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Dieter David Scholz

 

ATHEN - Greek National Opera 20.2.2005

Pavlos Carrer: Marathon Salamis
Hochkarätige Opernausgrabung  am Rande Europas

 

Das Opernleben in Griechenland – das sich im wesentlichen auf Athen kapriziert - ist jenseits des Peloponnes fast ebenso unbekannt wie der Name des griechischen Opernkomponisten Pavlos Carrer oder auch Paolo Carrer (eigentlich Carreris). Er ist einer jener ausländischen Komponisten, an denen das Italien der Verdi-Zeit reich war.  Kaum eine der besten  Opern-Enzyklopädien verzeichnet auch nur seinen Namen, obwohl er immerhin sechs Opern kom-poniert hat. Carrer war der zweifellos wichtigste Komponist der frühen ionischen Schule und geradezu eine Monumentalfigur der griechischen Musikgeschichte vor Spyridon Samaras. In Mailand hatte er sich seit 1850 bei Raimondo Bossserone, Tasistri und Winter den letzten kompositionstechnischen Schliff geholt. Am dortigen Teatro Carcano hat er in den frühen 1850er Jahren seine ersten Opern uraufgeführt. 1886 schrieb er, auf eine Libretto von Ricordano Marzocchi (hinter dem Pseudonym verbirgt sich der aus Carrers Heimat stammende Dichter Agamemnon Martzokis) seine vorletzte Oper "Marathon Salamis", nach eigenem Bekunden sein vollkommenstes Werk. Ein patriotisches Drama über den Sieg der Griechen über die Perser, in dessen Mittelpunkt Alexander der Große steht, um den zwei Frauen kämpfen, die Tänzerin Fedima, die von Alexander ein Kind hat  und Mirto, die Tochter des Temistocle.  Das politische Drama wird am Ende dominiert vom privaten Liebestod à la grecque: Alexander ersticht erst Fedima, dann sich selbst. Eigentlich sollte "Marathon Salamis" zur Einweihung des  Städti­schen Theaters in Athen 1888 uraufgeführt werden, doch die Direktoren des französischen Ensembles, die man für die erste Spielzeit engagiert hatte, ließen es dazu nicht kommen.

Die verspätete Uraufführung der Oper im Februar 2003 in der Griechischen National Oper in Athen wurde vom restlichen Europa so gut wie nicht beachtet, weshalb man in dieser Spielzeit das Werk noch einmal auf den Spielplan setzte. Dem engagierten Dirigenten Byron Fidetzis, Grandseigneur unter den Athener Dirigenten, der sein Handwerk beim legendären Hans Swarowsky in Wien lernte, ist eine musikalisch vollmundige, ja bekenntnishafte Auf-führung zu verdanken, die anrührte. So wie die Handlung von "Marathon Salamis" zwischen Griechenparade, Orakel von Delphi und Feldlager der Perser, Dionysos-Theater und Palast des Temistocle laviert, ist die Oper auch musikalisch ein Werk zwischen den Zeiten, ein (verspätetes) Paradebeispiel melodienseliger Erfindungsgabe à la  Donizetti, gewissermaßen aus der Perspektive des reifen Verdi ge­schrieben, mit einem dramatischen Aplomb à la Pon-chielli. Unzeitgemäße Musik mochte man das zur Entstehungszeit nennen. Ob das nachhaltige Vergessen dieses Werks als Embargo-Opfer in der Folge des Verdi-Komplotts (wie Manche meinen) gesehen oder aber bloßer Ignoranz angelastet werden muß, sei dahingestellt. Die Oper ist jedenfalls ein publikumswirksames Zuckerstück.  Ein Ohrwurm jagt den näch-sten. Passagen von enormer lyrischer Ausdruckskraft wechseln sich ab mit dramatischen solistischen Ausbrüchen und balsamischen Chorsätzen. Belcanto pur von vier Stunden Spielzeit. Daß man diese Opern-Trouvaille in Athen so überzeugend hat präsentieren können, verdankt man  einem rundum glaubwürdigen Ensemble, dessen solistische Qualitäten ver-blüfften. Mit Marta Arapi (Fedima) und Lydia Angelopoulou (Mirto) besaß man zwei ausdruckskräftige, großstimmige Interpretinnen der beiden weiblichen Hauptfiguren, der Tenor Yannis Christopoulos (Alexander) besitzt stimmliche Qualitäten, wie man sie an man-chem führenden westeuropäischen Staatstheater  nur selten zu hören bekommt.

 

Da in Athen modernes Regietheater bei Publikum und Presse keine Chance hat, läßt Issidorous Metzkof das Stück jenseits aller Zeitgeist-Anbiederung oder Aktualisierung vor einer mehrstöckigen Stahlkonstruktion wie aus dem Mailänder neunzehnten Jahrhundert spielen, davor dorische Säulen, geraffte Vorhänge und altgriechische Requisiten. Ein pompöses exotisch anmutendes Ausstattungsstück, dessen Kostümpracht eher der grie-chisch-orthodoxen als der attisch schlichten Tradition Reverenz erweist. Byron Fidetzis hatte Chor und Orchester der griechischen National Oper bestens im Griff. Eine großartige Aufführung, die einmal mehr aufmerksam macht auf die (trotz des Geldmangels) enorme Leistungsfähigkeit und den Mut eines am Rande Europas zwischen Orient und Okzident fast vergessenen Opernbiotops.

 

Opernwelt