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Dieter David Scholz
Kritiken ORB/Radio 3 Frühkritik in der "Ouvertüre" am 18.01. 2003: Eröffnung der Barocktage in der Staatsoper Unter den Linden mit Händels "Rinaldo". Anmoderation: Gestern sind in der Berliner Staatsoper Unter den Linden die "Cadenza" Barocktage eröffnet worden. Sie knüpfen an die erfolgreiche Auseinandersetzung der Lindenoper mit dem vorklassischen Repertoire an, die eng mit dem Namen René Jacob verbunden ist. Er selbst stand gestern abend auch am Pult des Freiburger Barockorchesters. Auftakt der bis zum 9. Februar andauernden Barocktage war die Premiere von Händels Oper "Rinaldo". Regie führte der nicht unumstrittene britische Regisseur Nigel Lowery. Dieter David Scholz war für uns bei der Premiere. Herr Scholz, ist denn Nigel Lowery seinem Ruf als "enfant terrible" der Opernszene gerecht geworden bei seinem Debüt an der Lindenoper?
Also er hat jedenfalls das Publikum ziemlich aufgemischt, er hat es polarisiert, um nicht zu sagen, den größten Teil des Publikums zu einem außerordentlich heftigen Buh-Orkan veranlaßt, als er nach dem viereinhalb Stunden dauernden – und ich muß sagen: ermü-denden Spektakel vor die Bühne trat. Warum? Nun er hat wieder einmal Händel in der inzwischen landauf landab anzutreffenden Mischung aus Comic strip, Videoclip und "höherem" Klamauk inszeniert, oder treffender ausgedrückt, arrangiert, denn von einer konsequenten, gedanklich durchdrungenen Auseinandersetzung mit der auf Tassos "Gerusalemme liberata" fußenden Handlung des "dramma per musica" kann nicht die Rede sein. Auch von psychologischer Personenführung nicht. Es ist mehr eine mit Hilfe des iranischen Choreographen Amir Hosseinpour durchgestylte schrille Händel-Show, die sich dem Zeitgeist eher anbiedert als dem Geist de Barocktheaters, sprich Händels Werk. Nigel Lowery, der auch fürs Bühnenbild verantwortlich ist, läßt Händels Kreuzfahrerdrama, in das natürlich zwei Liebesgeschichten verwoben sind, und das dank einer großzügigen Zauberdramaturgie mit einem Happy end schließt, vor rundem, floralem Orienttapetenrund spielen. Im Mittelpunkt eine zur Moschee umfunktionierte christliche Kirche. Das alles in Pink und zartem Giftgrün. Auf einer kleinen Puppenbühne – aber auch in orientalischen Fenstern der Ornamenttapete - werden immer wieder die Handlungsstränge, vor allem kämpferische Auseinandersetzungen en miniature mit Puppen nachgespielt, während im Vordergrund die Sänger sich im "Sechziger-Siebzigerjahre-Look" mit hektisch unruhigen Bewegungscho-reographien abmühe und mit mit flinken Fingerübungen, die an Gehörlosensprache erinnern. Die vielen Arien, ein Ohrwurm nach dem andern, werden so allenfalls illustriert, aber eigentlich nur mehr oder weniger hübsch revuehaft parodiert. Die Sirenen werden als karikierte Rheinnixen vorgeführt, die Zauberin Armida läßt zwischen zwei Mercedes-Hälften vor Hawai-Tapete mit Sonnenuntergang und Palmenstaffage ihre Verkleidungsspielchen abschnurren. Ein riesenhaftes King-Kong-Küken schwebt über die Bühne. In dem zur Gückastenbühne auf dem Theater sich öffnenden Puppentheater werden Photos installiert, riesenhafte Kitschpostkarten, in denen orientalische und exotische Landschaften gezeigt werden, es werden aber auch kleine Videostreifen gedreht und projiziert, mit grimas-sierenden Akteuren und theatralischen Gummipuppen-Schaukämpfen. Wobei das Thema Krieg und Frieden, das ja zur Zeit in der Luft liegt, aber auch die Konfrontation von Orient und Okzident, Christentum und Islam, Fundamentalismus auf der einen wie der anderen Seite nicht wirklich ernsthaft aufgegriffen werden. Zwar marschiert ein Esel mit einem Marschflugkörper einmal brav um die Kirche, zwar trägt eine weibliche Minirock-Ballett-Gruppe neckisch tänzelnd eine Rakete über die Bühne, das aber mit soviel unfreiwilliger Komik und böser Ironie überfrachtet, daß es nur Lacher im Publikum hervorruft, aber kein wirkliches Nachdenken über die ernste Aktualität dieser grandiosen Orient-Oper. Die immerhin als erste und aufwendigste Opernproduktion Händels in London ein beispielhafter, auch an szenischen Wundern und theatralischen Sensationen reicher Erfolg wurde. Das allerdings ist in dieser Lindenoper-Produktion kaum nachzuvollziehen, denn übers bloße KasperleTheater geht diese banale, übrigens sehr langatmige und nicht sonderlich viel szenische Phantasie versprühend Händel-Bebilderung nicht hinaus. Auch René Jacobs und das Freiburger Barockorchester konnten das Steuer nicht herumreißen. Trotz heftiger agogischer und rhythmischer Akzentuierungen und einer an drastischen musikalischen Af-fekten und Farben überreichen Musik blieb die Oper leider weit unter ihren Möglichkeiten. Dem Orchester fehlte, was man Glanz nennt, und mit der spieltechnischen Brillianz war´s auch nicht so weit her. Kann sein, daß das Folge mangelnder szenischer Inspiration gewesen ist. Möglicherweise auch ene gewisse Wahrnehmungstrübung seitens des Zuschauers angesichts des geistlosen Klamauks auf der Bühne. Der übrigens auch die sängerischen Leistungen bedauerlich eintrübte und in ihrer Entfaltung hemmte, trotz zum Teil großartiger Besetzung. Die zierliche spanische Mezzosopranistin Silvia Tro Santafé in der Titelpartie des Rinaldo schoß mit ihren Koloraturenkaskaden und ihrem prägnanten Altistinnentimbre zweifellos den Vogel ab. Noëmi Nadelmann dagegen setzte das, was man die Kunst des barocken Zier-gesang nennt, so ziemlich mit jeder Arie in den Sand, von ihrem aufdringlich chargierenden Spiel auf der Bühne ganz zu schweigen. Und zwischen diesen beiden Extremen bewegte sich das restliche Ensemble. Dominique Visse steckte der eher ennervierenden als beglückenden Aufführung als Magier im Chinakostüm noch ein paar groteske Lichter auf. Aber der Abend wurde nicht nur mir sehr, sehr lang!
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