|
|
Dieter David Scholz
Kritiken Von Liebeszauber kein Spur! Sommerfestspiele 2006, Baden-Baden, 19.07.2006: Es wurde als Sensation bewertet, als im Mai vergangenen Jahres Wagners „Tristan“ am St. Petersburger Mariinsky-Theater herauskam, in einer eindrucksvollen, ungewönlichen Insze-nierung von Dmitri Tcherniakov, der den ersten Akt in einem modernen Kriegsschiff spielen ließ, den zweiten in einem High-Tec-Hotelzimmer und den dritten in der Wohnung von Tris-tans Eltern, wo man die Geburt Tristans miterleben konnte. Das Ganze unter der Stabführung von Velery Gergiev. Die Aufführung erregte internationales Aufsehen. Insofern war man sehr gespannt auf den „Tristan“, den Maestro Gergiev als Abschluss seines Wagner-Zyklus im Rahmen der Baden-Badener Sommerfestspiele nach einer kompletten szenischen Aufführung des „Rings“ hintansetzte. Dass er nur konzertant gegeben wurde, war ein Wehmutstropfen, den man in Kauf nahm, nach einem wohl insgesamt als geglückt und be-glückend empfundenen „Ring“. So jedenfalls die Meinung vieler Zuschauer. Dass der konzertante „Tristan“ zu einer Enttäuschung wurde, hätte man nicht gedacht. Doch man hatte den Eindruck, nach dem „Ring“-Maraton war bei allen Mitwirkenden, einschließlich Valery Gergiev, die Luft raus, die Leistungsmoral erschöpft. Womöglich haben auch die strapaziösen Temperaturen dazu beigetragen. Andererseits hätte eine „nur“ konzertante Aufführung ohne den Druck szenischer Abläufe und Zwänge als entspannt empfunden werden können. Dass konzertante Aufführungen in letzter Zeit zunehmend als Alternativen zu teuren szenischen Produktionen favorisiert werden, hat sich landauf, landab ja durchaus als kein Nachteil erwiesen, im Gegenteil. Doch die Lieb-losigkeit, mit der im Baden-Badener Festspielhaus dieses Tristan-Konzert, das wie eine saloppe Probe wirkte, veranstaltet wurde, ist - mit Verlaub gesagt - unverständlich, ja ärger-lich, wo sich man doch in dem noblen, kleinen Kurort an der Oos fast schon als Alternativ-Bayreuth empfindet mit den sommerlichen St. Petersburger Wagnerfestspielen
Das Orchester saß im Graben. Auf der großen, breiten Vorbühne des Festspielhauses wur-den die Solisten, vor nackter, steriler Holzwand, zwischen zwei auf schwarzen Bodenvasen drapierten Blumenbouquets phantasielos postiert. Vor schwarzen Notenpulten und Chrom-stühlen sassen oder standen die Solisten in schwarzer Abendrobe, durchweg ungelenk, hilflos und den sehr privaten Eindruck von Unwohlsein vermittelnd, die Plasikflaschen mit Mineralwasser zu Füssen vor sich auf dem Boden. Professionell wirkte das nicht. In den poetischsten Momenten wurde der Griff zur Plastikflasche vor allem beim Tristan-Sänger immer wieder zur desillusionierenden Peinlichkeit. Immerhin wurde das von einem der Ver-antwortlichen im ersten Akt bemerkt und nach der ersten Pause eliminiert. Nun gut, könnte man sagen, das ist Nebensache. Was aber dem Fass den Boden ausschlug, war die Schlam-pigkeit und Uneinheitlichkeit der musikalischen Darbietung. Leonid Zachozajev, der vor wenigen Tagen noch einen bejubelten Siegfried sang, ist dankenswerterweise für den erkrankten Clifton Forbis als Tristan eingesprungen. Dafür, daß er die anspruchsvoll Partie quasi vom Blatt sang, war sein Vortrag erstaunlich. Dass er mit seiner schlanken, jugendlich klingenden Stimme - weiß Gott kein Heldentenor - allenfalls den Noten gerecht wurde, aber keineswegs den von Wagner geforderten Differenzierungen des Singens mit all ihren Schattierungen und Abstufungen, wird man ihm nicht zum Vorwurf machen können. Dass er mit der deutschen Sprache sein Probleme hatte, zeichnete nicht nur ihn aus. Alle Sänger dieser Aufführung verschluckten unentwegt Konsonanten und fielen durch permanente, unschöne Vokalverfärbungen auf. Zuweilen war von Wortverständlichkeit keine Rede mehr. Am Unangenehmsten war dies beim polternden Kurwenal von Edem Umerov, eine ganz und gar indiskutable Sängerleistung. Um so bedauerlicher, als Ekaterina Gulbanowa eine wohltönende Brangäne sang, mit schönem, gleichmäßig geführten, hell tim-briertem Mezzosopran. Auch der Bassist Michail Petrenko beeindruckte durch sein volu-minöses, samtiges Bassmaterial. Dass sein König Marke dennoch unglaubwürdig und unter seinem Niveau blieb, lag an der schon erwähnten mangelhaften Sprachbehandlung. Und seinem Auftreten. Er wirkte wie ein schlacksiger Jüngling. Mit