Dieter David Scholz

Kritiken 


 

Leipzig:

Geschmäcklerische Schaufensterdekoration

"Temistocle" von Johann Christian Bach
beim Bachfest 2005 in Leipzig:

Am zurückliegenden Samstag begann in Leipzig das diesjährige Bachfest. Obwohl es mit Querrelen in der Führungsetage begann, war der Auftakt am Abend des Eröffnungstages (30.4.) ein Paukenschlag. Im großen Leipziger Opernhaus wurde – in Koproduktion mit dem Theatre du Capitole de Toulouse, wo die Produktion im Juni herauskommt, eine abend-füllende Oper des Bach-Sohnes Johann Christian, des Londoner Bachs, wie er genannt wur-de, ausgegraben. Eine Oper, die kaum je gespielt wurde in den letzen hundert Jahren. Es gab nur vereinzelte Versuche, sich dem großangelegten Stück anzunähern.  Nun hat einer der profundesten Kenner der Barockoper sich des ungekürzten Stücks angenommen: der Spezialist für "Historische Aufführungs­praxis", Christoph Rousset. Er ist mit seinem Ensemble Les Talens Lyrique zu Gast in der Messestadt, und mit einer handverlesenen Sängerschar. Francisco Negrin hat inszeniert. 

 

Johann Christian war der jüngste der Söhne Johann Sebastian Bachs, und das elfte von 13 Kindern des zeugungsfreudigen Altvaters. Er wurde der vielleicht berühmteste und folgen-reichste Komponist unter der musizierenden, komponierenden Bach-Kindern. Und wenn das diesjährige Bachfest Leipzig unter dem Motto "Bach und die Zukunft" steht, so hat man gut daran getan, ausgerechnet eine Oper Johann Christians, zumal seinen Temistocle, auszu-graben, den er ja nicht etwa in London, seiner Wahlheimat, sondern in Mannheim 1772 ur-aufgeführt hat, jener damals europaweit berühmten und als konkurrenzlos gepriesenen fortschrittlichen Hofkapelle, die den Übergang der Musiksprache vom Barock zur Klassik vorantrieb.

Gerade Johann Christian Bachs Temistocle ist mit seinen Ensembleszenen im zweiten Finale ein Paradebeispiel eines von der traditionellen Opera seria wegführenden Opernstils. So etwas hat Johann Christian Bach  in London, seiner Hauptwirkungsstätte denn doch noch nicht komponiert. Es ist vielleicht die fortschrittlichste, die zukunftsträchtigste seiner dreizehn Opern. – Im Mittelpunkt der auf ein Metastasio-Libretto geschriebenen Oper steht der grie-chische Feldherr Temistocle, eine der schillerndsten Heldenfiguren des klassischen Griechen-land. Rickard Söderberg leiht ihm seine Stimme.

Die Handlung der Oper Temistocle spielt zur Zeit der Perserkriege um 480 vor Christus und erzählt die Geschichte des Titelhelden, des griechischen Feldherrn, der ins Reich des Per-sischen Königs Xerxes flieht. Dort, im feindlichen Lager findet er seine tot geglaubte Tochter als Sklavin wieder. Und es beginnt ein Drama zwischen Neigung und Loyalität, Mensch-lichkeit und Machtinteresse. Am Ende zeigt Xerxes – ganz wie in Mozarts Opera Seria "La Clemenza di Tito" – Größe und läßt Milde walten. Spuren der Aufklärung. Es ist  zumindest- und uneingeschränkt – ein Fest der schönen Stimmen und eine eindrucksvolle Demonstration der Virtuosität barocken Ziergesangs, die man bei dieser Opernausgrabung in Leipzig hören kann.

Die sieben Gesangssolisten, allesamt Spezialisten ihres Fachs und  keine wohlgefälligen Stars, beeindrucken ebenso wie Christophe Rousset mit seinem hervorragenden, alle Ausdrucks-Register ziehenden, so subtilen wie energisch-feurigen Ensemble Les Talens Lyrique.

Was enttäuschte – und dadurch wurde der Abend lang und ermüdend – war die Inszenierung von Francisco Negrin.

Er hat diese moderne, unkonventionelle Opera seria weniger als Handlung denkender und fühlender Menschen denn als gschmäcklerisch arrangiertes Schaufenster mit bewegten Formen inszeniert. Ein goldener Käfig mit Vorhang dreht sich über kreisrundem, schwarzem Wasser, mal links, mal rechts herum. Große Photos der Mitwirkenden darin. Ein Sandstrand davor, Feuerschalen brennen, Bonsai-Bäumchen werden herbeigeschleppt, Licht­stäbe heben und senken sich. Weshalb bleibt ebenso rätselhaft wie die Handlung der Personen, die nicht eigentlich verdeutlicht wird. Und warum  über allem der ägyptische Horusfalke thront, obwohl die Oper doch in Griechenland und Persien spielt, leuchtet auch nicht ein. Das Leipziger Premierenpublikum, darunter viele angereiste Gäste, bewertete die Inszenierung denn auch zwiespältig: "Ein Ereignis für Leipzig" ... "Eine großartige Inszenierung"... "Diese Inszenierung ist furchtbar! Wir waren zwölf Jahre nicht mehr in der Oper in Leipzig. Nach dieser Inszenierung wird die Leipziger Oper auch die nächsten zwölf Jahre nicht wieder sehen.  Da können wir doch gleich in Berlin bleiben, wenn wir so etwas sehen wollen!"

NDR, SWR