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Dieter David Scholz
Kritiken Rossini Opera Festival Pesaro 2005 Vom Nutzen und Nachteil
der Gazetten
Edgar Allen Poe hat es auf den Punkt gebracht: „Was das Publikum in einer Zeitschrift sucht, ist das anderswo nirgends Beschaffbare“. Das gilt auch und gerade für den Inseratenteil von Gazetten. Keiner hat sich darüber lustiger gemacht als Gioacchino Rossini in seinem Dramma per musica „La Gazzetta“, frei nach Goldonis Stück „Il matrimonio per concorso“ mit dem er den Neapolitanern 1816 seine Fähigkeiten als Opera-buffa-Komponist einmal mehr unter Beweis stellte. Der neureiche neapolitanische Kaufmann Don Pomponio, der sich mit seiner Tochter gerade in Paris aufhält, will für sie eine gute Partie ergattern. Also gibt er in einer Tageszeitung ein Inserat auf, um für die lebenslustige Lisetta, die sich heimlich mit dem Wirt, Filippo verlobt hat, einen Mann zu suchen. Die großspurig pikante Anzeige amüsiert ganz Paris, insbesondere die Gäste des Hotels, in dem man wohnt, allesamt Beziehungssuchende: Väter, Töchter Söhne, Wichtigtuerinnen wie Madama La Rosa oder der klatschsüchtige Lebemann Monsú Traversen. Ein Verwirrspiel der Interessen und Gefühle, vor allem im tür-kischen Maskenfest des zweiten Aktes, in dem schließlich die beiden jungen Paare Lisetta und Filippo sowie Doralice und Alberto den Segen der gefoppten Väter finden. Ein köstliches Stück, dessen sechzehn reiche musikalische Nummern von Antonello Allemandi mitreißend dirigiert wurden. Das Galizische Sinfonieorchester spielte brilliant. Die Wiederaufnahme von Dario Fos umjubelter Inszenierung aus dem Jahre 2001 wurde - entgegen aller Erwartungen - zum eigentlichen Höhepunkt des diesjährigen Rossini-Festivals.
Der alte, weise Theatermann hat Rossinis Opera buffa zur tänzerisch durchchoreographierten Nummernshow im Charleston und Tango-Rhythmus vor transparentem Jugendstilambiente auf mehreren Ebe-nen zubereitet. Eine Unterhaltungs-Revue der Superlative mit Laufstegen, begehbaren Brücken, symmetrisch effektvollen, lebenden Bildern, exaktem Timing und ohne alle kon-ventionellen opernhaften Buffonerien, mit geschmackvollen Art-Deco- und historischen Tür-kenkostümen. Die aufgefrischte Wiederaufnahme hat nichts Angestaubtes. Und noch immer fasziniert Dario Fos Theaterkunst, deren Höhepunkt die potpourriartig improvisierte, nea-politanische Liedeinlage mit Klavierbegleitung ist. Die taufrisch wirkende Inszenierung ist ein Feuerwerk der szenischen Einfälle, der körperlich bewegten Personenführung und des un-verbrauchten Regiehandwerks. Das Publikum geriet außer Rand und Band von Begeisterung. Mit dem stimmlich wie schauspielerische agilen Bruno Praticò, einer sängerischen Institution in Pesaro, hat man den denkbar besten Buffo-Darsteller in der Partie des Don Pomponio zur Verfügung.
Der junge spanische Tenor José Manuel Zapata demonstrierte als Alberto höhensicheren Rossini-Gesang mit männlichem Timbre. Ein kleiner, kugelrunder Tenor von enormer Vitalität, Techniksicherheit und Durschlagskraft. Bewährt wie immer der samtene Bariton Lorenzo Regazzos in einem insgesamt überzeugenden Ensemble, aus dessen Damen-riege Manuela Custer als Madama La Rosa herausragte.