seinen rotbraunen Korken-zieherlocken hielt man ihn eher für den Sohn, denn Ehemann in spe der voluminösen und mütterlich anmutenden Isolde der Larissa Gogolevskaja. Im vergangenen Jahr wurde Larissa Gogolevskaja in St. Petersburg noch bejubelt als Isolde. In dieser Baden-Badener Reprise konnte man das nicht wirklich nachempfinden, denn ihre stimmlichen Qualitäten beschränkten sich vor allem auf Phonstärke, zu der sie Maestro Gergiev, der durchweg zu laut musizieren ließ, allerdings auch anstiftete. Nein, es war keine Freude, diese massig beleibte, gequält grimassierend singenden Frau anzusehen. Noch weniger, zu hören, wie sie die Partie der Isolde mit ihrem in der Höhe bereits ruinierten Sopran zurichtete. Die sängerische Skala von lockerem Parlando über ly-rische Passagen bis hin zu exaltierten Ausbrüchen war bei ihr weitgehend nivelliert auf eine falsch verstandene Auffassung von hochdramatischem Singen. Kraft allein ist nicht alles. Und die Kunst des Singens - auch und gerade bei Wagner - besteht nicht im Lautsingen! Man vergesse nicht, dass Richard Wagners Ideal-Isolde eine Belcantosängerin von höchsten Gnaden war, die berühmte Pauline Viardot-Garcia, die zweimal in Privataufführungen Wag-ners die Partie vollendet vom Blatt sang und dem erstaunten wie hingerissenen Wagner nur zu bedenken gab: „Sind denn die deutschen Sänger nicht auch musikalisch?“ Was sie wohl von russischen Sängern gehalten hätte? Das scheint mir denn auch der Hauptfehler in der Wagnerauffassung Valery Gergievs, seiner Sänger und Musiker zu sein, grundsätzlich vor allem auf Kraft zu setzen. Valery Gergievs „Tristan“ war weit von dem entfernt, was Wagner mit der „feinsten und tiefsten Kunst des Übergangs“ meinte, nichts war in dieser Aufführung zu hören von der „Kunst des tönenden Schweigens“, auf die es Wagner doch so ankam. Der zarte Liebeszauber Tristans und Isoldes stellte sich in keiner Minute wirklich ein. Zu sehr waren Sänger und Musiker damit beschäftigt, wenigstens den Notentext irgendwie zu realisieren. Wobei der Grad an musikalischer Hemdsärmeligkeit auch im Orchester bemerkenswert war, vor allem bei den Streichern. Der Zugriff Gergievs und seiner St. Petersburger Musiker, dessen geschätzte Qualitäten ja bekannt sind und immer wieder beeindrucken können, beschränkte sich in diesem „Tristan“ im Wesentlichen auf effektvolle Theatralik mit teils extrem hektischer, teils extrem langatmiger Gangart. Was nichts mit Intensität zu tun hat. Transparenz des Orchesters und Durchhörbarkeit der musikalischen Struktur ließen zu wünschen übrig. Es mangelte an dramatischer Innenspannung. Die fatalistische Sogkraft der Musik des Wagnerschen Opus metaphysicum - wie Nietzsche den „Tristan“ nannte - blieb in dieser Aufführung weitgehend aussen vor. Das Sehnen, das Seufzen, das Sühnen der Tristanmusik, ihre vibrierende, nach Auflösung gierende Chromatik, ihre Hitze und Emotionalität war allenfalls in einer Art von gewaltiger Dampfmaschinen-Version zu erahnen. Gergiev - der sich übrigens allen Interviews entzog - sträflich die differenzierten Tempo- und Vortragsanweisungen Wagners zugunsten eines aufgedonnerten Sounds, der allenfalls überrumpelte, aber nicht überzeugte. So wie die Sänger weit von dem entfernt waren, umsetzen zu können, was Wagner - der den „Tristan“ ja „Eine Handlung“ und keine „Oper“ nannte, mit dem „Wort-Ton-Drama“ meint. Für eine Festspielaufführung, mit Festspielpreisen etwas dürftig! Das Publikum, das sich schon in der ersten, mehr noch in der zweiten Pause auffällig ausdünnte im keineswegs ausverkauften großen Festspielhaus, war denn auch nicht durchweg von der Aufführung begeistert. Im Gegenteil: Der Abend stieß auf ein kontroverses Echo beim zum Teil von weit her angereisten Publikum: „Ja großartig hat er mir gefallen. Ausgezeichnet, war ein Erlebnis. - Non, no, ... the singers are not very good. Isolde is very very bad. - Wenn Sie mich nach den Stimmen fragen, muß ich Ihnen ganz ehrlich sagen: Es könnte besser sein! Die Isolde ist, ja ... wollen wir lieber nicht darüber reden! - Sie hat net gut Deutsch gekonnt, Sie hat viele Silben verschluckt, man mußte den Text sich selber zusammensuchen. - Na, die Isolde hat mir nicht gefallen. ... Ich fand es ein bißchen enttäuschend. Ich hätte mir mehr erwünscht.“ (Collage von Zuschauermeinungen) (Beitrag für SWR 2, Musik aktuell am 21.07.2006)
|