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Dieter David Scholz
Kritiken Märchenwald, Mysterienspiel und Mummenschanz Opern-Ausgrabungen, sängerische Entdeckungen und ein Flop beim Rossini-Opera-Festival Pesaro 2006
Das immer wieder Überraschende des Rossini-Festivals in Pesaro ist die Ausgrabungs-freudigkeit unbekannter Rossini-Stücke, die Entdeckung und Präsentation junger, vielversprechender Belcanto-Sänger und das durchweg hohe musikalische Niveau der Produktionen. In diesem Jahr, dem 27. Rossini-Festival im Geburtstort des Komponisten, gab es in den mehr als 30 Veranstaltungen neben einer konzertante Aufführung von „Adelaide di Borgogna“, dem „Stabat mater“, Konzerten und Veranstaltungen der Accademia Rossi-niana, der Nachwuchsförderungs-Institution in Sachen Rossini-Gesang, immerhin zwei loh-nenswerte Opernausgrabungen. Alberto Zedda, der greise, aber immer noch ansteckend vitale künstlerische Direktor des Rossini-Festivals, darf sich zurecht glücklich schätzen, in seiner Talentschmiede des Rossinigesangs jedes Jahr mehr begabten Belcanto-Nachwuchs hervorzubringen. Die sängerische Sensation dieses Jahres war der blutjunge, schier überwältigende Tenor Francesco Meli. Melis Tenor steht dem von Juan Diego Florez an Koloraturengeläufigkeit und Verzierungsvirtuosität nicht an, ist dagegen weniger eng geführt ist und besitzt mehr Farben und Wärme als die seines südamerikanischen Kollegen, dessen Karriere ebenfalls in Pesaro begann. Es ist die erste tragende Rossini-Partie des aus Genua stammenden Sängers, der schon an der Scala als Idomeneo auf sich aufmerksam machte. In der Neuinszenierung der frühen Opera Semiseria „Torvaldo e Dorliska“, die Mario Mortone zum Auftakt des Festivals im schönen, alten Teatro Rossini in Szene setzte, riss Meli das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Das Sechs-Personen-Stück, das in einer nicht näher beschriebenen, hinterwäldlerischen Gegend Nordeuropas spielt, zwischen Unterholz und herzoglichem Schloss, ist eine Rettungsoper mit fast der gleichen Handlung und Personen-konstellation wie Beethovens „Fidelio“, allerdings mit weniger politischem als erotischem Hintergrund und buffonesken Einlagen, von denen die Partie des Schloßverwalters Giorgio lebt. Ihr verlieh der Buffo-Spezialist Bruno Praticò, seit 20 Jahren eine sängerische Institution in Pesaro, mit sängerischer Virtuosität, Notentreue und schauspielerischer Autorität beson-deres Profil. Am Ende solidarisiert sich Giorgio, dieser Verwandte des Beethovenschen Ge-fängnisdirektors, mit den Opfern des Despoten, eben Torvaldo und Dorliska (sehr kultiviert gesungen von Darina Takova) und mobilisiert einen Aufstand. Die Bauern kommen bewaffnet aus dem Wald, stürmen das Schloss und zwingen den Duca d´Ordow, der die begehrte Dorliska entführte und Torvaldo töten wollte, in die Knie. Dem Happy End des Liebespaa-res steht nichts mehr im Wege.
