Dieter David Scholz

Kritiken 


Ein Sommernachtstraum – William Shakespeare
mit der Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy

Staatstheater Cottbus, Premiere 20.09.2003

 Die Sommer­nachtstraum-Bühnenmusik von Felix Mendelssohn-Bartholdy ist brandenbur-gische, preußische Musik im besten Sinne, ein Auftragswerk des  preußischen Königs Fried-rich Wilhelms des Vierten, der Mendelssohn von Leipzig ins Spree-Athen geholt hatte, um das Musikleben Berlins neu zu strukturieren. Die berühmteste, die wirkungsvollste der Büh-nenmusiken Mendelssohns ist ohne Frage die für Shakespeares "Sommernachtstraum"-Komödie, uraufgeführt 1843 im Potsdamer Neuen Palais.

An sich eine schöne Idee des neuen Intendanten Martin Schüler, zu seinem Amtsantritt am einzigen Staatstheater Brandenburgs, in Cottbus, die neue Saison mit einer Bündelung aller Sparten seines Theaters in einer Produktion des Shakespeareschen „Sommernachtstraum“ mit den kompletten Bühnenmusiken Op. 61 von Felix Mendelssohn-Bartholdy zu eröffnen. Da sie heutzutage so selten gespielt werden, aber das ganze 19. und beginnende 20. Jahr-hundert hindurch so beliebt waren, war man gespannt auf die Cottbuser Aufführung. Martin Schüler, Zögling der Ruth Berghaus und langjähriger Operndirektor am Staatstheater Cottbus, ist von Hause aus Opernregisseur, er liebt den kräftigen Pinselstrich, grelle Farben und eine opernhafte Gestensprache. Nicht eben die denkbar besten Voraussetzungen, sich an Shakespeares filigraner Komödie zu versuchen, in der die Zeit aus den Fugen und der Raum aus dem Lot gerät.  

Martin Schüler macht denn auch aus dem subtilen, leisen Shakespearschen Traumspiel dreier überkreuz liebender, sommernächtlich überhitzter und durch Elfen- wie Drogenzauber verwirrter Paare gewissermaßen eine laute, deftige, farben- und aktionsreiche Shakespeare-Oper. Schüler spart nicht an vordergründigen szenischen Einfällen, an Schminke, Tüll und Theaterqualm, an weitausholendem Bewegungstheater, am Einsatz von Knatterchargen, an Konfetti von oben und allerhand Knalleffekten aus den Proszeniumslogen. Nur: die zarteren Töne, die Zwischentöne, von denen Shakespeares Stück lebt, die Psychologie der Figuren, Atmosphäre und Poesie dieses sublimen erotischen Spiels der erotischen Irrungen und Verwirrungen bleiben auf der Strecke.

Deprimierend, daß fast sämtliche Schauspieler des großen Ensembles Nuancen, Raffinement und subtile Ausdrucksmittel vermissen lassen, vor allem aber eigenen Tonfall und Charakter, Individualität und Persönlichkeit. Nicht zu reden von Sprechkultur. Es darf geschrieen werden wie in einer billigen TV-Soap Opera. Fragen über Fragen bleiben offen:  Warum ist bei-spielsweise Hippolyta eine dümmliche, hysterische Zicke und deren Gatte Theseus ein Trottel von altem Opa? Wo bleibt da die Erotik der Figurenkonstellation? Warum muß der Kobold Puck wie ein ausgeflippter jugendlicher Clochard, mehr Großstadt-, als Waldschrat mit ver-filzten Haaren als Möchtegern-Tarzan über die Bühne trollen, halbnackt und fast so unappe-titlich wie der schwabbelige Alt-Hippie Oberon. Derbe proletarische Gossenobszönität be-herrscht die Bühne statt zauberhaft pikanter Antiken-Erotik. Vollends unbegreiflich ist Schü-lers Idee, den Knaben, den sowohl Titania als auch Oberon als Objekt ihrer erotischen Be-gierde betrachten, als schreienden Säugling zu präsentieren. Shakespeares feinsinniges Spiel zwischen gleich- und gemischtgeschlechtlicher Empfindung wird so ad absurdum geführt. Auch die Handwerkerszenen mißraten. Hilflosigkeit einer dilettierenden Schauspieltruppe als Theater auf dem Theater ist freilich das Schwerste, nur besten Komödianten anzuvertrauen, nicht altgedienten Volksschauspielern, deren künstlerischer Horizont nicht über Komödien-stadel hinausreicht.

Der einzig Überzeugende, ja Beglückende in dieser turbulenten Produktion ist Reinhard Pe-tersen am Pult des Philharmonischen Orchesters Cottbus. Der erfahrene Dirigent steht nicht nur szenisch im Mittelpunkt der Aufführung und nimmt diskret am Bühnengeschehen teil. Er vollbringt musikalisch auch den schlagenden Beweis, daß die Sommernachtstraum-Bühnen-musiken Mendelssohns allein schon jenen poetischen Zauber evozieren können, den die miß-ratene Schauspielinszenierung vermissen läßt. Unter einer großen, raumfüllenden, wenn auch abgestorben scheinenden Eiche, „des Herzogs“ steht der weißhaarige, groß aufragende Mae-stro, Generalmusikdirektor des Hauses, unterm gleißenden Sternenhimmel. Sein klangschön aufspielendes, in allen Instrumentengruppen sehr diszipliniertes Orchester ist links und rechts von ihm, zu beiden Seiten der Eiche auf der Bühne plaziert Mit makelloser Präzision und ka-pellmeisterlich perfekt werden alle 18 Musiknummern Mendelssohns wohlausbalanciert in Farben, Dynamik und Agogik geschmackvoll ins Wortdrama eingebettet. Musiken, die von Mendelssohn mit einer Wagners Idee des „Wort-Ton-Dramas“ nicht  nachstehenden Wort-orientiertheit in den Dienst des Dramas gestellt wurden. Petersen bekräftigt ihre dramatische Kraft und Kongenialität. Wenn überhaupt Shakespeare-Geist in der Cottbuser Aufführung anwesend ist, dann im musikalischen Teil des Abends. Ob Elfenzauber, Traummusik, bur-leske Handwerkertänze, Stimmungsmalerei, Melodram, Chor oder Sololied: Reinhard Peter-sen hat seine Musiker und Sänger fest im Griff und erweist dem Renomée seines Musikthe-aters - aber auch dem wiederentdeckten Mendelssohn des Shakespeare-Theaters - alle Ehre. Schon deshalb ist die Aufführung im hinreißenden Jugendstiltheater in Cottbus empfeh-lenswert.

Das Orchester/Schott, 51. Jg., Heft ... 2003