Dieter David Scholz

Kritiken 


Mutige Ausgrabung im Erzgebirge

 

Intermezzo.

Eine bürgerliche Komödie
mit sinfonischen Zwischenspielen in 2 Aufzügen

Von Richard Strauss

 Mittelsächsisches Theater, Premiere am 3. 12. 2005t

 

 Frühkritik in MDR-Figaro am Morgen, 5.12.2005

Am Samstag abend gab es im Mittelsächsischen Theater in Freiberg die mit Spannung erwartete Premiere einer Oper von Richard Strauss, die nur sehr selten gespielt wird: „Intermezzo“ heißt sie;  Richard Strauss selbst nennt sie nicht Oper, sondern „Eine Bürgerliche Komödie mit sinfonischen Zwischenspielen“. Dieter David Scholz war für uns in Freiberg. … Herr Scholz, warum wird dieses „Intermezzo“ eigentlich so gut wie nie gespielt?

Na ja, weil es gewissermaßen nicht Fisch, noch Fleisch ist. Es ist ja keine Oper im ei-gent-lichen Sinne, also reines Musiktheater mit musikalische Nummern wie Ouvertüre, Arien, Chören, Duetten, u.s.w.; aber es ist eben auch kein reines Sprechstück, sondern eine Misch-ung aus Beidem. Und die Straussianer sagen, das ist eine Entgleisung, das ist ein missratenes Stück, das allenfalls als Experiment gewertet werden darf, aber nicht unbedingt aufgeführt werden muß.

Der andere Vorwurf gegen das Stück lautet, es sei banal, weil es eigentlich nichts anderes als einen Ehestreit austrägt, nach dem Motto „Was sich liebt, das neckt sich“. Und das ganze ist ja auch noch eine autobiographische Zurschaustellung, denn Richard Strauss, der das Libretto selbst geschrieben hat, der wollte mit diesen Szenen einer Ehe im Grunde seine eigenen Streitereien mit seiner Gattin Pauline auf die Bühne bringen, gewissermaßen als alltäglich banales Gegenstück zum „Heldenleben“. Die Meißten finden das wohl zu trivial, als dass es sich lohne, aufgeführt zu werden, zumal sich die Missverständnisse und Zankereien am Ende auflösen in die banale Erkenntnis: „das nennt man och wahrhaftig eine glückliche Ehe“.

Warum hat sich ausgerechnet das Mittelsächsische Theater in Freiberg entschlossen, dieses Stück,   das ja kaum jemand kennt, herauszubringen?

Na ja, das hat zwei Gründe, zum einen kann das kleine Freiberger Theater das Stück aus ei-genen Kräften besetzen, und zum andern möchte es gerade mit der Aufführung dieses Strauss-Stückes, das gegenwärtig an keinem anderen Theater zu sehen ist, natürlich Auf-merksamkeit erwecken und auch die Strauss-Verehrer aus dem nahegelegenen Dresden anlocken, denn selbst dort, wo man an der Semperoper ja die meißten Strauss-Opern im Repertoire hat, selbst in Dresden wagt man sich nicht an „Intermezzo“ heran. – Nun muß man allerdings auch sagen: das Stück ist besser und interessanter als sein Ruf. Es ist in seiner Brüchigkeit ziemlich modern. Es ist gewissermaßen eine Zeitoper der Zwanzigerjahre im Um-feld von  Hindemiths „Neues vom Tage“ und Schönbergs „Von heute auf Morgen“. Das hat Regisseur Mark Schönwassser-Görke, der Hausherr des Freiberger Theaters, erkannt, und er zeigt „Intermezzo“ auch in diesem Sinne. Ohne irgend eine Aktualisierung belässt er das Stück bei sich, läßt es wirklich stattfinden als das, was es ist. Eine filmische Folge von dreizehn Bildern alltäglicher Milieu- und Konversationszuständen am Esstisch, beim Schlitten-fahren, beim Telefonieren, mit Dienstbotengezänk, Kofferpacken und am Kinderbett. Und er inszeniert diese Ehestreitereien über angebliche Untreue und über den gewöhnlichen Wahn-sinn des prosaischen Ehealltags recht flott, zwischen wenigen Requisiten vor Projektionen einiger Skizzen der Uraufführungsbilder. Auf die vielen Vorhängen zwischen den Szenen wer-den Photos von Richard Strauss und seiner Frau Pauline projiziert. Das ist eine schlichte, aber eine überzeugende Inszenierung, die das Publikum verstand. Natürlich hat das Stück mit sei-nem Pathos, dem nicht zu trauen ist und seiner Ironie, der auch nicht zu trauen ist, einen doppelten Boden. Das zu inszenieren wäre natürlich besonders reizvoll!  Leider blieb das in Freiberg außen vor.  

Was die Musik angeht, ist „Intermezzo“ ja recht aufwendig und anspruchsvoll. Hat man sich da nicht in Freiberg etwas verhoben?

Also man hat sicher sich an die Grenzen des Möglichen gewagt,  wenn  nicht darüber hinaus. Es ist ja überhaupt der erste Richard Strauss, der jemals in Freiberg auf die Bühne kam. Die großen Opern von Straus verbieten sich vom Orchester her von selbst im kleinen, übrigens sehr schönen Freiberger Theater, es hat mal eben 300 Sitzplätze und eine Orchester von 46 Mann. Damit konnte man auch „Intermezzo“ nur in absolute Minimalbesetzung spielen. Die Streicher sind natürlich unterbesetzt. Das wäre die Chance gewesen zu einer kammer-musikalischen Lesart des intimen Stücks. Aber Generalmusikdirektor Jan Michael Horstmann hat dem Affen dann doch Zucker gegeben und dirigiert, als stünde ihm ein großes Sinfonie-orchester zu Gebote, so laut war es dann auch, nur dass die Streicher dabei hörbar überfordert waren und das ganze doch eher ein orchestraler Parforceritt über den Bodensee war.

Und wie war die Sängerische Besetzung? Immerhin hat in der Dresdner Uraufführung 1924 keine Geringere als Lotte Lehmann, einer der Top-Stars jener Zeit, die weibliche Hauptpartie gesungen!

Die sängerische Besetzung war insgesamt erstaunlich überzeugend. Man konnte alle Partien einschließlich Christine und Robert Storch, die beiden Hauptpartien, absolut rollendeckend aus dem eigenen Ensemble besetzen. Aber auch die übrigen Damen und Herren des Frei-berger Ensembles waren sehr anständig, einige kleinere Partien waren sogar sehr gut besetzt mit sängerischen Originalen und markanten Persönlichkeiten. Und man hat jedes Wort verstanden. Heute keine Selbstverständlichkeit mehr! Natürlich wäre es das Stück wert, einmal von einer anderen Liga gespielt – will sagen gesungen und musiziert - zu werden. Aber man darf ja nicht vergessen, es fand nun mal im Mittelsächsischen Theater in Freiberg statt. Und da kann man nur sagen: Alle Achtung und Respekt vor dem Mut und der Leistungs-fähigkeit des Theaters. Die Aufführung lohnt auf jeden Fall den Besuch! Das Pre-mierenpublikum war – und damit hat wohl niemand gerechnet - außer Rand und Band vor Begeisterung.  Die nächste Aufführung ist am Mittwoch, 7.Dezember.