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Dieter David Scholz
Fummeleien im Aquarium
Salome an der
Semperoper Dresden
Premiere 27.2.2005
Es ist fast auf den Tag
einhundert Jahre her, daß in Dresden einer der skandalösesten wie
nachhaltigen Erfolge des Musiktheaters über die Bühne ging. Die Salome von
Richard Strauss. Das sinnliche, amoralische, blutrünstige Stück gehört
längst zum Kernrepertoire der Spielpläne landauf, landab. Aus Anlaß ihrer
Uraufführung vor einhundert Jahren am selben Ort hat die Semperoper Dresden
nun eine neue Salome-Produktion herausgebracht. Für die Regie wurde Peter
Mussbach gewonnen, am Pult stand Kent Nagano. Die Premiere wurde
gleichzeitig von Arte und MDR-Fernsehen übertragen. Hochgespannte
Erwartungen richteten sich auf dieses "Event".
Salome in Dresen, das ist
eine lange Tradition, ist Verpflichtung und Herausforderung. Wie man ein
hundertjähriges Stückjubiläum am Ort seiner Uraufführung feiert?
Zugegeben keine einfache Aufgabe, zumal allein in Dresden nach der
Uraufführung sechs verschiedene Neu-inszenierungen des Stücks über die Bühne
gingen. Und man natürlich viele Bilder, Vorbilder, Klischees aber eben auch
Maßstäbe in Erinnerung hat. Peter Mussbach hat von vornherein darauf
verzichtet, das zu zeigen, was man bei dem Stück erwartet: Orient,
Exotismus, schwüle Atmosphäre, tropfendes Blut, einen abgeschlagenen Kopf,
Hysterie und Schleier-tanz. Das alles zeigt Peter Mussbach in seiner
Inszenierung nicht. Er wollte natürlich schlechte Aufführungsstereotypen und
–Konventionen vermeiden. Nur verweigert er damit dem Stück im Grunde das,
worauf es Oscar Wilde ankam, und was Strauss so kongenial vertonte:
sinnliche Morbidität und tödlichen Eros. Und das ist mehr als nur
Äußerlichkeit und Kolorit, es ist die Essenz des Stücks, die Peter Mussbach
dem zurecht mit lautstarken Buhs protestierenden Publikum verweigert.

Stattdessen zeigt er in einer Art
angeschnittenem Aquariumseck mit Einstiegstreppe für Jochanaan ein
zeitloses, modern kostümiertes Stück ohne konkrete Örtlichkeit, ein Stück
über Lieblosigkeit in einer kalten, gefühllosen Welt, über
Liebesverweigerung und Liebes-sehnsucht, die sogar den Tod in Kauf nimmt.
Die Figur der Salome ist für Mussbach keine femme fatale, sie ist auch kein
orientalisches Sex-Ungeheuer, sie ist stattdessen, wie fast immer in seinen
Inszenierungen erotische Wunschprojektion der Männer. Mussbach
ver-wendet dafür wieder einmal das optische Klischee eines abgehalfterten
Marilyn Monroe-Verschnitts. Das durften wir zuletzt in seiner Berliner
Traviata auch bestaunen.

