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Dieter David Scholz
Kritiken
Frühkritik in MDR-Kultur, „Figaro am Morgen, 8.11.2003
Rusalka
– Lyrisches Märchen in
drei Akten
Anmoderation: Gestern abend gab´s am Anhaltischen Theater in Dessau eine Opernpremie-re. Antonin Dvoraks „Lyrisches Märchen“ Rusalka stand auf dem Programm. Inszeniert hat der Hausherr persönlich: Johannes Felsenstein. Am Pult stand Generalmusikdirektor Golo Berg. Herr Scholz, Sie sind für uns dabei gewesen . Johannes Felsenstein steht für „realisti-sches Musiktheater“. Da durfte man ja wohl ein böhmisches Nixenmärchen zwischen Schilf, Seerosen und Waldboden erwarten? Scholz: Ja und nicht nur das, Johannes Felsenstein hat für dieses Undinenstück sogar die vordere Bühnenhälfte unter Wasser gesetzt und seine Sänger veranlaßt unentwegt mit nack-ten Füßen durchs Wasser zu schlurfen und sogar per Versenkung aus dem Wasser auf- bzw. abzutauchen. Vor allem für die Sängerin der Titelpartie und ihren Vater, den Wasserman gilt dies. Ich weiß nicht wie oft die beiden aus dem Waldsee, der zugleich Schloßteich ist, per Fahrstuhl auf und abtauchen mußten gestern abend. Nun ist gegen romantischen Realismus auf der Opernbühne ja an sich nichts zu sagen! Zumal bei der märchenhaftesten Undinenoper der Spätromantik. Aber wenn sich die Regie nur damit begnügt, Wassertreten und spritzende Wasserspiele zu arrangieren, singende Elfengesichter übergroß auf angedeutete Baum-schleier zu projizieren, halbnackte Balletttänzerinnen als Elfen oder Libellen um den See hopsen und im Hintergrund des zweiten Aktes dann vor verschnörkeltem Schloßprospekt eine weiße Rokogesellschaft Federball spielen zu lassen, dann ist dies ein bißchen wenig. Immerhin ist die „Rusalka“ Dvoraks und seines Librettisten Jaroslav Kvapil im Jahre 1900 uraufgeführt worden, ein modernes Stück also trotz aller Romantik des Sujets. Und etwas mehr Psychologie, etwas mehr gedankliche Auseinandersetzung mit der Frage nach der inneren Dramaturgie des Stücks, in dem ja Natur gegen Kultur, Zivilisation gegen Urzustand, Menschen gegen Geister oder Naturwesen ausgespielt werden, hätte man schon erwarten dürfen. Johannes Felsenstein hat in diesem Falle einmal nicht auf ein Inszenierungsmodell seines legendären Vaters Walter zurückgreifen können, was er ja sonst so gern tut, und da zeigte sich gestern eben doch große Hilflosigkeit und Einfallslosigkeit. Ganz zu schweigen von den Ungereimtheiten seines Ausstatters Fridolin Kraska, dessen Bühne stilistische Entglei-sungen und Widersprüche anhäufte, dessen Kostüme einfach geschmacklos waren und der so recht nicht zu wissen schien, ob er nun eine transparente Schleierdekoration im Stile der Zwanzigerjahre oder eine realistisch gebaute Kulissenbühne des 19. Jahrhunderts auf die Bühne bringen sollte. Und daß der auf- und untergehende Mond auch noch ständig über dem Horizont hängen blieb, setzte unfreiwilliger Komik die Krone auf. Ich möchte betonen, ich bin wirklich mit freudigen Erwartungen gestern nach Dessau gefahren – ich liebe die Oper Rusalka sehr (und ich habe sie in inzwischen in acht verschiedenen Inszenierungen gesehen und weiß also, wie schwer das Stück auf die Bühne zu bringen ist), und man wünscht ja dem Anhaltischen Theater, das es nicht leicht hat, nichts als Erfolg: aber diese „Rusalka“-Neuproduktion steht unter keinem guten Stern. Moderator: Steht sie denn sängerisch unter einem besseren Stern? Scholz: Na ja, also es gibt zumindest zwei Ausnahmesänger, die den Abend retten, wenn auch alleingelassen von der Regie und von ihren Kollegen, das sind Iordanka Derilova als