Dieter David Scholz

Kritiken


Frühkritik in NDR-Kultur am 27.01.2003:

Hamburgische Staatsoper : Poulenc - Dialogues des Carmélites

Premiere 26.1.2003

I : Nikolaus Lehnhoff, ML : Ingo Metzmacher

Gestern abend gab es in der Hamburgischen Staatsoper zum ersten Mal die Oper „Dialoge der Karmeliterinnen“ von Francis Poulenc. Mit dieser Oper feierte die große Sängerdarstel-lerin Anja Silja ihr Comeback. Zuletzt konnte sie ja bei einem Gastspiel aus Glyndebourne als Emilia Marti in Janaceks „Sache Makropoulos“ geradezu triumphalen Erfolg für sich verbu-chen. War es auch diesmal ein solcher Erfolg für sie?

 

D.D.Scholz: Es war eher ein stillerer Erfolg für sie, denn sie war in der Partie der Mutter Marie auf die Hamburger Opernbühne zurückgekehrt, einer glaubensstarken und ordens-radikalen Karmeliterin, die in dem Nonnenstück sozusagen als lebendes Gebetbuch fungiert, als Sterbensbegleiterin der alten Priorin und als Sterbens-Vorbereiterin der Novizin Blanche. Eine interessante, aber wie sich gezeigt hat, szenisch doch etwas undankbare Rolle, die au-ßerdem für die Stimme der Silja sehr ungünstig liegt, weil sie recht tief notiert ist, so daß Frau Silja die expressiven Qualitäten der ihr eigenen Trompetenstimme nur an wenigen Stellen wir-kungsvoll entfalten kann. Außerdem hat sie meist nur mit gefalteten oder unter der Kutte versteckten Händen streng und unbeweglich zu agieren. Wer das jugendlich vitale Tempe-rament der Silja kennt, weiß, wie sehr sie sich da zu knebeln hatte. Nein, das war keine Ideal- oder Renommierpartie für die Silja. Aber natürlich hat sie sie mit der ihr eigenen künst-lerischen Autorität und Ernsthaftigkeit gestaltet, die eine weitere Facette der Ausdrucksmög-lichkeiten dieser grandiosen Sängerdarstellerin aufzeigte. Und man darf eben nicht vergessen, dass Mère Marie keine Hauptpartie des Stücks ist. Die großen, stücktragenden Partien wa-ren übrigens alle fabelhaft besetzt in dieser Neuproduktion. Allen voran Anna Maria Martinez als sopranstrahlende Novizin Blanche. Die alte Priorin wurde von Kathryn Harries mit dem Ausdrucksfeuerwerk einer unter der Nonnentracht verborgenen Klytemnästra als eindrucks-voll theatralische Sterbe-Studie gegeben. Danielle Halbwachsens neue Priorin steckte der Aufführung große, stimmschöne Glanzlichter auf, aber auch Yann Beurons Chevalier de la Force. Ein lyrischer Tenor der absoluten Spitzenklasse. Auch die übrigen Partien waren ausnahmslos überzeugend!

Bleibt zu fragen nach Regisseur und Dirigent. Was hat Nikolaus Lehnhoff mit dem Stück gemacht und wie hat Ingo Metzmacher sich der Musik angenähert?

D.D.Scholz: Nikolaus Lehnhoff hat das tragische Nonnenstück über das Sterben der 16 Karmeliterinnen von Compiègne, über Angst und Gottvertrauen, Gewalt, Widerstand und Ergebung in großer Strenge, sehr konsequent und auch in formaler szenischer Geschlossen-heit inszeniert. Raimund Bauer hat ihm einen Einheitsraum gebaut, dessen Wände aus einer Art von Rolleaus bestanden, die wie die Beile von Guillotinen hochfahren und herabfallen können. Er hat dieses doppelbödige Stück über Pascalsche Gotteszweifel und fromme karmeliterische Gottergebenheit, das ja auch ein Stück ist über Existenzformen in Zeiten der Angst und der Revolution übrigens nicht eindeutig in der Französischen Revolution spielen lassen, sondern er deutete sowohl die russische Revolution als auch den Nationalsozialismus zumindest kostümlich an. Andrea Schmidt-Futterer hat die Robespierreschen Helfershelfer mit Stalinmützen und SS-Mänteln ausgestattet. Lehn hoff hat also die überzeitliche, wenn man so will, die aktuelle Bedeutung des Stücks betont. Ein Stück über Lebens- und Sterbens-Ängste unterm Damoklesschwert der Guillotine.

Was Ingo Metzmacher angeht: er wurde vom Publikum am stürmischsten gefeiert. Und das zurecht, denn er hat Poulencs Musik mit einer Differenziertheit und Klarheit dirigiert, auch in einer klanglicher Sinnlichkeit, wie man das Stück selten gehört hat. Metzmacher hat den gan-zen Anspielungsreichtum, die Vielschichtigkeit:  die Frommheit, aber auch die Ironie, die überwältigende Emotionalität und die pure Schönheit dieser 1957 uraufgeführten Musik Pou-lencs für das Hamburger Publikum erstmals zur Diskussion gestellt. Er hat sich für die Musik Poulencs enorm ins Zeug gelegt, er hat sie aufgewertet und er mit seiner Lesart dieser faszi-nierenden Oper dafür plädiert, diesen hierzulande noch immer vernachlässigten Komponisten wiederzuentdecken.