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Dieter David Scholz
Kritiken Grelle Politparabel Rodelinda –
Händelfestspiele Halle
Vom 2. bis zum 12. Juni finden in diesem Jahr die traditionellen Händelfestspiele in Halle an der Saale, dem Geburtsort Georg Friedrich Händels, statt. Eines der Festival-Highlights ist die Neuproduktion der Oper "Rodelinda" am Opernhaus Halle. Regie führt Peer Boysen, der in Karlsruhe und Göttingen bereist mit Händelproduktionen auf sich aufmerksam machte. Die musikalische Leitung hat der designierte Chefdirigent der Ludwigsburger Schloßfestspiele, Michael Hofstetter. ______________________________________________________________________ Mit der Oper Rodelinda begann vor 85 Jahren in Göttingen die Händel-Renaissance. Inzwi-schen haben die Hallenser Händel-Festspiele, die auch schon seit 1922 existieren, Göttingen an Bedeutung überholt. 1725 uraufgeführt mit zwei der bedeutendsten Sänger des Barock, auf einem Libretto Nicola Hayms basierend, frei nach Corneille, erzählt die Oper Rodelinda die Geschichte des gestürzten Langobarden-Königs Bertarido und seiner standhaften Frau Rodelinda, die inmitten höfischer Intrigen und Machtspiele, ihrem todgesagten Gatten die Treue bewahrt, bis er allen Erwartungen zum Trotz, zurückkehrt und von seinem Usurpator Macht und Thron zurückerhält. Ein barocker Vorläufer von Beethovens Fidelio. Romelia Lichtenstein, gefeierte Händel-Sängerin seit Jahren in Halle, kann mit ihrer Rodelinda-Interpretation einen neuerlichen Triumph verzeichnen. Und das, obgleich die Inszenierung Peer Boysens ihr nicht unbedingt zum Vorteil gereicht. Peer Boysen hat nämlich aus dem ernsten, berührenden Seelen-Stück – die populärste Oper Händels neben Giulio Cesare - eine grelle, plakative Politparabel gemacht.
Ganz ohne Dekoration, auf nackter, schwarzer, die Technik entblößender Bühne. Den langen, fast vierstündigen Abend hindurch spielt man um einen roten Thron, der auf einer gestuften Drehbühne steht. Darauf trollen sich die 7 machthungrigen Figuren der Handlung. Es sind glatzköpfige, Goldkronen tragende, skurril überzeichnete komische Figuren in ironisierten bunten Kostümen (Man denkt unfreiwillig an Felsensteins Blaubart). Boysen macht aus der Opera Seria eine Art politisches Lehrstück über Machtkampf nicht nur am Langobardenhof. Grotesktheater mit Anflügen von lehrhaftem Kindertheater. Eine Schauspielerin spricht zu Beginn jeden Aktes, gelegentlich auch zwischendurch, und einen zugespitzen Kommentar zur folgenden Handlung, der allerdings den komplizierten Handlungsverlauf für den normalen Zuschauer nicht begreiflich machen dürfte. Und die Übertitelung beschränkt sich auf gelegentliche Stichworte wie "Standhaftigkeit, Eiferucht, Zorn, Stolz, Abweisung" u.s.w. Groteske Balletteinlagen und Karikaturistische Pantomimen machen die Inszenierung nicht glaubwürdiger. Und auch der gegenwärtig so gefragte Dirigent Michael Hofstetter reißt mit dem hauseigenen Händel-festspielorchester, das auf alten Instrumenten spielt, nicht wirklich vom Hocker. Und die Stimme des Counters Kai Wessel, der den vom Thron vertriebenen König Bertarido als Ritterparodie spielt, kann man sich streiten. Diese Falsett-Stimme ist ein vokalästhetischer Grenzfall. Schön ist anders!
Musikalisch konsequenter ist da schon Wolfgang Katschners Produktion der Händelschen Zauberoper "Amadigi di Gaula", mit seiner Lautten Companey und handverlesenen Sängern im zauberhaften Goethe-Theater Bad Lauchstädt, die zweite Opern-Neuproduktion der diesjährigen Festspiele: Neben den Opern Amadigi und Rodelinda gibt es in Halle die Oratorien Saul, Jephta, Athalia und den Messias. Die biblischen Gestalten stehen denn auch im Mittelpunkt des Festivals, das begleitet wird von einer wissenschaftlichen Konferenz und einer Ausstellung. Zu Gast sind unter anderem die Cappella della Pietà dei Turchini aus Neapel, The Sixteen aus England, das spanische Ensemble Al Ayre Espanol, La Petite Bande und die Musica Antiqua Köln. Ein überwiegend hochkarätiges Angebot von 50 Veranstaltungen an 25 Spielorten innerhalb von zehn Tagen. Alle Achtung! BR, MDR |