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Dieter David Scholz
Kritiken Wiederauferstehungsfest, kein Stimmfest Verdis "La Traviata" eröffnet das wiederbespielbare Teatro La Fenice in Venedig. Premiere: 12.11.2004
Fast neun Jahre nach dem verheerenden Brand hat sich in Venedigs "Teatro La Fenice", dessen Auferstehung im Dezember 2003 konzertant schon gefeiert wurde, nun endlich auch der Vorhang wieder gehoben zu einer ersten szenischen Produktion der komplett neuer-richteten Bühnenmaschinerie. Man reanimierte jene Fassung von Giuseppe Verdis Oper "La Traviata", wie sie vor 151 Jahren ebendort uraufgeführt wurde. Obwohl Venedig wegen der gleichzeitigen Nato-Vollversammlung einer Polizeifestung glich, mit patrouillierenden Kriegs-schiffen, unentwegter Hubschrauberüberwachung und starker Armeepräsenz an allen Ecken und Enden der Stadt, sprach man in Venedig nur von der Wiedereröffnung des Teatro La Fenice. Natürlich war das ein gesellschaftliches Event erster Klasse, über das die Tages-zeitungen auf den ersten Seiten berichteten. Politiker und Staats-Repräsentanten, allen voran der Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi, illustre Gäste, angeführt vom Belgischen Königspaar, die Spitzen der venezianischen Gesellschaft, VIPs und Meinungsmacher waren bei der Premiere anwesend. Die Eintrittspreise, die sich zwischen 200-4000 Euro bewegten, spiegelten das Ereignis angemessen wieder. Die Venezianer im Besonderen, die Italiener im Allgemeinen lieben die Oper und lassen sich das etwas kosten. Alle neun Aufführungen waren schon lange nahezu ausverkauft. Als künstlerisches Ereignis war diese – 1853 für einen der herbsten Mißerfolge Verdis verantwortliche - "Ur-Traviata" schon des Vergleichs mit der heute vorwiegend gespielten Fassung von 1854 bzw. 1856 interessant. Neben vielen marginalen Abweichungen hat in dieser Uraufführungsversion Vater Germont eine weitere Arie zu singen, das Finale des zweiten Akts ist auffallend pompöser, Violetta und Alfredo haben ein zusätzliches Duett zu singen und es gibt noch ein eingefügtes Bacchanale. Der aus New York eingeflogene Lorin Maazel am Pult hat mit Präzision, attackierend harter Gangart, breiten, langsamen Tempi und geschärftem Orchesterklang eine eher deprimierende als champagnisierende "Traviata" mit Trauerrand dirigiert. Auch in Robert Carsens Inszenierung ist nichts von Nichts von Pariser Ballseligkeit und Champagnerlaune. Bei ihm spielt das Stück im Wohlstand einer 70er-Jahre Gesellschaft. Es regnet schon im ersten Bild Geldscheine auf die Kurtisane in schwarzer Seidenunterwäsche. Geld bestimmt die Liebe und den Sex, so lautet die Botschaft dieser unerbittlich ernüchternden Inszenierung. Carsen hat Verdis gnadenlose Gesellschaftskritik in die Moderne übersetzt und ins kapitalistische Hochrelief getrieben. Das Glück Violettas ist nichts als Illusion. Carsen hat für diesen Traum wieder einmal das Bild des romantischen Waldes eingesetzt. Im ersten Akt dekoriert er als Bildtapete das Bett Violettas, im zweiten ist er ganz Bühne, jedoch mit einem Blätterboden aus Dollarscheinen, beim Bacchanale der zu glitzernden Cowgirls und –Boys mutierten Zigeunerinnen und Stierkämpfer dient er als Kulissenbühne eines Tingeltangels. Der dritte Akt ist aller Illusionen beraubt. Violetta stirbt vor flimmernder Glotze einen kalten Tod, den Carsen zum schönsten Moment seiner Inszenierung gestaltet. Bei ihren Worten "Ah! ma io ritorno a vivera!" läßt er Violetta aufstehen, an die Rampe treten und mit erhobenen Händen die Pracht des langsam sich erhellenden Zuschauerraums preisen. Aus menschlichem Leid erwächst die Kunst! Eine rührende Hommage an den Humanisten Verdi, aber auch an das wiederauferstandene schöne Teatro La Fenice, dessen Zuschauerraum jedenfalls eine perfekte Kopie ist. Das Publikum versagte dieser Schlußapotheose nicht seinen Applaus, zumal im dritten Akt Patrizia Ciofi nicht nur darstellerisch zu großer Form auflief, sondern auch endlich zu ihrer Stimme fand, über die sie in den ersten beiden Akten nur mit äußerster Anstrengung verfügte. Dennoch kann sich ihre Traviata ganz sicher nicht mit den großen Konkurrentinnen und Vorbildern dieser Partie messen. Auch Roberto Saccàs Alfredo geht nicht über rollendeckendes Mittelmaß hinaus, Dmitri Hvorostovsky forcierte unschön und setzte nur noch auf Durchschlagskraft seiner von unüberhörbaren Abnutzungsspuren gekenn-zeichneten Stimme. Kein Sängerfest also, aber doch ein Fest der Wiederauferstehung eines der geschichtsträchtigsten und prachtvollsten Opernhäuser der Welt, das mit seinem ersten, bemerkenswert raritätenträchtigen Spielplan, darin Massenets "Le Roi de Lahore", Rossinis "Maometto secondo", Donizettis "Pia de´ Tolomei", Wagners "Parsifal" und die "Daphne" von Richard Strauss, wieder den Rang eines der ersten und interessantesten Häuser nicht nur Italiens zurückerobern möchte. SWR 2 + Das Orchester/Schott
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