Dieter David Scholz

Kritiken


Rezension in "Triangel" MDR-Figaro am 18.01.2004, 11.15 Uhr:

L´Orfeo – Favola in musica – C. Monteverdi
Staatsoper Unter den Linden – Berlin, Premiere Sa. 17.01.2003
R: Barrie Kosky. ML: René Jacobs

Anmoderation/Frage 1:

Gestern abend wurde an der Berliner Staatsoper Unter den Linden mit dem "Orfeo" der Auftakt der "Cadenza Barocktage" der Linden-Oper gegeben.  Die musikalische Leitung hatte der international gefeierte Spezialist für Alte Musik, René Jacobs, die Inszenierung stammt von dem australischen Regisseur Barrie Kosky. Herausgebracht hat man diesen "Orfeo" allerdings schon im vergangenen Sommer bei den Innsbrucker Festwochen.  Dennoch darf man wohl von einem besonderen Ereignis sprechen, Dieter David Scholz?

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Scholz: Ja, das darf man, denn es handelt sich nicht um eine bloße Übernahme aus Innsbruck, da gibt es doch manche inszenatorischen Unterschiede bzw. Weiterentwicklungen, dazu viel­leicht gleich noch etwas mehr. Aber vor allem ist dieser Orfeo der Auftakt eines geplanten Monteverdi-Zyklus an der Staatsoper Unter den Linden, der in den nächsten Jahren mit der "Poppea" und dem "Ulisse" vervollständigt werden soll, was um so erfreulicher ist, als es ja noch vor gar nicht allzu langer Zeit  fraglich war, ob René Jacobs überhaupt noch in Berlin, also an der Staatsoper tätig sein würde in Zukunft.

Frage 2:

Sie haben von Unterschieden der Innsbrucker und der Berliner Aufführung gesprochen. Was sind die wesentlichen Unterschiede?
 

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Scholz: Nun, René Jacobs hat in der Staatsoper – wenn auch nicht ganz konsequent - seine Vorstellung von Raumklang-Regie verwirklicht, indem er die Musiker hinter, vor, neben der Bühne postiert, und sogar in der Königsloge des Zuschauerraums, von der aus er die Eingangs-Toccata blasen läßt. Er spielt mit Echo-Effekten, benutzt Nah- und Fernorchester, um die drei Sphären, Himmel, Erde und Hölle auch musikalisch zu realisieren. Leider war das Himmelsorchester immer zu leise. Solche Klang­regie ist schön gedacht, es ist gewis­sermaßen die Frucht der reichen Erfahrung von René Jacobs im Umgang mit diesem Stück. Er hat es ja oft aufgeführt. Ich denke sehnsüchtig an eine seiner konzertanten Aufführungen vor einigen Jahren zurück. Aber leider sprang gestern abend der Funke doch nicht so über, wie man es erwartet hatte. Die Musiker des Concerto Vocale, der Akademie für Alte Musik Berlin  und des Vocalconsorts Berlin litten alle etwas unter Ladehemmung. Es fehlte der Aufführung musikalisch an Kraft, an mitreißender Inspiriertheit, einfach an "Drive", um es mal salopp zu sagen. Die eindreiviertel Stunden währende Aufführung kam mir min-destens doppelt so lang vor. Jacobs, der ja sonst durch sein Temperament, seine sorgfältige Detailarbeit und die Farbigkeit der Klänge, die er zu initiieren weiß, begeistert, wirkte gestern müde, langatmig und etwas einfallslos. Und das betrifft nicht nur die Qualität und Abendverfassung der Musiker insgesamt, es hat auch zu tun mit sehr langsamen Tempi, mit zurückhaltender Agogik, mit für seine Verhältnisse sehr reduzierter Improvisations-Freudigkeit und auch mit der instrumentalen Besetzung. Die hatte bei früheren "Orfeo"-Aufführungen von Jacobs schon ganz anderes Format. Auch sängerisch war dieser "Orfeo" – vergleicht man ihn mit anderen Produktionen – sehr schwach, ich möchte fast sagen, enttäuschend besetzt. Neben sehr durchschnittlichen, kaum erwähnenswerten  Stimmen gab es einige geradezu unzureichende Sänger, die  stimmlich kaum übe die Rampe kamen. Besonders ärgerlich fand ich den Charon von Paolo Battaglia. Immerhin waren La Musica und Euridice mit Nuria Rial und der Erfeo von Stéphane Degout rollendeckend besetzt, aber auch diese Partien hat man schon weit beeindruckender gehört. Vom Hocker gerissen hat einen das auch nicht! 

