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Dieter David Scholz
Kritiken Beitrag für MDR-Figaro: Musikjournal am 23.5.2004 Jenufa - Oper in
drei Akten von Leos Janáček Das traditionsreiche Meininger Theater, nach der Wende weithin gepriesenes Theaterwunder an Publikumszuspruch und Platzausnutzung, leidet seit dem Weggang von Intendantin Christine Mielitz und der Installierung von Res Bosshart, den man zur Spielzeit 2002/2003 vom Hamburger Off-Theater der Kampnagel-Fabrik geholt hatte, an akutem Publikumsverlust. Der Grund: er favorisiert Zeitgeist-Theater der Turnschuhgeneration. Und das auch im Musiktheater. "Aushängeschild" des heutigen Meininger Theaters ist Sebastian Baumgarten, von Manchen als Genie verkauftes "enfant terrible" unter den Jung-Regisseuren. Er ist Chefregisseur in Meiningen und hat nun Janáčeks dreiaktige Oper "Jenufa" inszeniert. Vorgestern abend war Pre-miere. Dieter David Scholz war für uns dabei.
Das Meininger Theater, heute Südthüringisches Staatstheater, ist nicht ir-gendein Provinztheater. Seit den Zeiten Georgs II von Sachsen-Meiningen war das damalige Hoftheater mehr als drei Jahrzehnte europaweit unterwegs und im Gespräch mit seinen bühnenästhetisch nach vorn weisenden, histo-risch akribisch rekonstruierenden Produktionen. Die Gebrüder Max Brückner lieferten die Bühnenbilder, übrigens auch für Richard Wagners Ring in Bayreuth. Berühmte Schauspieler, Sänger und Dirigenten begannen ihre Karriere in Meiningen, man denke nur an Richard Strauss und Hans von Bülow. Auch zu DDR-Zeiten war das Meininger Theater hochgeschätztes, leistungsfähiges Theater, wenn auch ohne Autobahnanschluß und isoliert im unmittelbaren Grenzgebiet. Nach der Wende erlebte es eine in der deutschen Theaterlandschaft beispiellose Erfolgswelle. Es avancierte zum bestaus-gelasteten Theater Deutschlands. Alte Einzugsgebiete aus Hessen und Franken strömten mit Bussen herbei, das Theater wurde regelrecht gestürmt vom Publikum, wurde renoviert, neue Verwaltungs- und Werkstättentrakte wurden angebaut. Es ist bis heute der größte Arbeitgeber der nicht eben reichen Kommune. Meiningen lebt für und von seinem Theater. Nur, daß sich seit der Spielzeit 2002/2003 das Blatt des Publikumszuspruchs wendet. Die neue Intendanz mit Hamburger Kampnagel-Off-Theater-Hintergrund scheint dem sogenannten "Zeitgeist" hinterherzurennen. Die Angst, den "An-schluß" zu verpassen, geht ja bei den Theatermachern republikweit um. Aber gerade der Fall Meiningen demonstriert eindringlich, daß man selbst ein unerschütterlich anhänglich geglaubtes, begeistertes Publikum verprellen, ja vertreiben kann, indem man seine Bedürfnisse ignoriert. Ähnlich liegt der Fall übrigens auch bei der Komischen Oper Berlin. Aber eben auch in Meiningen scheint die Toleranzbereitschaft des mit Bussen von weither anreisenden Publikums mittlerweile erschöpft. Viele Abonnenten haben gekündigt. Und auch bei der jüngsten "Jenufa"-Premiere hörte man viele entrüstete Zuschauer sagen, dies sei ihr letzter Besuch in diesem Theater gewesen. Nicht wenige Zuschauer verließen schon in der Pause verärgert und ent-täuscht "ihr" Theater. Man muß sich nicht wundern, denn was der als "Regie-Jung-Genie" geprie-sene Sebastian Baumgarten bot, war wohl fürs breite Publikum, und welches andere gäbe es denn in Meiningen, eine Zumutung. Er zeigt nicht die mährische Eifersuchts- und Kindsmord- Tragödie, sondern einen persönlichen Kommentar zu politischen Problemen des heutigen Ostblocks. Natürlich, er will die Gespenster der Vergangenheit des Ostblocks mit Bildern von heute heraufbeschwören. Wir verstehen schon ... Aber ob das breite Publikum das zu goutieren weiß? Schon was Sebastian Baumgarten sich von seinem Ausstatter Robert Lippok auf die Bühne müllen ließ, hat mit der Oper wenig zu tun. Eine Art Rutschbahn, DRK-Hilfspakete, ein großer Sowjetstern und eine Dusche im Mittelpunkt der Bühne dominieren eine Szene voller Ostblock-Trash. Anleihen aus Lars von Trier-Filmen, man denkt sofort an "Dogville", sind unverkennbar. Auch der tschechische Experimentalfilmer Jan Svankmajer hat wohl seine Spuren in Baumgartens Jenufa-Ästhetik hinterlassen. Man sieht immer wieder übergroße Nahaufnahmen verzerrter Gesichter der Singenden, aufgenommen mit einer Kamera, die in der Duschbrause versteckt ist. Beim Vorspiel des dritten Aktes werden per Film einmarschierende Soldaten vom Ersten Weltkrieg bis zur Irak-Invasion der Amerikaner gezeigt. Auch Analogien zu jüngsten Fernsehbildern gedemütigter Irak-Gefangener sind wohl gewollt. Der Küsterin wird eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt. Stewa tritt gar als Cowboy auf, die alte Buryja als verkleideter Mann im Generalsrock. Sie stakts wie ein Transvestiten-Automat zwischen Dampfkochtopf und Aquarium, in dem das Kind der Jenufa liegt, hin und her. Warum das alles, und was diese plakative Kriegs- und Ostblockabrechnung mit dem Stück zu tun hat, erklärt Baumgarten nicht. Überhaupt ist das, was man Personenregie nennt, geradezu dilettantisch unterentwickelt bei ihm. So viele Ver-legenheitsgänge und –Gesten. So viel exhibitionistisch ausgestellte Proletenattitüde und All-tagshäßlichkeit. Und wo bleibt die Botschaft? Kein Wunder, daß das breite Publikum sich von derlei abwendet. Und die Jugend, die damit wohl erreicht werden soll, die war beim Premierenpublikum jedenfalls weit und breit nicht in Sicht. Leider ist die Produktion auch musikalisch weit unter den bisherigen Möglichkeiten des Meininger Theaters geblieben. Fabrizio Ventura am Pult hat Janáčeks Musik mißverstanden. Allzu aufdringliches Dauer Fortissimo und effekthascherische Banalisierung der subtilen Musikdramaturgie Janáčeks machten es auch den zum Teil ohrenbetäubend schreienden, zum großen Teil - trotz deutscher Fassung - völlig unverständlich artikulierenden Sängern schwer, zu überzeugen. Sebastian Baumgarten, in Jeans, deren Hintern kurz über´m Knie hängt, mit nacktem Bauch und sichtbarem Schamhaar-Ansatz, mag vor dem Vorhang noch so arrogant, kokett und sie-gesgewiß die Premierenbuhs ignorieren. Was aber, wenn demnächst keiner mehr in "sein" Theater kommt, nicht mal mehr zum Buhrufen?
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