Wolfgang Wagner und Gattin anwesend. Es gab natürlich
Buhs für Katharina Wagner und ihre surrealen Regiegags, über die man sich ja
auch streiten kann. Aber der überwiegende Teil des Publikums in der völlig
ausverkauften Deutschen Oper war begeistert und machte aus seiner
Begeisterung auch keinen Hehl.
Katharina Wagner hat also mit Puccinis „Trittico“ an
der Deutschen Oper Berlin einen Erfolg für sich verbuchen können. Darf man
gespannt sein auf ihre „Meistersinger“ in Bayreuth im nächsten Jahr?
Ich glaube schon, denn sie hat gezeigt, dass sie einen
großen Apparat auf der Bühne organi-sieren und führen kann, sie hat
Intelligenz, Witz , hintergründigen Humor und Handwerk be-wiesen, sie hat
einen kompetenten Ausstatter und einen tüchtigen Dramaturgen. Und mit
diesem Team wird sie sich – sie hat es ja bekannt – sorgfältig und in Ruhe
auf ihr Debüt in Bayreuth vorbereiten. Ein Debüt, das ja, wie wir wissen,
mehr ist als nur ein Regiedebüt.

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