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Dieter David Scholz
Kritiken Opernwelt, MDR, NDR, SWR:Starke Frauen, Koloraturengefechte Tancredi,
Matilde di Shabran und Elisabetta Regina d´Inghilterra Die Opera Seria "Tancredi", das melodienreiche sizilianische Ritter- und Liebesdrama, das Rossini im Geburtsjahr Richard Wagners im Teatro La Fenice in Venedig herausbrachte und damit auf Anhieb international Anerkennung fand, eröffnete das diesjährige Rossini-Festival an der Adria, es war die einzige Wiederaufnahme. Man hatte die strenge, schöne, antikisch inspirierte, 1999 für das kleine Teatro Rossini entworfene Inszenierung Pier Luigi Pizzis, des unangefochtenen Altmeisters des italienischen Musiktheaters und eine der Säulen des Rossini-Festivals seit Anbeginn, ins große, aus einer umgebauten Radsporthalle hervor-gegangene Palafestival eingepaßt, wohl um dem Publikumsansturm gerecht zu werden, den Vesselina Kasarova als Tancredi auslösen würde. Daß sie wenige Wochen vor der Premiere abgesagt hatte, war Pech für die Veranstalter. Statt ihrer sprang die palermitanische Mezzo-sopranistin Marianna Pizzolato ein, die bisher vor allem als Händel- und Vivaldi-Sängerin von sich Reden gemacht hatte.
Sie ist kein Senkrechtstarter wie weiland Daniela Barcellona, aber doch eine kultivierte Sängerin mit gut geführtem Mezzosopran. Unterstützt von dem spanischen Dirigenten Víctor Pablo Pérez wußte die Pizzolato vor allem in der ergreifenden Cavatina Finale mit berührendem Ausdrucksoptimum bei extremer Tempoverlangsamung die Zeit zum Stillstand zu bringen. Daß viele Zuschauersitze im Palafestival leer blieben, lag sicher nicht nur an Kasarovas Absage, sondern auch am allgemeinen Touristenrückgang dieses Jahres (immerhin sind mehr als 60 Prozent der Besucher Deutsche und Österreicher) und am leereren Geldbeutel der Italiener selbst, die ihren Ferragosto, Höhepunkt der touristischen Saison, zunehmend andernorts als an der bisher favorisierten Adriaküste verbringen. Mit der erwiesenen Treue der zu Unrecht des Gegenteils Verdächtigten versüßt Amenaide am Ende der in Pesaro gespielten tragischen Fassung des "Tancredi" dem Titelhelden seinen Tod. Ein Triumph der Weiblichkeit, von der Rossini mindestens so viel verstand wie Richard Wagner, auch wenn er keine hochdramatischen Frauenpartien erschaffen hatte. In vielen seiner Opern zeigt Rossini die Frauen von ihrer starken Seite. Auch und vor allem in Rossinis (heute selten gespielter) erster für Neapel geschriebenen Oper "Elisabetta, Regina D´Inghilterra". Deren Titelpartie hatte er für die berühmte Isabella Colbran geschrieben, die damalige "prima donna assoluta" der Nepolitanischen Oper. Es war die erste der vielen Partien, die er für seine spätere Ehefrau komponierte. Elisabetta ist eine verzeihende Königin, die sich am Ende einer Intrige menschlich zeigt und über Ehre, Eros und Libido erhebt. In Pesaro hat Sonia Ganassi mit erstaunlicher Durchhaltekraft, großer Stimme und fulminanter Koloraturentechnik überrascht. Das Publikum dankte es ihr mit Standing ovations.
Aber nicht nur die Ganassi, die in dieser Partie über sich selbst hinauswuchs und als große Virtuosa den sängerischen Höhepunkt des ganzen Festivals bildete, begeisterte. Die Produktion als Gan-zes überzeugte. Daniele Abbado, Sohn des Dirigenten Claudio, hat in der gediegenen Ausstattung von Giovanni Carluccio im akustisch exzellenten Saal des Rossini-Konservatoriums zwar keine psychologisch erhellende, aber doch äußerst sängerfreundliche, zumindest stückschonende (das ist heute schon viel) historische Kostümorgie auf einer Art Shakespeare-Bühne in Hochglanzstahl arrangiert.
