Dieter David Scholz

Kritiken 


Es darf gestaunt und gelacht werden!

Eindrucksvoller "Ring"-Auftakt mit „Rheingold“
am Deutschen Nationaltheater in Weimar
Premiere: 15.07.2006.

 

Nur zehn Tage vor Eröffnung der Bayreuther Festspiele, die in diesem Jahr einen neuen „Ring“ herausbringen und mitten hinein in die öffentliche Diskussion um die Zukunft der Thü-ringer Theaterlandschaft, die bedroht ist von einschneidenden, für einige Theater sogar existenzgefährdenen Sparmassnahmen der Landesregierung, platzierte das Deutsche Natio-naltheater Weimar am letzten Abend seiner Spielzeit die Premiere des „Rheingolds“, als Auftakt eines neuen, kompletten „Rings“. Man könnte das durchaus als so etwas wie eine strategisch kluge Leistungsschau  zum rechten Zeitpunkt bezeichnen, denn Weimar möchte ja Erfurt am liebsten mitbespielen und alleiniges Thüringisches Staatstheater werden.

 

 (Tomas Möwes als Alberich)

Der „Ring“, der mit dem „Rheingold“ beginnt, ist noch immer für jedes Theater, zumal ein Stadttheater wie Weimar,  eine der größten Herausforderungen. Daß es – um nicht zu sagen, dass Stephan Märki, der Intendant des DNT -  jetzt den Spagat zwischen Können und Wollen in Sachen „Ring“ wagt, mit Mitteln, die verglichen mit anderen Theatern so bescheiden sind, dass diese Tatsache anderen Intendanten, wahrscheinlich die Schamesröte ins Gesicht treiben würden, ist natürlich ein Zeichen dafür, was dieses Theater aus eigener Kraft kann. Immerhin aus dem eigenen Ensemble einen Ring zu besetzen, die Sänger des „Rheingolds“ werden nämlich auch die späteren Partien sozusagen mit verteilten Rollen übernehmen. Damit kann nicht jedes Theater aufwarten. Und schließlich und endlich verfügt man  in Weimar auch orchestral, szenisch und logistisch über die Kompetenz zu einem solchen Mammutprojekt, das bis 2008 komplett abgeschlossen sein soll.

Das Unternehmen JENOPTIK hat als Sponsor mitgeholfen, dass das  Projekt Wirklichkeit werden konnte. Intendant Stephan Märki, sprach von 80.000 Euro Sponsorengeld. Ein Klacks, verteilt auf die vier Abende des „Rings“. Aber es ist ja nicht nur das Geld, sondern auch der persönliche und öffentliche Einsatz gerade des Vorstandsvorsitzenden von Jenoptik, dem immerhin führenden Unternehmens Thüringens, der dem DNT Weimar gilt. Alexander von Witzleben  hat auf der Pressekonferenz denn auch ausdrücklich bekräftigt:

 

 „Ich glaube, dass das Deutsche Nationaltheater in Thüringen die herausragende kul-turhisto­rische Institution ist, überhaupt. Ich sehe das ein bisschen als unsere Verpflich-tung, als das wichtigste Unternehmen im Land, dass wir uns dessen bewußt sind und uns um das DNT kümmern, nicht nur mit Geld, sondern auch mit persönlichem Einsatz. Immerhin ist das DNT Weimar ein kultureller Leuchtturm im Lande, so wie wir als Un-tenehmen ein Leuchtturm in Thüringens Wirtschaft sind. Mein Ziel ist es, zu erreichen, dass der Freistaat Thüringen ein Staatstheater hat, mit Sitz in Wei­mar.“

Was natürlich die Erfurter nicht erfreuen dürfte. Wie die Thüringische Theaterlandschaft tatsächlich umgestaltet und reduziert werden wird, das werden letztlich die Politiker zu ent-scheiden haben, aber vielleicht hören sie auf einen erfolgreichen Man aus der Wirtschaft mehr, als auf alle Künstler und Kulturmanager.  Ob Weimar künftig das Erfurter Theater mit-bespielen wird oder nicht liegt allein in der Hand der Politiker.

