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Dieter David Scholz
Kritiken Zwischen Ehebett und Küchentisch Rossinis „Italienerin in Algier“ an der Staatsoper Berlin Links steht ein spießiges Ehebett, rechts eine spießige Kücheneinrichtung. Zwischen diesen beiden Eckpunkten des Bühnenportals findet Nigel Lowerys albern beschwipste, sehr britische Inszenierung von Rossinis genialischem, erstem Bühnenerfolg aus dem Jahre 1813 statt. Im Hintergrund ein karikaturistisch papiernes Algier von heute mit Leuchtreklamen, viel Werbung für Girls und Moschée samt phallischem Minarett. In ihrem Innern befindet sich, in grünem Neonlicht ausgeleuchtet, ein Puff-Serail mit Kabinen, über denen rote Lämpchen an- und ausgehen. Verschleierte Bauchtänzerinnen gehen darin ein und aus. Sie trippeln, tänzeln, springen, fingern und schlängeln sich durch alle zwei Akte, hüftwackelnd, exzentrisch zuckend, un-anständig gestikulierend. Offenbar Lustpuppen der Bauchtanztruppen des Mustafa. Sie kom-mentieren alles und jedes in dieser Inszenierung. Das ist virtuos von Amir Hosseinpour ein-studiert, aber auf Dauer nicht immer zum Lachen. Obwohl doch bad boy Lowery in seiner ironisch-spießigen, bunten Inszenierung Dauerlachen anvisiert hat. Doch die auf den Kopf gestellte Geschichte der „Entführung aus dem Serail“ vom Bey, der seine Frau loswerden will und sie dem Sklaven Lindoro als Ehefrau aufschwätzt, der doch eher seine tatenlustige Ehe-frau Isabella zurückgewinnen will, die nach ihrem Schiffbruch zur Gespielin Mustafas werden soll und ihn eines Besseren belehrt, erzählt sich nach seiner Masche mit zunehmender Dauer des Abends immer dröger. Revueanleihen und turbulenter Slapstick reichen eben nicht. Bett-akrobatik links und Ehefrust am Küchentisch rechts enthüllen den Charme des Stücks nicht wirklich. Schon während der Ouvertüre ahnt man ja, worauf das Ganze hinausläuft. Elvira kann zu Beginn den im Unterhemd am Tisch sitzenden Mustafa nicht mehr für sich erwärmen. Die Zeitung ist ihm wichtiger. Ihre Mikrowellen-Fertiggerichte schiebt er angwiedert beiseite. Am Ende triumphiert Elvira am Küchentisch über den reumütig zu ihr zurückgekehrten Mustafa (Michele Pertusi) und hat die Hosen an.
Isabella (virtuos Silvia Tro Santafé als quirlige Blondine im Minirock) hat die muselmanischen Männer Mores gelehrt und den Frauen in Algier zu Selbstbewußtsein verholfen. Aber wie? Lowery zeigt das wenig originell. Seine Einfälle tragen nicht lang. Möchtegern-Verführerin Elvira im Negligée, Macho Mustafa im Hawai-Hemd mit Goldkettchen und Sonnenbrille (aber ohne Bass-Schwärze), Taddeo (Giorgio Caoduro) muß ständig mit seinem Puppen-double auftreten, das füglich an seiner statt gekost, getreten und sogar gepfählt wird. Warum dies alberne Spiel? Und warum schon wieder alle in heutiger Straßenkleidung? Warum schon wieder diese britische Blödelei vor spießigen Siebzigerjahre-Tapeten, großgemustert? Rossinis Humor mit seinen überdrehten, mechanischen Koloraturenkaskaden und Triller produzierenden, durchdrehenden Figuren hat das nicht nötig. Massimo Zanetti am Pult ist der einzige Sachwalter Rossinis, auch wenn er sich mit Leichtigkeit und Tempo schwer tut. Dafür zeigt er selten gehörte Sorgfalt im rhetorischen Detail, in der differenzierten und transparenten, ja äußerst gestischen Partiturumsetzung. Freilich ist Italianità nicht eigentlich die Sache der Staatskapelle. Die Sensation des Abends ist der wunderbare Antonino Siragusa als Lindoro. Er singt sich - als Mann von der Müllabfuhr gekleidet - schon mit seiner Auftrittskavatine ins Zentrum der Aufführung und ersingt sich die Sympathien des Publikums, das keineswegs einhellig diese Produktion bejubelte.
Im Gegenteil, der Buhs für Lowery waren viele. Aber die Sänger wurden gefeiert, am meißten Siragusa. Und das zurecht, denn er ist ein Ausnahmetenor. Der geborene Rossini-Sänger. Wer regelmäßig beim Rossini-Festival in Pesaro war, kennt ihn schon seit einigen Jahren. An der Berliner Staatsoper präsentiert er sich inzwischen als einer der Besten seines Fachs, mit dem nötigen Metall, mit Gelenkigkeit und Schmelz, schönem Timbre, strahlendem Material, höhensicher, koloraturenfest und charaktervoller, männlicher im Klang als Juan Diego Florez. Sängerisch ein großer Abend. Aber die Rossini-Funken sprühen nicht wirklich.
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