Die bedrohlich sterile Bühnenarchitektur bot der Musikentfaltung Rossinis einen praktikablen szenischen Rahmen. Das komplette Ensemble inklusive der Tenöre Bruce Sledge (Leicester) und Antonino Siragusa (Norfolc) war glaubwürdig besetzt und lieferte sich hochartifizielle, spannende Koloraturenschlachten. Der zuverlässige Prager Kammerchor, Hauschor des Rossini-Festivals, blieb wieder einmal seinem Ruf nichts schuldig. So wie die Ganassi demonstrierte, daß bei Rossini Koloratur und Ornament gestisches wie psychologisches Ausdrucksmittel, ja menschliche Waffe und Schutzschild zugleich sein kann, lieferte Renato Palumbo am Pult des Orchestra del Teatro Comunale di Bologna in jedem Takt den schlagenden, will sagen tönenden Beweis dafür, daß Rossinis Psychologie und Dramatik sich – jenseits aller szenischen Realisierung – schon in der musikalischen Architektur verwirklicht. Die gestalterische Intelligenz, die klangliche Raffinesse, die gespannte Dramatik und die hand-werkliche Präzision, die Renato Palumbos "Elisabetta" zum musikalischen Ereignis des dies-jährigen Rossini-Festival werden ließ, vermißte man in der von Riccardo Frizza musikalisch verantworteten Neuproduktion der "Matilde di Shabran" mit dem Galizischen Sinfonie-orchester. In Riccardo Frizzas Einstudierung der doppelbödigen, an Eigenzitaten und ironi-schen Anspielungen reichen letzten italienischen Oper, die Rossini geschrieben hatte, einer Opera semiseria über den von Matilde di Shabran – deren Kraft ihre Unschuld und Tugend-haftigkeit ist - geheilten Weiberfeind und Kriegsherrn Herzog Corradino wurde das Pulver der mitreißenden Buffo-Nummern und Finali ziemlich nass. Auch szenisch gab es Grund zu Enttäuschung. Der vielgepriesene neapolitanische Schauspiel-, neuerdings auch Opern-regisseur Mario Martone gab ein eher konventionelles Regiedebüt. Selten wurde so schmie-renhaft chargiert und händeringend Oper gespielt in Pesaro. (Dagegen war Daniele Abbados auf dekorative Statuarik reduzierte Personenführung in "Elisabetta" geradezu wohltuend.) Immerhin kann die spektakuläre, in den Bühnen-Himmel führende Doppelhelix seines Bühnenbildners Sergio Tramonti als sinniges Symbol des insgeheimen Mottos der dies-jährigen Rossini-Festspiele verstanden werden, daß das "Ewigweibliche" uns hinanziehe. Es kam auch in der die Rossini-Produktionen begleitenden Reihe "mondo delle farse" aufs Unterhaltsamste zum Zuge. In einer respektabken Hochschul- und Studioproduktion (mit dem Orchestra Sinfonica G. Rossini) des dramma eroico-comico "Il trionfo delle Belle " mit der munteren, vor-Rossinischen Musik von Stefano Pavesi (30 Jahre lang war er Maestro di cappella in Crema, zeitweilig Musikdirektor der Wiener Hofoper und einer der fleißigsten Opernkomponisten zwischen den letzten Meistern des 18. Jahrhunderts und Gioacchino Rossini) zeigte man eine turbulente, lachmuskelanregende comedia dell´Arte-hafte Insze-nierung (Damiano Michieletto ) eines Vorläufer-Modells von Rossinis "Matilde di Shabran". In der Martone-Inszenierung der "Matilde" bot die um sich selbst gedrehte Doppelstiege auf jeden Fall dem unbestrittenen Publikumsliebling Juan Diego Florez dankbare Auftrittsmög-lichkeiten.
Der peruanische Tenorstar zeigte sich wieder einmal als höhensicherer, konkurrenzloser Koloraturenartist seines Fachs und als Bühnen-Komiker, der sich für keinen Klamauk zu schade ist. Schade, denn etwas weniger wäre mehr gewesen in der albernen, oberflächlichen Inszenierung Martones, die nicht über solides Handwerk hinausging. Daß die Sänger Mikroports trugen, irritierte zwar, beeinträchtigte aber nicht das akustische Gesamtergebnis, zumal die Technik offenbar nur dem besseren Mitschnitt einer geplanten CD-Publikation diente. Weit bedauerlicher war es, daß Riccardo Frizza die Offenbach-Qualitäten dieses köstlichen Stücks nicht angemessen zum Ausdruck zu bringen vermochte. Aber auch Annick Massis, die französische Star-Sopranistin und Interpretin der weiblichen Titelpartie, enttäuschte mit ihrem Pesaro-Debüt. Ihre Stimme wirkte substanzlos und resonanzarm, ungestützt, klein und kraftlos in der Höhe. Eine hingehauchte, womöglich indisponierte, vielleicht einfach nur am Premierentag unpäßliche Matilde. Auch starke Frauen haben Schwächen und schlechte Tage. Sonst hätten die Männer ja keine Chance. Eben darum ging es in den Frauen-Stücken des diesjährigen Rossini-Festivals in Pesaro.
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