Salome tanzt auch keinen "Tanz der
Schleier", sie geht einfach nur ihrem geilen Vater Herodes an die Wäsche.
Und Jochanaan wird nicht als keuscher, gottesfürchtiger Prophet in der
Zisterne gezeigt, sondern als schmuddeliger, alles andere als erotisch
anziehender Mann mit Schmerbauch und ungepflegten Haaren im hellen Overall.
Er ist übrigens permanent auf der Bühne sichtbar, er muß nicht erst aus
seiner Zisterne steigen, weshalb denn auch vieles, von dem, was da auf der
Bühne vor sich geht, unglaubwürdig wirkt, weil Text und Szene nicht
übereinstimmen. Gottlob, könnte man ironischerweise sagen,
versteht man von den Sängern bis auf wenige Ausnahmen ohnehin kein Wort.
Aber die Semperoper hat für all die, die doch wissen wollen, worum es
eigentlich geht, den deutschen Text deutsch übertitelt. Wer da mitlas, mußte
zu seiner Verblüffung feststellen, daß das, was auf der Bühne geschieht,
wenig mit dem zu tun hat, was in der Partitur steht und von Wilde bzw.
Strauss gemeint ist. Besonders absurd ist der Schluß der Inszenierung:
Jochanaan wird zwar der Kopf abgeschlagen, aber er wird mitsamt abgetrenntem
Kopf (den man nicht zu sehen bekommt) in ein Leichtuch gewickelt. Und Salome
kriecht unter dieses Tuch und singt fast ihren komp-letten Schlußgesang
unsichtbar für den Zuschauer unter diesem Leichentuch. Einen sehr "diskreten
Liebestod" könnte man das freundlicherweise nennen, aber einer, den Mussbach
gegen das Stück spielen läßt, ein Liebestod, der ebenso absurd ist, wie die
verhinderte Liebesbeziehung zwischen Salome und Jochanaan, die er von Anfang
an zeigt in seiner cleanen, aseptischen, wenig spannenden Inszenierung.
Salome weiß in ihrer Infantilität ja gar nicht, was Liebe ist, und Jochanaan
weiß es in seiner religiösen Verblendung auch nicht, Beide entbehren jeder
Menschlichkeit. Der Grund für die Grausamkeit des Stücks. Aber diese
Einsicht enthält uns Peter Mussbach in seiner Inszenierung vor und zeigt
stattdessen fummelnde Großstadtneurotiker in Businessanzügen, die - warum
eigentlich fragt man sich - in der Schwimmhalle umherirren.

Natürlich ist die
Sächsische Staatskapelle das authentische Strauss-Orchester schlechthin.
Aber was Kent Nagano an sublimem Klangsinn und vor allem an Transparenz und
struk-tureller Deutlichkeit verweigerte, das konnte auch die Staatskapelle
mit ihrer hohen Spielkultur nicht wett machen. Es war eine sehr pauschale,
einfach nur laute und ein-dimensionale Salome, die Nagano dirigierte. Das
Glitzern und Funkeln, die schroffen Moder-nismen bei gleichzeitiger
Süffigkeit der Musik, das Narkotisierende, ja Aphrodisierende der
Salome-Musik, das hat man vermißt. Diesen unvergleichlichen Rauschzustand
der Salome-Musik, den blieb die Aufführung schuldig. Das Stück hat man, in
früheren Dresdner Pro-duktionen, aber auch andernorts schon wesentlich
mitreißender gehört. Sängerisch hat die Aufführung ihre Meriten. Zwar
hat Alan Titus als Jochanaan eigentlich nur auf dröhnendes Murmeln, auf
Durchschlagskraft und Lautstärke gesetzt, von Wortverständlichkeit scheint
er nicht viel zu halten. Doch Wolfgang Schmidts messerscharf
artikulierender Herodes war eine sezierende Charakterstudie. Faszinierender
Mittelpunkt der Aufführung ist Evelyn Herlitzius in der Titelpartie.
Sie setzt die ihr aufgezwungene Marilyn Monroe-Studie konsequent um und sie
bleibt stimmlich der Partie nichts schuldig. Ihre Textdeutlichkeit ist
vorbildlich, ihre sängerische Intensität schonungslos. Sie hat das
notwendige dramatische Kaliber für die Partie, aber sie kann ihre Stimme
auch sehr schlank und lyrisch führen. Stimmlich ist diese Salome der
Herlitzius eine große Freude. Schade nur, daß man das von der austauschbar
modernistischen, blutleeren Inszenierung nicht sagen kann, die den Mut nicht
hat zur Radikalität des Stücks.
MDR-Figaro, 28.2.2005 |