Um beim gegenwärtigen Weimarer „Rheingold“ zu bleiben: Inszeniert hat es Weimars junger Operndirektor Michael Schulz, Schüler von Götz Friedrich. Zu seiner Inszenierung des „Vor-abends“ des „Rings des Nibelungen“ wie Wagner das „Rheingold“ nennt, dem Auftakt eines ganzen „Rings“, der immerhin 50 Jahre lang in Weimar nicht mehr zu sehen war, Michael Schulz: 

 „Mein Grundanliegen ist, vor allem etwas über  Menschen zu erzählen. Und eine Sa-che, die uns sehr interessiert ist die, wie Kinder in die Welt gesetzt werden, dann ideo-logisch miss­braucht werden, und wie diese Kinder alleingelassen, ohne jegliche Werte-systeme auf sich  alleingestellt anfangen müssen, eine Gesellschaft zu entwickeln, die dann nachher in der Götterdämmerung in Anarchie endet.“ 

Schulz setzt ganz auf Ironie, Spielwitz, Tempo und größtmögliche Vermeidung aller Wagner-klischees. Schlichte Wände, Container, Stühle, ein großer Tisch, nur sehr wenige Requisiten genügen ihm, die Geschichte des „Rheingolds“ plausibel zu erzählen. Eine märchenhafte Geschichte von dessen Raub und vom Betrug der Götter, Zwerge und Riesen, von Macht-gier, Totschlag und Liebesentsagung, von Zukunftshoffnung der Geknechteten und drohen-dem Untergang der Mächtigen. Alles, was oft etwas peinlich wird, etwa das Unterwasser-geplantsche der Rheintöchter, oder das zwergenhafte Gekrabbele Alberichs hat Michael Schulz sehr phantasievoll und mit sehr ungewöhnlicher Personenführung realisiert. Vor allem mit sehr viel Witz. Er zeigt, wie Alberich einen Zwergen spielt. Er zeigt überhaupt Theater als Theater. Mit einfachen Mitteln. Und dreht im Grunde allen Ausstattungsgrößenwahnsinnigen des Operntheaters eine Nase. In Weimar geht das auch anders, so sieht man. Michael Schulz zeigt ausschließlich Menschen von heute, in modernen Kostümen. Er erzählt das Wagnersche Märchen in heutigen Bildern. Und Raum für Poesie bleibt auch noch. Beispielsweise gibt es noch vor dem Vorspiel drei entzückende Mädchen-Nornen, die mit Frosch-Handpuppen kindlich die Zukunft weissagen. Logisch ist das nicht, wie der ganze Abend. Er geht auch manchmal ziemlich am Text vorbei. Aber einleuchtend ist das Theater von Michael Schulz als Theater auf dem Theater schon! Und der Abend ist äußerst kurzweilig und unterhaltsam. Es herrscht sehr viel Ironie vor, schon bei den Rheintöchtern, die mit angeklebten Bärten als Nibelungen wiederkehren. Ich habe noch nie soviel gelacht wie in diesem Weimarer „Rheingold“. Insgesamt eine subtile, klug durchdachte und verspielte Inszenierung, die keine Fragen offen lässt. Der Text kann übrigens Wort für Wort unter dem Bühnenrahmen mitgelesen werden. Alles in allem: Ein großer Erfolg für das Weimarer Theater. Und das Premierenpublikum hat diesen vielversprechenden Abend am Ende der Spielzeit zurecht mit großer  Begeisterung gefeiert.

(Jean-Noël Briend als Froh, Christine Hansmann als Fricka, Mario Hoff als Wotan, Alexander Günther als Donner und Catherine Foster als brünnhildenhafte Freia)


Den Premierentermin mitten in der politischen Debatte um die Zukunft der Thüringischen Theaterlandschaft, kurz vor Eröffnung der Bayreuther Festspiele nennt Stephan Märki, der findige Intendant des DNTs, augenzwinkernd reinen Zufall: 

„Es könnte jetzt als Absicht erscheinen,  dass es was mit der Kulturpolitik zu tun habe. Aber es ist nur ein glücklicher Zufall und wir hoffen, dass wir mit dieser Produktion in der Öffentlichkeit in erster Linie als Kunstinstitut im Gespräch bleiben und nicht wegen  kulturpolitischer Debatten.“

Die werden nicht zu vermeiden sein, aber ganz sicher wird über dieses „Rheingold“ noch lange gesprochen werden, zumal auch die musikalische Seite dieses „Ring“-Auftakts Grund zu Begeisterung gibt. Das Deutsche Nationaltheater Weimar hat allen Grund, stolz zu sein, denn dieser „Ring“ stellt unter Leitung des neuen, amerikanischen  Generalmusikdirektors Carl St. Clair  eine außergewöhnliche musikalische Leistung unter Beweis, die einmal mehr demonstriert, dass nicht nur in Bayreuth ein „Ring“ hörenswert sein kann. Vielleicht sogar an anderen Orten eher noch als in Bayreuth. Die Reise zu diesem Weimarer „Rheingold“ jedenfalls lohnt sich ohne wenn und aber!  - Die Staatskapelle spielt präzise, mitreißend, sehr intelligent disponiert und mit großer Klangkultur. Und die Sänger sind durch die Bank rollen-deckend. Es gibt sogar einige, die haben Bayreuther Format. Es muß also nicht immer Bayreuth sein!