(Francesco Meli, Darina Takova) Dass der in Italien gefeierte neapolitanische Regisseur Mario Mortone diese frühe, an revo-lutionärem Potential reiche Rossini-Oper aus dem Jahre 1815, in der Bürgertum und Bauern die Feudalzeit mit ironischem Schöngesang verabschieden, aufs bloß dekorative Waldstück reduziert, zwar wunderbar realistisch in der plastischen Abbildung der Eichenwald-Flora, mit martialischen Gefängniskäfigen, die aus der Unterbühne herauf fahren und mittelalterlichen Zugbrücken, die aus den Portal-Logen herabgelassen werden, aber doch ohne Kenntlich-machung des eigentlichen Konflikts und Themas der Oper, ist so bedauerlich wie verwun-derlich. Dagegen wusste Víctor Pablo Pérez am Pult die an hohen sängerischen wie orche-stralen Anforderungen reiche Partitur angemessen, ja mitreißend zu realisieren, sodass diese Ausgrabung musikalisch ohne wenn und aber beglückend genannte werden durfte. Ein Glücksfall war auch die Ausgrabung der Farca “La Gambiale di matrimonio” – zu deutsch “Der Heiratswechsel” - aus dem Jahre 1810, eine an der comedia dell´Arte orientierte Buffa, in der Geld und Liebe, aber auch englische und kanadische Mentalität kollidieren, selbst-verständlich mit obligatem Lieto fine. Ein erstes, aber bereits perfektes Meisterstück des ge-rade achtzehnjährigen Rossini. Luigi Squarzina hat das Stück bereits 1991 in Szene gesetzt. Selbst in dieser Wieder-aufnahme (Neueinstudierung) überzeugt es als krachende Biedermeier-Farca mit geradezu Nestroyschen Figurenparodien. Eine zwar sehr konventionelle, aber doch handwerklich perfekte, stimmige Aufführung. Auch wenn der im Mittelpunkt stehende Kontrast zwischen Alter und Neuer Welt in der Kostümorgie Giovanni Agostinuccis etwas unterbelichtet blieb: Die lachmuskelanregenden Qualitäten dieser mit allen Wassern gewaschenen Komödien-inszenierung allein rechtfertigt die Produktion in der Auffrischung Agostinuccis. In der Hauptrolle des reichen englischen Kaufmanns Tobia Mill brillierte der junge Bariton Paolo Bordogna, auch er erfolgreicher Schüler der Accademia Rossiniana, ein neuentdecktes Buffo-Talent, wie es neben Bruno Praticò kein zweites gibt!
(In der Mitte Paolo Bordogna) Auch die übrige sängerische Besetzung liess keinen Wunsch offen. Umberto Benedetti Mi-chelangeli, Sohn des Pianisten, der mit dieser Farca in Pesaro debütierte, wusste die über-schäumende Musik Rossinis ebenso instinktsicher und stilgenau zu dirigieren wie Mozarts Oratorium „Die Schuldigkeit des ersten Gebotes“, die dem Rossini-Stück vorangestellt wurde. Ein Tribut ans Mozartjahr. Im zarten Alter von elf Jahren hatte Wolfgang Amadé das szenische Teiloratorium, gemeinsam mit J.M. Haydn und A.C. Adlgasser - für den Salzburger Fürsterzbischof komponiert. Eine etwas langatmige, wenn auch mit zauberhaften Arien aus-gestattete Auseinandersetzung zwischen Christen-Geist, Welt-Geist, und den Allegorien der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Eine erste verkappte Oper könnte man das Stück nennen. Mozart hat denn auch Arien aus dem fast anderthalbstündigen Werk in seine erste echte Oper „La finta semplice“ übernommen. (Maria Gortsevskaya, Ferdinand von Bothmer, Gemma Bertagnolli) Giovanni Agostinucci, seit 1991 gern gesehener Gastregisseur und Ausstatter in Pesaro, hat Mozarts kindliches Oratorium der Rossin-Farca vorangestellt. In einer Art backsteinernem Kirchenraum demonstriert er so etwas wie ein Mysterienspiel vor eingeschobenen Hierony-mus Bosch-Anspielungen und finaler, goldmonstranzstrahlender Barockapothesose in der Apsis.