Auch der Einakter „Arrighetto“ des Rossini-Zeitgenosse Carlo Coccia über einen als Gärtner verkleideten Statthalter Palermos hat den Nutzen und Nachteil der Gazetten aus ungewohnter Perspektive beleuchtet. Wie immer beim Rossini Festival wird in der Reihe „Il Mondo delle Farse“ eifrig ausgegraben und wiederentdeckt. In diesem Jahr ist es der Neapolitaner und Paisiello-Schüler Carlo Coccia, der aus Einsicht in die Vergeblichkeit, mit Rossini kon-kurrieren zu können, nach Lissabon und London übergesiedelt war. Seine 36 Opern, deren einige an der Mailänder Scala Erfolge wurde, sind heute vergessen. Um so verdienstvoller, daß man in Pesaro das einaktige Dramma per musica in Erinnerung ruft, in dem ebenfalls die Zeitung (als politisches Informationsorgan wie soziales Kommunikationsmedium) der Dreh- und Angelpunkt eines sizilianischen Verwechslungs- und Enthüllungsdramas ist, bei dessen Ende sich die Mitglieder einer Familie wiedererkennen und die politischen Verhältnisse sich zum Besten wenden. Die romantisch realistische, quicklebendige Inszenierung von Rosetta Cucchi im kleinen Teatro Sperimentale unterstreicht unter der soliden musikalischen Leitung Lanfranco Marcellettis die Bedeutung der Zeitung im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts und wirft ein erhellendes Licht auf Rossinis musikalischen Stil in der musikalischen Umgebung seiner Zeit. Gespannt war man in diesem Jahr auf Rossinis selten gespieltes zweiaktige Melodramma „Bianca e Falliero“. Man konnte sich des Eindrucks einer Enttäuschung nicht erwehren, trotz der sehr bemühten, aber das kaum zu inszenierende Stück nicht rettenden Inszenierung von Jean-Louis Martinoty, der die venezianische Romeo-.und Julia -Variante mit Happy End als realistisches Musiktheater in einem musicalhaften Bühnenbild von Hans Schavernoch heraus-brachte. Schavernoch hat auf die Bühne des schönen, alten Teatro Rossini einen raum-füllenden, vollplastischen Markuslöwen gestellt, dessen Bauch sich wie ein Kaufladen auf- und zuklappen läßt und immer neue Venedigbilder, Innen- wie Außenansichten zeigt, voll-gestellt mit plüschigen Möbeln, Kandelabern und Requisiten aus dem 17. Jahrhundert. Vor imposanten Tintoretto-Prospekten wird die langatmige, verzwickte Geschichte zweier ver-feindeter Familien und ihrer Kinder, die sich am Ende kriegen, sehr konventionell aus-gebreitet. Musikalisch ist das Stück keineswegs uninteressant, aber Renato Palumbo, der im vergangenen Jahr mit Rossinis „Elisabetta“ faszinierte, offenbarte keine tiefere Affinität zu der Oper. Unter seiner Leitung präsentierte sich das Galizische Sinfonieorchester matt und un-inspiriert. Daniela Barcellona stand die anspruchsvolle Hosenrolle des Falliero mit großer Stimme und begnadetem Material durch, ließ aber gestalterisch Einiges zu wünschen übrig. María Bayo als Bianca demonstrierte dagegen feinste Gesangskultur und subtilste Aus-drucksnuancen. Das ansonsten recht heterogene Sängerensemble machte im kostümlichen Mummenschanz der in erster Linie bildorientierten Produktion nicht gerade „Bella figura“.
Was bei „Bianca e Falliero“ ein Zuviel an barocker Bildromantik, geriet in der mit Spannung und Neugier erwarteten zweiten Neuproduktion dieses Jahres, der Inszenierung des „Barbiere di Siviglia“ Luca Ronconis zum lautstark abgelehnten Zuwenig an erwarteter Optik des Opern-Evergreens. Ronconi konnte sich der Buhsalven des Publikums kaum erwehren, so sehr hatte er mit seiner alle Erwartungen und Konventionen enttäuschenden Lesart provoziert. Er zeigt auf der riesigen, veritablen Radsporthallen-Bühne des Palafestivals einen Barbiere die Siviglia ohne Sevilla, stattdessen aus der Brille der cineastisch-faschistischen Rezeption von spanischer Komödie. Ein umgekippter High-Tec-Regieraum eines Fern-sehstudios in einer Art Tiefgarage mit Bus-Oldtimer ist das Einheitsbühnenbild, in dem auf Leinwand Filmszenen der Dreißiger- und Vierzigerjahre projiziert werden.
Gelegentlich klappen ironisch Pappkulissen auf, unentwegt heben und senken sich Tische, Stühle, Container und Schränke an Seilen über der Bühne. Die fleißigen Schnürboden-Fahrten sollen wohl das Absurde der Rossinischen Komödiensituationen versinnbildlichen. Sie stellen eher die Leistungsfähigkeit der Bühnentechnik unter Beweis, als daß das Stück erklären. Die gewiß intelligent gedachte, anspielungsreiche, aber szenisch ziemlich langweilige und sterile Inszenierung dürfte für den gewöhnlichen Zuschauer allzu sophisticated, wenn nicht undurchschaubar sein. Eine typische Dramaturgen-Kopfgeburt, die zwar dem zurecht gefeierten Publikums-Star Juan Diego Florez in der Partie des Grafen Almaviva, der abwechselnd im Mozartkostüm, als Geistlicher und als Soldat auftreten mußte, nicht abträglich wurde, aber das Vergnügen am Stück doch sehr einschränkte, was um so bedauerlicher ist, als Daniele Gatti den wie immer fabelhaften Prager Kammerchor und das bestdisponiert Orchester des Teatro Cumunale di Bologna zu einer bestechenden Leistung von großer dynamischer und agogischer Differenziertheit zu animieren verstand. Auch das ereignishafte Debüt Joyce die Donatos als Rosina hätte eine angemessenere Inszenierung verdient. Die amerikanische Sopranistin, die sich in Pesaro schon als Adina vorgestellt hatte, fasziniert in ihrer makellos stimmschönen Interpretation mit Verzierungen und gestalterischen Finessen von Seltenheitswert. Dagegen fiel der Rest des Ensembles deutlich ab. Das hat man alles schon besser gehört. Summa summarum: Sängerische Glanzlichter und manches musika-lische Glück. Szenisch erwies sich das Alte beim diesjährigen Rossini-Festival in Pesaro als das Überzeugendste. Man darf gespannt sein auf die angekündigten Neuproduktionen von „Torvaldo e Dorliska“ und „L´Italiana in Algeri“ im nächsten Jahr.
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