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Dieter David Scholz
Kritiken
ARD-Beitrag (Grundlage versch. Variationen und
Längen) ) für SWR, RBB, NDR, WDR
Rossini-Opera-Festival in Pesaro 2003
Am vergangenen Wochenende, am 8.
August, ist im kleinen italienischen Adria-Städtchen Pesaro, dem Geburtsort
Gioacchino Rossinis, das zu seinen Ehren alljährlich veranstaltete
Opernfestival eröffnet worden. Bis zum 22. August dauert das weltweit
renommierteste Rossini-Festival an, das in 14 Tagen immerhin mehr als 25
musikalische Veranstaltungen, Belcanto- und Orchester-Konzerte,
Opernaufführungen und Rossinis Stabat mater prä-sen-tiert. Zum inzwischen
vierundzwanzigsten Male geballte Rossini-Kompetenz. Trotz unbarm-herziger
Hitze standen gleich in den ersten 3 Tagen zwei Opern-Neuproduktionen, "Semi-ramide"
und "Le Comte Ory" und auch eine Wiederaufnahme "Adina" zur Premiere an.
Dieter David Scholz hat sie für uns besucht.
Renata Tebaldis Gestaltung der "Adriana Lecouvreur" in Francesco
Cileas gleichnamiger Oper ist ebenso Legende wie die ihrer Desdemona in
Verdis "Otello", ihrer Tosca oder ihr Einsatz für Gioacchino Rossini
Wiederentdeckung der Oper "L´assedio di Corinto" in Nea-pel im Jahre 1952.
Unvergessen ist sie deshalb auch in Pesaro, ihrem und dem Geburstort
Rossinis, des "Schwans von Pesaro". In diesem Jahr präsentiert man deshalb
in der frisch restaurierten Barock-Kirche di Santa Maria Maddalena, fast
neben dem von Rossini gestifteten Konservatorium, dem Auditorio Pedrotti,
eine Ausstellung ihr zu Ehren mit den Kostümen genannter Partien aus ihren
legendären Opern-Auftritten in Florenz, dazu einige ihrer – für heutige
Verhältnisse eher bescheidenen – Abendkostüme aus den 50er und 60er Jahren.
Die kleine, aber rührende Ausstellung in kühler Kirche, die nur am frühen
Vormittag und dann erst wieder ab 17 Uhr geöffnet wird, ist beliebter
Zufluchtsort aller hitzegestressten Festspielbesucher dieses Jahres, zumal
das 26 Grad warme Wasser der Adria auch nicht eben als "kühlendes Nass"
anlockt. Auch das Rossini-Festival in Pesaro hat unter der extremen
Glut-Hitze dieses Sommers zu leiden. Die Premieren waren – ungewöhnlich für
Pesaro – nicht ausverkauft. Wohl nur die Hartgesottenen unter den
Rossini-Verehrern setzen sich bei Temperaturen von annähernd vierzig Grad
freiwillig und in Abendgarderobe ins Theater. Kein Wunder, daß der Zulauf
ins kleine, klimatisierte Teatro Sperimentale, unge-wöhnlich groß war. In
ihm werden jeweils neben den eigentlichen Highlights des Festivals im Rahmen
der Reihe, "Il Mondo delle farse" weithin unbekannte Opern des
Rossini-Umkreises dargeboten. In diesem Jahr eine Rarität, die einmal mehr
demonstriert, daß Rossini keineswegs aus heiterem Himmel gefallen ist, ja
daß das Rossinische Crescendo bereits in Pietro Generalis "Melodramma
sentimentale" "Adelina" vorweggenommen wurde. Serena Senigallia hat diese
anderthalbstündige, in der Tat recht gefühlige, aber musikalisch
quick-lebendige Oper inszeniert, eine Oper über väterliche Sittenstrenge
angesichts unehelicher Schwangerschaft, und natürlich glücklichem Ausgang
nach Schwiegersohnbekenntnis und herzerweichendem Nachwuchsglück im
Körbchen. Serena Senigallia hat das seinerzeit so überaus erfolgreiche
Stück des Buffa-Komponisen Generali mit schlichtem, aber vitalem
Einfallsreichtum, mit Comedia dell Arte-Bezügen, mit geringstem
Dekorationsaufwand und mit leichtem Händchen überzeugend in Szene gesetzt.
Die Aufführung ist musikalisch insge-samt stimmig, eine hochinteressante und
lohnende Aufführung in jedem Falle. Ganz im Gegensatz zur überaus
kostspielig produzierten Luxusproduktion des diesjährigen Festivals, einer
Neuproduktion von Rossinis "melodramma tragico" "Semiramide":
Daniela Barcellona als Arsace ist der eigentliche und einzige Gesangssstar
der mit Spannung erwarteten Neuproduktion von Rossins "Semiramde" in Pesaro.