Rusalka und Jörg Brückner als Prinz. Iordanka Derilova hat das "gewisse Etwas", das sie einfach als Bühnenerscheinung und Bühnenpersönlichkeit eine auratische Wirkung ausüben läßt, egal was sie tut. Sie ist ganz Elfe, und nur Elfe, bis in die kleinste Fingerspitzenbewegung hinein, und das mit der Attitüde eineer Stummfilm-Diva. Sie könnte als Callas –Double auftreten, sie spielt allerdings eher Medea als Rusalka und zwar vom ersten bis zum letzten Akt. Das ist sehr eindrucksvoll trotz ihrer hartnäckigen Beschränkung auf eine opernhafte Gebärdensprache von vorgestern, die man eigentlich überwunden glaubte. Eine lebende – hochaufgeschossene, schlanke, schöne Verkörperung von antiquiertem Primadonnentum, könnte man sagen. Das aber auf die selbstverständlichste Weise. Insofern fast unanfechtbar über den Wassern schwebend, außerhab von Raum und Zeit in ihrer Exaltiertheit. Das ist schon faszinierend. Aber, Hand aufs Herz: eine schlüssige Interpretation der Rolle deswegen noch lange nicht. Stimmlich verfügt sie übrigens souverän über alle lyrischen und dramatischen Qualitäten, die die Partie der Rusalka erfordert. Der zweite starke Eindruck des Abends komt von dem Tenor Jörg Brückner, der in seiner jugendlich schlichten Interpretation des Prinzen, den er mit schwärmerisch-draufgängerischem Elan eines unverdorbenen, fast noch kindlichen Märchenprinzen spielt und singt. Seine Stimme ist an sich für diese enorme Tenorpartie viel zu klein. Aber er weiß dieses Defizit zur Tugend umzumünzen. Er singt diesen Prinzen mit Schuberthaftem Lyrismus in unschuldiger Aufrichtigkeit makellos zart bis in die schwindelerregendsten Höhen. Und er spielt den Prinzen herzzerreißend gequält, leiden-schaftlich, mit geradezu fohlenhafter Ungebremstheit, er wirft sich immer wieder halbnackt in die Fluten und an die Hälse der beiden konträren Sängerinnenkollegen, der guten Nixe, die Mensch werden will und der bösen fremden Fürstin, Rusalkas Konkurrentin. Nur warum er erst die eine und dann plötzlich die andere liebt, das versteht man überhaupt nicht in dieser Inszenierung. Aber das liegt an der Regie, die keinerlei psychologische Plausibilität in dieses traurige Märchen bringt. Schade. Und von den übrigen Sängern will ich lieber schweigen. Sowohl die Fremde Fürstin als auch der Wassermann sind nämlich geradezu grotesk fehlbesetzt worden. Moderator: Nun, das hört sich so an, als hätte auch der Dirigent nicht eben Grund, glücklich zu sein. Scholz: Ja und das sah man ihm auch an, denn Golo Berg, der ja ein fabelhafter Dirigent ist und der sich in Dessau zuletzt mit Mozarts Figaro und Bizets Carmen aufs beste empfahl, er wirkte gestern abend ziemlich verstört und innerlich seltsam unbeteiligt. Der Furor, mit dem er sonst für funkensprühende, emotional aufwühlende Interpretationen sorgt, der schien ihn gestern abend verlassen zu haben. Ich weiß nicht, woran es lag. Es scheint viel Sand im Getriebe der künstlerischen Leitung des Hauses zu sein. Dissonanzen zwischen GMD und Hausherr sind ja künstlerisch nie produktiv. Und Golo Berg schien offensichtlich mit der Inszenierung, die mehr auf Pyrotechnik und Wasserspiele als auf ernstzunehmende Personenführung setzte, aber auch mit den zum Teil unverantwortlich überforderten Sängern, man denke nur an die fremde Fürstin und den Wassermann - denen er goldene Brücken baute, was der musikalischen Dramaturgie nicht eben zugute kam, alles andere als glücklich zu sein. Und das hörte man dann natürlich auch. Schade! Aber vielleicht war auch nur der Vollmond der letzten Nacht schuld daran.
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