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Dieter David Scholz
Kritiken Beitrag für SWR, Musik Aktuell am 12.12.2003: Neuinszenierung von Tchaikowskys "Pique Dame" an der Berliner Staatsoper
Anmoderation: Daniel Barenboim dirigiert
seine Berliner Staatskapelle und den Chor der Staatsoper Berlin. Mit
Tschaikowskys "Pique Dame" feiert man Unter den Linden wieder einmal ein
Event. Die Berliner lieben Eventkultur. Von nah und weit ist man denn auch
angereist. Die Barenboim-Premieren Unter den Linden sind längst von Glamour
und Haut Couture umgeben, das Publikum umjubelt fast jede
Staatsopernpremiere, egal wie´s künstlerisch auf oder unter der Bühne
zugeht. Hauptsache, man darf dabei sein, man kann es sich leisten. In Zeiten
des Sparens zweifellos ein Privileg. Seit der Wende ist die Staatsoper, das
Schmuckästchen der drei Berliner Opernhäuser, zum Repräsentierhaus Nummer
eins geworden. Etatmäßig sind ihm sowohl die wesentlich größere Deutsche
Oper als auch die Komische Oper unterlegen. Mißgunst, Neid,
Konkurrenzkampf, verantwortungslose Eitelkeiten der Intendanten und
Dirigenten, aber auch mangelnde Abstimmung der Spielpläne – will sagen
Repertoire-doubletten - beherrschen die Berliner Opernlandschaft. Und die
finanzschwache Hauptstadt kann oder will sich drei konkurrierende
Opernhäuser eigentlich nicht mehr leisten. Die geplante Berliner
Opernstiftung soll für Klarheit und Planungssicherheit sorgen durch
Zusammenlegungen, Fusionierung und Kostensparung. Die Effektivität solcher
Synergie-effekte wird jedoch von Fachleuten bezweifelt. Von der
künstlerischen Fragwürdigkeit einer solchen Opernstiftung ganz zu schweigen.
Wer soll beispielsweise 2007, wenn alle Berliner Theater-Verträge
auslaufen, Generalintendant der vereinigten Opernhäuser werden, wie
angedacht wird? Wer Generalmusikdirekor? Barenboim oder Thielemann? Wer soll
das entscheiden? Wird einer von beiden Pultstars freiwillig den Stab
abgeben? Frage über Fragen, die nicht nur der amtierende künstlerische
Berater der Deutschen Oper, der Wiener Staatsopernintendant Ioan Holender
in die Öffentlichkeit trug. Bis 2005 plant er die noch die Geschicke des
größten Berliner Opernhauses in der Bismarckstraße, das der erfolglose Udo
Zimmermann vorzeitig verließ. Aber was geschieht dann? Bleiben auf Dauer
alle drei Häuser erhalten? - Einstweilen wurschelt jedes Haus vor sich hin,
jedes arbeitet gegen jedes, und jedes nur für sich. Die Staatsoper gibt –
wie gesagt - "Pique Dame" in Starbesetzung. Placido Domingo, dessen tenorales Material trotz seines Alters, er
ist über 60 Jahre - einfach erstaunlich ist, ist der Star der
Neuinszenierung von "Pique Dame" an der Berliner Lin-denoper. Und er ist der
einzige Star. Denn Angela Denoke als Lisa ist – mit Verlaub gesagt – eine
Fehlbesetzung. Zu spröde, zu steif, zu ungelenkig ist ihre Stimmführung, zu
angestrengt ihre Tonbildung in der mühsam nur erreichten Höhe. Ihre Lisa –
die am Ende nach Altväter Sitte mit erhobenen Armen in die Newa springen
darf, während schwarze Todesvögel über ihr kreisen - ist alles andere als
ein Hörvergnügen. Schade. Sängerische Lichtblicke immerhin gibt s in den
Nebenrollen: Hanno Müller–Brachmanns intelligent gestaltender,
stimmkräftiger Tomski überzeugt ebenso wie die junge Mezzosopranistin
Ekaterina Sementschuk als Polina. Gespannt war man Unter den Linden vor allem auf den mit reichlich
Vorschußlorbeeren bedachten 41 jährigen Warschauer Film-, Theater- und
Opernregisseur Mariusz Trelinski, der sowohl von Domingo als auch von
Barenboim als neues Genie des Musiktheaters an-gepriesen wurde. Die
Enttäuschung war groß, denn bei Trelinski wird nichts als kon-ventionelles
Operntheater gespielt. Hände ringend agieren die Solisten an der Rampe,
Chöre werden blockhaft hin- und hergeschoben, es wird viel und einfallslos
choreographiert, blondzöpfige Choristinnen tragen im Schreitmarsch
brennende Kerzen herum, Lemuren-Exerzitien und Geisterbeschwörungen um den
Spieltisch langweilen auf Dauer. Hermann, der Spieler, der dem Geheimnis der
drei Karten der alten Gräfin auf die Spur kommen will, ihn versteht
Trelinski als slawischen Archetyp des Mörders Raskolnikow. Aber Domingo –
alleingelassen von der Regie - spielt stets nur sich selbst, umwuselt von
vier tänzelnden Füchsen, will sagen Ballettänzern mit Fuchsmasken. Die ganze
Welt der St. Petersburger Gesellschaft schrumpft bei Trelinski und seinem
Ausstatter Boris Kudlicka auf ein rotes Spielcasino mit Namen "Rouge"
zusammen. Das Personal der Oper trägt denn auch vor-wiegend rot. Vom
Gesellschaftspanorama Puschkins und seiner Bearbeiter bleibt nichts übrig.
Trelinski zeigt in antirealistischem Stil der Siebzigerjahre die Oper um den
von Dämonen getriebenen Spieler als roten Einheits-Wahn zwischen Himmel und
Hölle, in der Katharina die Große schließlich als glatzköpfiger Transvestit
triumphiert. Das soll wohl ein apokalyptisches Traumspiel von Innen- und
Außenwelt sein, reicht aber letztlich über stadttheaterhafte
Ausstattungsoper nicht heraus. Auch filmische Anleihen, Projektionen
ziehender Wolken, heranrollender Wellen und auffliegender Vögel, auch die
sich öffnende und verengende Objektivblende einer Art Stummfilm-Kamera
täuscht nicht darüber hinweg, das sich da ein überschätzter Regisseur an
einer Oper verhoben hat, die man andernorts – selbst an kleineren Häusern -
schon weit schlüssiger und faszinierender erlebt hat. Da kann Daniel
Barenboim noch so sehr auf die Pauke hauen!
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