Frage 3:

Von der Klang-Regie haben Sie gesprochen, wie sah´s denn mit der szenischen Regie aus? Wie ist Barrie Kosky dem Stück denn szenisch zuleibe gerückt. Hat das den Abend zum Ereignis werden lassen, das man sich ja von der Aufführung erhoffte?

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Scholz: Also von Ereignis kann man nicht wirklich sprechen, dazu war die ganze Produktion – mit Verlaub gesagt – zu oberflächlich, zu gestylt, zu wenig konkret,  einfach zu lauwarm. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, denn der Orfeo ist eines der ergreifendsten Stücke der ganzen Opernliteratur, Es ist ja – um mit Jürgen Schläder zu sprechen, der im Programmheft der Produktion einen Aufsatz darüber geschrieben hat - der erste Modellfall von Oper überhaupt, in der die Geburt des modernen Menschen auf der Bühne gefeiert wird. Barrie Kosky  wollte auf schräger, stoffbespannter Bühne wohl die Geschichte von der begrenzten Macht der menschlichen und der unbegrenzten der göttlichen Musik verdeutlichen am Fallbeispiel Orfeos, der seine Geliebte verliert, durch seinen Klagegesang die Unterwelt zur Rückgabe der Verstorbenen bewegt und sie schließlich endgültig verliert, bis Apoll sich höchstselbst erbarmt, vom Himmel herabschwebt und Orpheus in die Sphäre der Sterne holt, wo er auf immer dem Abbild seiner Geliebten nahe ist.

Aber bei Kosky schwebt Apoll natürlich nicht vom Himmel herab als deus ex machina, sondern er tippelt und tänzelt fast splitternackt, weiß geschminkt und glatzköpfig über die nackte Bühne, mit einem kleinen Lämpche in der Hand. So geschmäcklerisch ist die ganze Inszenierung. Sie setzt auf Zeitgeist und Design mehr als auf einleuchtende Personenführung und Psychologie des Stücks. Bildeinfälle werden dem Stück übergestülpt. Da schweben rauchende Häuser, Vögel, Telefone, Straßenbahnen, Babys und Fische im Spielzeugformat und Zeitlupentempo quer durch den Bühnenhimmel.  Grüne Mikado-Stäbe senken sich von oben herab und deuten Wald an, eine Pappwolke zieht vorbei, die Schäfer tragen Anzug und Hut, die Schäferinnen nette Sommerkleider der Sechzigerjahre. Orpheus selbst komponiert  unentwegt. Aber auch die Choristen werfen nur so mit Notenpapier um sich, neben aller Gymnastik, die sie geräuschvoll zu vollziehen haben. Orpheus wird in dieser Lesart zum selbstverliebten Sänger, zum umjubelten Star und Komponisten, der über die Musik glatt seine Liebe vergißt. La Musica,  die erotisch, narzißtisch Geliebte, und Eurydike werden für ihn eins.  Nun, so hat sich das Monteverdi ganz sicher nicht vorgestellt. Sei´s drum. Man muß ja nicht immer die Meinung des Komponisten inszenieren. Aber spannend sollte es schon sein, was man auf die Bühne bringt! Es war leider eher langweilig. Schade. Aber wie zu hören war gestern abend, soll die Zusammenarbeit mit Barrie Kosky bei den folgenden Teilen des Monteverdi-Zyklus nicht fortgesetzt werden.