Sowohl Darina Takova in der Titelpartie, als auch Gregory Kunde als Idreno
enttäuschen. Beiden fehlt es an belcan-tischer Gurgelgeläufigkeit, also an
an stimmlicher Flexibilität und Intaktheit ihrer Stimmen, vor allem in der
Höhe. Enttäuschend ist auch die Inszenierung von Dieter Kaegi, der das auf
Vol-taires Tragödie basierende Stück über die babylonische Königin, die von
ihrem eigenen Sohn getötet wird, als langweiliges Star-Wars-Spektakel
inszenierte, die Hängenden Gärten der Semiramis in science-fiction-artiger
Kommandozentrale angesiedelt, einer Art babylo-nischem Pentagon-Headquarter
mit blinkenden Lichtchen und überdimensionalen Monitoren. Parsifalartig
anmutendes, fast oratorisch strenges Schreiten der methusalembärtigen
weiß-gewandeten Choristen um einen runden Tisch, der Büro- und Spieltisch
zugleich ist, ermüdet. Das technische Wunderwerk, die abendfüllende Idee
der Inszenierung, kann versenkt und hochgefahren werden, wie von Geisterhand
fahren Monitore aus ihm heraus, es verschwindet lautlos, ist Altar und
Laufsteg zugleich. Aber das geschäftige auf und Ab der Methusaleme wie der
modern gekleideten, singenden Akteure einer internationalen Diplomatenparty
im Headquarter läßt weder Handlung noch Absicht des Stücks, zu schweigen von
einem ein-leuchtenden Konzept der langatmigen Inszenierung, deutlich werden.
Die langsamen Tempi des spannungslosen Dirigats von Carlo Rizzi lassen die
fast fünfstündige Aufführung zur stra-paziösen Nagelprobe rossinitreuen
Sitzfleisches werden. Die buhstarke Ablehnung des Re-gisseurs durch das
Publikum ist nur zu verständlich.
Ganz im Gegensatz zur "Semiramide" ist die Wiederaufnahme der leider viel zu
selten ge-spielte Farsa "Adina" ein gefeierter Publikumserfolg. Die schon
1999 produzierte Insze-nierung von Moni Ovadia als Orient-Traum in den
prachtvoll realistischen, maurisch inspi-rierten Bühnenbilden von Giovanni
Caluccio ist szenisch wie musikalisch rundum be-glückend. Kein innovatives
Experiment, aber eine stimmige Aufführung, das ist heute schon sehr viel!.
Renato Palumbo am Pult des Orchestra di Teatro Comunale die Bologna ließ
keinen Wunsch offen, die neun durchweg gefälligen musikalischen Nummern des
Einakters – dessen Handlung bis auf die Schlußpointe ziemlich genau der von
Mozarts "Entführung aus dem Serail" entspricht, optimal zur Geltung zu
bringen. Auch die Sängerbesetzung ist ohne Ausnahme hervorragend, sowohl
Raul Gimenez in der Tenorpartie des Selimo als auch Marco Vinco in der
Baritonpartie des Kalifen ernten Beifallsstürme. Mit der aufstrebenden,
jungen Sopranistin Joyce di Donato als Adina wohnt man der Geburt eines
künftigen Stars bei. Eine überwältigende Sopranistin, sowohl die Intensität
ihrer Darstellung, als auch ihre stimmlichen Möglichkeiten betreffend:
salopp gesagt eine Mischung aus Julia Varady und Gundula Janowitz. Von
Pesaro aus wird sie – man muß kein Prophet sein, dies vorher-zusehen - eine
Weltkarriere starten, so wie der peruanische Tenor Juan Diego Florez 1996
von Pesaro aus seinen Siegeszug als inzwischen wohl konkurrenzloser tenore
di grazia bzw. tenore lirico-leggiero antrat.

Daß Juan Diego Florez in der diesjährigen –
begrüßenswerten - Ausgrabung der späten Komischen Oper "Le Comte Ory" mit
der Titelpartie einen weiteren Triumph feiern würde, war vorherzusehen. Um
so bedauerlicher ist die Enttäuschung der Inszenierung von Lluis Pasqual,
einem der immerhin renommiertesten spanischen Schauspiel- und
Opern-regisseure. Er zeigt die dramaturgisch wie musikalisch außerordentlich
köstliche späte französische Oper Rossinis, die auf Eugène Scribes und
Charles Gaspar Delestre-Poirsons Libretto fußt - eine mittelalterliche
Verkleidungskomödie, in der sich Comte Ory und seine Männer als Nonnen
verkleidet in das Schloß der vom Comte Ory angebeteten Gräfin einschleichen
- zur Verwunderung der Zuschauer nicht als Mittelalter-Parodie Rossinis,
sondern als modernes Gesellschaftsspiel in einem plüschigen,
lüsterprangenden Salon der Rossini-Zeit. Er will wohl mit viel operetten-
und revuehafter Beingymnastik demonstrieren, daß der Schritt von Gioacchino
Rossini zu Jacques Offenbach nicht mehr weit ist. Aller möglichen Einwände
zum Trotz: musikalisch mag er durchaus recht haben. Leider ließ der nach
vielen Jahren Pesaro-Abstinenz ans Pult zurückgekehrte Jesus Lopez-Cobos die
Leichtigkeit Offenbachs, bzw. Rossinis zugunsten kapellmeisterlicher
Präzision und Zackigkeit durchweg vermissen. Das Orchester des Teatro
Comunale di Bologna ist brilliant, der Kammerchor Prag, eine ständige
Institution in Pesaro, singt perfekt wie immer, doch die solistische
Besetzung überzeugt keineswegs durchgängig, trotz so großer Namen wie
Alastair Miles (der seinen sängerischen Zenit überschritten hat) oder
Stefania Bonfadelli (deren Belcanto-Eignung fragwürdig ist). Doch zumindest
die Juan Diego Florez-Gemeinde kommt voll auf ihre Kosten.
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