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Dieter David Scholz
Kritiken Claudio Monteverdi: L´Incoronazione di Poppea an der Staatsoper Unter den Linden, Berlin
Die Berliner Staatsoper Unter den Linden steht mit ihrer kontinuierlichen Pflege der Barock-oper einzigartig da. René Jacobs ist in jedem Frühjahr Star der „Cadenza-Barocktage“ Unter den Linden. In diesem Jahr wartet er gleich mit zwei szenischen Produktionen auf: einer über das Barocke hinausgehenden Version von Claudio Monteverdis „Marienversper“ gemeinsam mit dem Theatermacher Alain Platel und einer Neuproduktion von Monteverdis Oper „Die Krönung der Poppea“, eine Koproduktion mit dem Théâtre des Champs-Elysées Paris, dem Théâtre de la Monnaie in Brüssel und der Straßburger Oper. Gestern abend (16.02.2006) hatte die mit Spannung erwartete Monteverdi-Oper als unstrittiges Highlight der diesjährigen Cadenza-Barocktage Premiere. Noch immer ist Claudio Monteverdis für den Venezianischen Karneval des Jahres 1643 komponierte Oper „L´Incoronazione di Poopea“ eine Herausforderung für jeden, der das Stück wagt. Es gibt keine verbindliche Fassung. Auch René Jacobs, an Berlins Lindenoper zuständig fürs Barocke seit langem, hat natürlich seine ganz persönliche Fassung der „Pop-pea“ zusammengestellt. Sie basiert nicht, wie üblich, auf der venezianischen Fassung, sondern auf einer in Neapel liegenden Abschrift, in der eine Reihe von Ergänzungen von fremder Hand eingefügt sind. Mindestens vier verschiedene Komponisten haben neben Monteverdi ihre Hand im Spiel gehabt. René Jacobs bringt in Berlin alles. Poppea komplett. Die längste Poppea, die man je hörte. Vier Stunden dauert die Oper. Aber obwohl René Jacobs mit sei-nem groß besetzten und äußerst farbenreich und zuweilen temperamentvoll aufspielenden Concerto Vocale die Musik Monteverdis auf höchstem Niveau angeht, wird der Abend lang. Daß er so langatmig wurde, daß in den beiden Pausen das Publikum in Scharen davon-lief, geht allerdings aufs Konto der zwar technisch aufwendigen, effektvoll gestylten, aber doch im Grunde langweiligen Inszenierung des britischen Regisseurs David McVicar, der das Stück – einmal abgesehen von drei Barockkostümen für Virtù, Fortuna und Amor, den er als blinden Ancient régime-Greisen am Stock zeigt - in die Gegenwart holt, genau gesagt ins Handyzeitalter und sich dem Zeitgeist mit Revueanleihen, schwarzen Anzügen, Videoclip- und Fernsehästhetik andient. Mit Fingerballett und choreographierten Körpertheater. Mit Auto, Fernsehstudio und Videodisplays. Die im Hintergrund immer wieder sichtbare barocke Bildtapete mit Venus, Mars und Cupido bzw. Amor, auch das barocke Sofa ändern daran nichts. Eine Aktualisierung, die man nicht anders als banal nennen kann. Um nur ein Beispiel zu geben: Einer der ergreifendsten Momente der Oper ist die Szene, wenn Seneca - von Nero zum Selbstmord verurteilt - sich vom Leben und von seinen Freunden verabschiedet. Der Regisseur aus Glasgow zeigt die Szene als Parodie des Literarischen Quartetts vor laufender Kamera. Es darf gelacht werden Der Bass Antonio Abete hat es da nicht leicht, als Seneca glaubwürdig zu sein. Am Ende dieser Weltabschiedsszene fordert Seneca seine Freunde auf, ihm das Bad zu richten, in dem er sich die Pulsadern aufschneiden wird. Dennoch will es der Regisseur David McVicar an der Berliner Lindenoper, daß Seneca sich mit einem Revolver erschießt. Auf dem Monitor sieht man auch noch das Fernsehbild des blutüberströmten Kopfes. Schade, daß die platte Inszenierung dem hohen musikalischen Bemühen des Abends nicht gerecht wird. Denn der Abend darf mit Fug und Recht ein Fest schöner Stimmen genannt werden. Einige der besten Alte Musik-Spezialisten versammeln sich in dieser René-Jacobs-Produktion, auch wenn die Besetzung Fragen aufwirft.
Daß Kaiser Nero von einem Mezzosopran gesungen wird: nun gut! Eros hat viele Facetten. Aber warum wird er, der ja schließlich das Flittchen Poppea liebt und zur Kaiserin erhebt, ausgerechnet als ein Michael Jackson-Verschnitt vorgeführt, der sich offenbar am liebsten mit dreiviertelnackten jungen Männern umgibt?
Und warum muß die Amme als transvestitische Knallcharge und Arnalta, die Vertraute Pop-peas, en travestie übrigens fabelhaft von Thomas Michael Allen gesungen, im rosa Pailletten-fummel mit Boa und Glitzerbrille auftreten wie Dame Edna auf dem Tuntenball? Die Aktualität des Stücks wird dadurch nicht eindringlicher. Daß zuguterletzt Nerone und Poppea in Phantasiekostümen mit Federn und Haaren wie zwei Paradiesvögel vom Amazonas ihr inniges, wenn auch doppelbödiges Schlußduett singen (die Doppelbödigkeit bleibt allerdings außen vor), leuchtet ebensowenig ein wie die ganze Inszenierung. Am Ende gehen einfach die Lichter aus. Basta cosi! Und das nach einem der schönsten Liebesduette der Opernliteratur, das von Carmen Giannattasio als Popea und Malena Ernmann als Nerone berückend schön gesungen wird.
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