Nahtlos läßt sich der Kirchenraum in ein mit Stoffen, Perserteppichen und allerhand Plüsch und Plunder angefüllte Handelskontor der Farca verwandeln. Freilich gelang es Agostinucci nicht, der statuarischen Dramaturgie des Oratoriums Leben und Handlung abzugewinnen. Auch wenn er kostümlich einen Spagat versuchte zwischen römischer Antike, Mittelalter und achtzehntem Jahrhundert, durchaus effektvoll, war dieser langatmige Auftakt des Abends nicht mehr als ein kostümiertes Arienkonzert. Gezeigt wurde diese zweite Premiere des diesjährigen Festivals in einer neuen Spielstädte im gewaltigen Sportpalast vor den Toren Pesaros, mitten im atmosphärisch wenig stimulierenden Industriegebiet, in dem als Ersatz für das Auditorium des Konservatoriums und die bisherige Behelfsbühne in der innerstädtischen Radsporthalle gleich zwei neue praktikable Theater installiert wurden, mit 2 technisch gutausgestatteten Bühnenhäusern, erstaunlicher Akustik und funktionierender Klimaanlage, was im oftmals sonnendurchglühten Adriastädtchen von Vorteil ist. Gastronomischer Service und Wege-Logistik der verwirrenden Örtlichkeit liessen allerdings noch zu wünschen übrig! Selbst Hartgesottene unter den angereisten Rossinianern waren darüber alles andere als „amused“. Auch die Neuproduktion der „Italienerin in Algier“ fand in einer dieser Sportpalast-Bühnen statt. Dario Fo, als quasikommunistischer Politrevoluzzer des Theaters längst lebende Legende, wurde noch einmal gebeten, das beliebte Repertoirestück zu inszenieren. Wer aller-dings Scherz, Satire und tiefere Bedeutung oder gar intelligente Attacken gegen Establishment und Konvention erwartete, musste sich enttäuscht sehen. Der alt gewordene Dario Fo be-scherte nichts weiter als einen Zirkus aneinandergereihter Clownnummern und Hans-wurstiaden unter Turban und Halbmond.
Oberste Regieabsicht schien Kurzweiligkeit um jeden Preis zu sein. Fo zeigte nicht mehr als eine in flottem Tempo durchchoreographierte, knallbunte Revue musikalisch bewegter Bilder voller trippelnder Eunuchen und tanzender Haremsdamen, neckischer Blödeleien und fader Öbszönitäten. Fo winkte mit Marterpfählen aller Arten. Regie-Gags und Zeitgeist-Ans-pielungen überschlugen sich in diesem orientalischen Mummenschanz. Selten sah man Rossinis „Italienerin“ so reduziert aufs Oberflächliche. Selbst der liebreizende Zoo tänzelnder Plüschtiere, springenden Fische in barocken Meereswellen, und fliegender Vögelchen konn-ten darüber nicht hinwegtäuschen. Diese „Italienerin“ war eine telegene Unterhaltungsshow fürs Auge, vergnügungstauglich allenfalls für ein anspruchslosen Massenpublikum. Das von weit her angereiste, in Sachen Rossini ungewöhnlich kenntnisreiche und interessierte Publikum in Pesaro empfand dies überwiegend als Zumutung und protestierte verständlicherweise mit Buhstürmen gegen diese Banalisierung des Stücks. Dario Fo, dessen Produktion von „La Gazeta“ im vergangenen Jahr noch Jubel auslöste, hat sich und dem Festival mit dieser „Italienerin“ keinen Gefallen getan. Sängerisch hatte aber auch diese Produktion ihre Meriten. Aus dem durchweg überzeugenden Ensemble ragte Marianna Pizzolato als immerhin respektable Isabella heraus. Freilich, man hat schon eindrucksvollere Koloratur-Altistinnen in dieser Partie gehört, gerade in Pesaro. Auch Donato Renzettis Dirigat löste nicht gerade einen hysterischen Rossinitaumel aus. Dennoch: Für die Neugierigen unter den Rossini-Verehrern gab es – summa summarum – genug Lohnenswertes und Interessantes in diesem Jahr. Im kommenden sind Neuproduktionen von “Otello” und “Maometto Secondo”, aber auch die Wiederaufnahme der Ponnelle-Erfolgsinszenierung von “L´Occasione fa il Ladro” ange-kündigt.
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