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Dieter David Scholz
Kritiken Bericht für SWR, Musik Aktuell am 18.06.2004: La Fida
Ninfa, Dramma per Musica RV 714 von Antonio Vivaldi Vom vierten bis zum 20. Juni finden in Potsdams Garten- und Schlösserreich Sanssouci die "Musikfestspiele Potsdam Sanssouci" statt. Höhepunkt der 33 Veranstaltungen ist in diesem Jahr eine szenische Neuproduktion des dramma per musica "La fida Ninfa" (Die treue Nym-phe) von Antonio Vivaldi im friderizianischen Schloßtheater des Neuen Palais. Jakob Peters-Messer hat Regie geführt. Die Kammerakademie Potsdam spielt unter Leitung des Fagottisten Sergio Azzolini. * Vierundneunzig Opern hat Antonio Vivaldi eigenem Bekunden nach komponiert, nur noch 47 sind davon heute nachweisbar und gerade einmal 22 haben sich erhalten. Als Vivaldi, der prete rosso, 1731 den Auftrag für die Vertonung des Librettos "La fida ninfa" des adligen Veronesers und Philologen Scipione Maffei erhielt, war sein Stern bereits im Sinken begriffen. Er war nicht mehr Impresario des Teatro Sant´Angelo und auch nicht mehr Maestro di violino am Ospedale della Pietà, dem berümtesten der Mädchen-Waisenhäuser Venedigs. Der Auftrag, eine Oper für die Einweihung des neugebauten, von Francesco Bi-biena entworfenen Nuevo Teatro in Verona zu komponieren, war für ihn eine große Heraus-forderung. Er hat noch einmal ein langes, musikalisch recht anspruchsvolles dramma per musica geschrieben, zu dem ihn der Text weniger anregte, als ihm reichlich Gelegenheit bot, seine Register zu ziehen. Scipione Maffei hat mit seiner "Treuen Nymphe" nichts weniger als eine "Cosi fan tutte" der anderen Art geschrieben – neunundfünfzig Jahre vor Mozart - eine Liebesprobe, die allerdings nicht, wie bei da Ponte als zynisches Experiment eines alten Lebenskünstlers arrangiert wird, sondern als moralische Demonstration der Jupitergattin Juno, der Göttin der Beständigkeit und der Treue. Juno: "Wo gibt es noch Treue? Wer ist noch treu? Außer mir ... mein Mann? der ist doch die Inkarnation der Untreue. Er hat sie erfunden. Das mußte gerade mir passieren... Doch es gibt sie, die Treue! Ich weiß es. Und ich werde es beweisen! Diese beiden hier werden es beweisen." Gemeint sind Osmino und Licori, die als Statue vor der kleinen Bühne des Rokokotheaters aufgestellt sind. Und diese beiden hat Juno sich auserwählt, um an und mit ihnen in dieser verderbten Welt ein Exempel der Treue zu statuieren. Zwei Kinder sind es, die auf ihren Wink hin vom Piraten Oralto geraubt und auf die Insel Naxos entführt wurden. Nach Jahren sollen Licori und Osmino sich wiederfinden, wiedererkennen und wiederlieben, in unver-brüchlicher Treue, angefochten von vielerlei Verführungen. Ein Experiment am offenen Herzen gewissermaßen, ähnlich wie bei Mozart. Der Librettist läßt in dem Siebenpersonenstück zwei Paare Spielball der Göttin Juno sein, die als alte Tante mit Handtäschchen und Paillettenkleid auftritt, sie zieht die Strippen und sie kommentiert die ansonsten ohne Übertitelung italienisch gesungene Aufführung, in der die Sopranistin Anna-Maria Panzarella als Nymphe Licori den eigentlichen Triumph feiert, nicht den der Treue, die bleibt am Ende dann doch fragwürdig, aber den stimmlichen Licori und Osmino wird es nicht leicht gemacht, zueinander zu finden und sich ihre Treue zu beweisen. Verwechslungen, auch Namensdoppelungen, mehrfache Entführungen und aller-hand Libretto-Kapriolen sorgen für Verwirrung beim Opernpersonal wie beim Zuschauer. Der Geist der venezianischen Stegreifkomödie obwaltet und wird auch als solcher kostümlich eindeutig und liebenswert ausgespielt. Zwischen Rokoko, Comedia dell´Arte und Heute. Vor allem Max Emanuel Cencic, der in letzter Zeit von sich Reden machte, darf als ameri-kanischer Beechboy den smarten Verführten bzw. Angefochtenen mimen. Wenn Cencic, auf den sich vieler Ohren besonders richteten in der Potsdamer Aufführung, nicht so begeisterte, wie sich das viele erhofften, lag das einmal an einer hörbaren Beein-trächtigung durch eine Virusinfektion, aber auch daran, daß die weibliche Besetzung mit Anna-Maria Panzarella und mit der ebenfalls vorzüglichen französischen Mezzosopranistin Sylvie Althaparro schlichtweg die Herren an die Wand sang. Zudem hatte Cencic mit dem virtuosen Counter Jacek Laszczkowski in der Partie des Morasto einen nicht zu unter-schätzenden Konkurrenten. Die Schauspielerin Katharina Blaschke als ironisch-tantenhafte Juno gewann sich schnell die Sympathien des Publikums. Sie ist die einzige, die verständlich redet, will sagen in deutsch. Insofern sind ihre regelmäßigen, humorigen Auftritte in der langen Aufführung mit den schier endlosen italienischen Rezitativen willkommene Auflockerung. Auch wenn sie am Ende nicht als strahlende Siegerin ausgeht. Denn der Kampf zwischen Herz und Verstand ist kein eindeutiger Sieg der Treue, für den sie antrat. Daß die Aufführung - die übrigens nach der Potsdamer Serie auch in Bayreuth gezeigt wird – trotz ihrer nicht zu verleugnenden werkimmanenten Langatmigkeit ein großer Publikums-erfolg wurde, ist der musikalischen Qualität der Aufführung zu verdanken. Sergio Azzolini hat die Kammerakademie Potsdam als Contiuo spielender Fagottist geleitet. Vor allem die Con-tinuobesetzung ist reich und farbig: Cembalo, Theorbe, Cello und Fagott. Der Einsatz der Windmaschine wie der Pauke war beherzt und unerschrocken. Ein temperamentvoll sinnlicher, draufgängerischer Vivaldi-Abend. Auch seitens der Regie, denn Jakob Peters-Messer hat sich von seinem Ausstatter Markus Meyer in das friderizianische Hoftheater eine Art Guckastenbühne bauen lassen, zwei helle Sanddünenwände samt schrägem Sandboden – alles nur gemalt - vor einem Rundhorizont, eine gemalte Meereswoge deutet die See an. Muscheln, allerlei Maritimes an Requisiten wird im Laufe des langen abends herbeigeschafft, mit ironischer Brechung und nicht ohne Witz. Eine geschmackvoll andeutende, kluge und konsequente, eine erfreuliche Inszenierung. Und das ohne jede Anbiederung an den soge-nannten "Zeitgeist", der ja gegenwärtig so manche Barockoper zur leidvollen Erfahrung werden läßt.
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