Dieter David Scholz

Kritiken 


Jewgeni Onegin als Zeitgeist-Surfer
der Turnschuhgeneration

Eugen Onegin, frei nach Puschkin, ist ein Stück über das unspektakuläre Leben unspektakulärer Menschen. Kein gängiges Opern-Sujet zu seiner Zeit. Tschaikowski zweifelte denn auch am Erfolg seiner "Lyrischen Szenen", wie er die Oper nannte. Das 1878 uraufgeführte Stück wurde schon bald seine meistgespielte Oper.  An der Komischen Oper Berlin kam es in einer Neuinszenierung des Hausherrn Andreas Homoki heraus. Am Pult der  musikalische Leiter der Komischen Oper, Kirill Petrenko.

 

Schon bevor der Vorhang aufgeht, schaut man auf eine schiefe Ebene, darauf grüne und sandfarbene Siebzigerjahre-Plastikdrehsitze. Die sterile, anonyme Atmosphäre von Behörde oder  Bahnhof. Die Choristen sitzen wie bestellte und nicht abgeholte Untertanen, apathisch, gleichgeschaltet, bevor sie im Verlauf des weiteren Abends um so hektischer Betroffenheit mimen müssen oder über die von Plastiksitzen unpraktisch verstellte Bühne gescheucht werden. Raus, rein, raus rein. Unentwegt. Warum? Im Hintergrund des auf die Dauer ermü-denden Einheitsbühnenbildes aller drei Akte, in großen, plastischen kyrillischen Lettern, das russische Wort für Sommer, später liest man Winter. Andreas Homokis Inszenierung siedelt das Stück über den Traum vom verpaßten Leben und vom unerreichbaren Glück überall und nirgends an, es könnte in irgendeinem Bahnhof in Moskau ebensogut wie in einem Arbeitsamt Berlins spielen. Tatjana, wird von Sinéad Mulhern gesungen: Typ naive Sekretärin mit Pferdeschwanz, in Cord-Jeans und grüner Bluse. Sie ist musikalisch, hört über Ohrstöpsel, was ihr Tapercorder hergibt. Sie spielt, wie alle, vom proletarischen Geist der Wilmersdorfer Strasse inspiriert und übertrieben in Gestik und Mimik. Aber sie  singt  eine zerbrechliche Figur, immerhin. Wenn auch kein wirklich lyrischer Sopran, eher ein schriller.

Aber Andreas Homoki begreift Tschaikowskys Lyrische Szenen ohnehin  als ganz und gar unlyrisches, lakonisches Kammerspiel über verlorene Illusionen, verpaßte Chancen und aufgegebene Hoffnungen. Doch das russische Gesellschaftsbild à la Tschechov, das Puschkin und Tschaikowski meinen, wird von Homoki verweigert. Er zeigt heutigen Allerwelts-Alltag, zeigt austauschbare Großstadtbewohner in ihrer ganzen Hässlichkeit und Peinlichkeit, zeigt beliebige Jeans- und Turnschuh-Couture. Lenski tritt in heller Jeans und im offenen karierten Kurzärmelhemd auf. Darunter ein T-Shirt. Auch er trägt Turnschuhe. Onegin wechselt vor nahezu jedem Auftritt die Garderobe, mal grüne Lederjacke, mal weißes Sakko, mal gelbe, mal grüne, mal weiße „Turnschuhe“. Er trägt Haargel, Sonnenbrille und Halskettchen.

Ein Don Giovanni im Teenager-Format, ein „cooler Typ“, ein oberflächlicher Zeitgeist-Surfer wie Homoki, der ja ebenfalls bühnenästhetisch den momentan vorherrschenden Mainstream bedient! Oper für Kids. Nur gehen die nicht in die Komische Oper! Prolige Figuren der heute Halbwüchsigen werden da auf der Bühne gedoubelt. Sie spielen Erwachsene von heute. Tun so, als ob ... Deshalb glaubt man ihnen ihre Rollen auch nicht. Das Gesellschaftsstück des 19. Jahrhunderts wird ganz und gar unverständlich in dieser Inszenierung, ja findet eigentlich nicht statt. Wenn der Walzer im Ballakt zum Blindehkuhspiel als Geschlechterkampf reduziert wird, die Polonaise zum grotesk zynischen Totentanz Onegins à la Russisches Roulette, mit reichlich Pistolengeballere und verhinderten Treffern, wenn zur Mazurka, die wie Schreibma-schinenmusik dirigiert wird, die wieder einmal so überaus engagierten „Chorsolisten“ der Ko-mischen Oper roboterhaft über die Bühnen staksen, kommt unfreiwillig Komik auf Nur, das Stück ist nicht komisch!

Fürst Gremins Arie im dritten Akt wird zum Motto der aktualisierenden  Inszenierung An-dreas Homokis: "Der Liebe kann man nicht entgehen". So trivial übersetzt und so platt inszeniert als zwanghafte, ja brutale Obsession, zumal im immer gleichen, öden Wartesaal, wird die Aufführung allerdings langweilig. Alle Personen sehnen sich nach Liebe und verfehlen sie. Das Leben verrinnt ungelebt. Wir wissen schon ... Aber in einem szenischen Russland Puschkins verleihen die integralen historischen Konnotationen dem Stück anderes Niveau und konkrete Bedeutung. In Homokis Lesart wird alles banal und lächerlich. Der Ehrbegriff des Verführers Onegin, der Lenski, den Homoki als verkappten Homosexuellen zeigt, in den Selbstmord treibt, das Duell an sich, aber auch die tiefen Gefühle der schwärmerischen Tatjana, die selbst in ihrer einsamen Briefszene umringt von den Chordamen ist, sind in der heutigen Gesellschaft, die Homoki zeigt, absurd. Leider entspricht der Banalität und Beliebigkeit des szenisch Gebotenen übersteigertes Pathos, Phonstärke und Paukenknallen im Orchestergraben. Schade, denn sängerisch hat die Aufführung ihre Meriten. Matthias Klink ist ein anrührend lyrischer Lenski und Gabriel Suovanen ein draufgängerischer, erotischer Onegin, allerdings mit etwas mulmigem Bariton. Man hat das alles schon viel, viel besser gesungen gehört! Aber gemessen am sonstigen sängerischen Niveau-Tiefstand des Hauses hatte die Aufführung geradezu Ausnahmecharakter. Dennoch, wieder ein vertane Chance in der Komischen Oper, die geradezu systematisch Stücke demontiert und  ihr (treues) Publikum vertrieben hat. Wenn Andreas Homoki öffentlich den Verfall des guten Musik-theaters beklagt, muß er ich sagen lassen: Soll er doch erst mal vor der eigenen Türe kehren! Wann endlich macht er wieder Oper für "Erwachsene"?

 NDR-Kultur