Dieter David Scholz

Kritiken 


Im Auge des Komponisten

Grandioser "Midsummer Night´s Dream" von Benjamin Britten  in der Hamburgischen Staatsoper – Premiere am 26.3.2006

Schon kurz nach der Uraufführung des Stück hat die Hamburgische Staatsoper die Deutsche Erstaufführung von Benjamin Brittens Shakespeare-Vertonung „A Midsummer Night´s Dream“ herausgebracht. Immer wieder hat man seither in Hamburg Britten gespielt. Aber  die Hamburger haben bis heute kein besonders intensives Verhältnis zu dem britischen Kom-ponisten aufgebaut. Simone Young, seit kurzem erst die neue Intendantin und General-musikdirektorin des Hauses, möchte das ändern. Sie hat der Hansstadt einen Benjamin-Britten-Zyklus versprochen. Den Auftakt macht der Sommernachtstraum.

 

Traumhaft beginnt die Inszenierung von Simon Phillips, es ist Traummusik, mit der Benjamin Brittens Shakespeare-Vertonung beginnt. Simone Young, Hamburgs Opern-Intendantin und Generalmusikdirektorin hat ein ausgesprochenes Faible für die klangfiligrane Versinnlichung des Zauberwaldes wie überhaupt für Benjamin Britten und seine Musik:

Britten hatte wirklich eine originale Stimme, natürlich hört man die Einflüsse und man hört, dass er ein Zeitgenosse von Schostakowitsch war, aber er hat eine ganz andere Stimme als seine Zeitgenossen. Und er hat einen unglaublich feinen Theatersinn gehabt. Schon die Dramaturgie von Midsummer Night´s Dream beweist es. Daß er den ersten Akt wegfallen ließ, und gleich im Wald begann, ist eigentlich genau so ein Meisterstreich wie bei Verdi, der bei seinem Otello den ersten Akt wegfallen ließ.

 

Simone Youngs  Britten-Einstand in der Staatsoper der Hansestadt mit dem Sommernachts-traum  war klug gewählt. Und es wurde ein rauschender Publikumserfolg. Nicht oft gelingt es, die eher zurückhaltenden Hamburger so aus der Reserve zu locken wie bei der Ptremiere. Es gab standing ovations für Simone Young, aber auch für alle Mitwirkenden und den international gefragten, neuseeländischen Regisseur Simon Philips, der erstmals an einer euro-päischen Bühne  inszeniert. Er hat Brittens Dreiakter, in dem sich Liebesdrama, Zauber-theater, Verwechslungskomödie und Opernparodie durchdringen, als virtuoses Spektakel inszeniert, in dem weder Theatermaschinerie noch Kulissen geschont werden. Brittens  Elfenknaben  fliegen an Stühlen durch den Bühnenhimmel eine Zauberwaldes voller Frag-mente bürgerlichen Meublements, verfremdet von raffiniertesten   computeranimierten Pro-jektionen. Es Devlin hat ein imposantes Bühnenbild (ein Wunderwerk an Bühnenmaschinerie) geschaffen, ein Lob der Bühnentechnik der Hamburgischen Staatsoper,  und phantasievolle Kostüme.

Dieser Sommernachtstraum ist ein opulentes Theaterfest der Sinne, aber nicht nur: Der Shakespeare-Experte und Britten-Kenner Simon Philips (eine Regiegröße in Australien, den USA und Japan) zeigt in dem Stück auch den Kampf zwischen Unschuld und Zerstörung, Bedrohung und Verlockung, freizügigem Chaos und bürgerlichen Ordnung als inneren Kampf Brittens selbst, dessen Auge von Beginn an übergroß und zwinkernd über die Aufführung wacht.

Am Ende der deftigen, krachenden Opern-Parodie des dritten Aktes im weißen, Georgian-Style-Adelspalais, das der Hamburger Lebensart zweifellos gefällt, erscheint, als ironische Hommage, das Porträt des Komponisten höchstpersönlich.   

Es darf nicht immer zu ernst sein im Theater. Und wir wollen auch ein neues Publikum  mit diesem Repertoire gewinnen. Dafür ist A Midsummer Night´s Dream eigentlich der perfekte Beginn. Man kennt die Geschichte. Die Schauspiele sind bekannt in der Stadt. John Neu-meiers grandioser Sommernachtstraum ist den Hamburgern vertraut. Und vielleicht fühlen sich die Leute durch diese Inszenierung auf eine lockere Weise angesprochen, und sind bereit, eine neue Oper anzuhören, die sie noch nicht kennen. 

In ihren fünf Jahren, die sich Simone Young vorläufig an Hamburgs Staatsoper gebunden hat, will sie vier Britten-Opern herausbringen. Und sie ist – zumal nach dem Premierenerfolg - zuversichtlich, dass die Hamburger den Komponisten Benjamin Britten in ihr Herz schließen werden:

Wo soll man mit Britten Erfolg haben, wenn nicht  in Hamburg? Hamburg ist die ang-lophilste Stadt Deutschlands.Und von der Reaktion des Premieren-Publikums fühle ich mich berstärkt. Auch im Konzertprogramm werden wir mehr  Britten bieten, sodass man sich  mit diesem Komponisten vertraut machen kann. Je mehr man von ihm kennt, desto mehr weiß man  ihn zu schätzen. Britten schrieb grandioses Musiktheater. 

Simone Youngs Auftakt des Brittenzyklus in Hamburg jedenfalls mit einem insgesamt her-vorragenden Sängerensemble, aus dem der Countertenor Alexander Plust als Oberon und die grandiose koreanische Koloratursopranistin  Ha Young Lee als Tytania herausragten, mit einer  virtuosen, so frivolen wie vergnüglichen  Inszenierung - der es weder an szenischem Einfallsreichtum, noch an gedanklich-psychologischer Durchdringung des Stücks und seiner Entstehungsgeschichte, noch an Bildkraft und Spaß fehlte, ließ keinen Wunsch offen. Man darf gespannt sein auf die Fortsetzung Simone Youngs und Simon Phillips (?) mit Brittens Billy Bud in der nächsten Saison.