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Dieter David Scholz
Kritiken "Im
Takt der Zeit" oder "Im eigenen Takt"
In diesem Jahr wird eines der bedeutendsten Orchester der Welt 125 Jahre alt. Am ersten Mai, dem Gründungstag der Berliner Philharmoniker, wird Sir Simon Rattle, der heutige Chef des Orchesters, das Jubiläumskonzert diri-gieren. Aber schon jetzt ist bei einem neu gegründeten, eigenen Phil-harmoniker-Label eine Edition erschienen, die auf 12 CDs und einem kleinen Buch einen repräsentativen Querschnitt durch die Geschichte des Orchesters bietet.
Der Karfreitagszauber aus Wagners Parsifal. Eine Aufnahme aus dem Jahre 1913. Berlin feierte den 25. Jahrestag der Krönung Kaiser Wilhelms des Zweite. Am Pult der Berliner Philharmoniker stand Alfred Herz. Es ist eine der ersten Tonaufnahmen der Berliner Philharmoniker, noch auf Wachsplatten eingeritzt. Es ist die älteste Aufnahme der zum 125. Jubiläum der Berliner Philharmoniker erschienen Edition mit 12 CDs, die die Geschichte des traditionsreichen Orchesters dokumentiert. 1887 ging es aus der Kapelle eines gewissen Benjamin Bilse hervor, Hans von Bülow und Arthur Nikisch haben es unverwechselbar gemacht, mit Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan stieg es schließlich zur Weltspitze auf Claudio Abbado und Sir Simon Rattle haben diese Erfolgsgeschichte fortgeschrieben. Alle sind sie in dieser Edition zu hören. Auch Sir Simon, natürlich, mit Mahlers sechster Sinfonie. Eine Aufnahme aus dem Jahre 1987. Die Geschichte Berliner Philharmoniker, ihrer Schallplatenaufnahmen und Interpreten ist zu umfangreich, als dass sie auf nur 12 CDs dokumentiert werden könnte. Aber Beschränkung heißt nun mal das pragmatische Zauberwort einer jeden Edition. Und diese edle Luxusedition ist schon anderthalb Kilo schwer, in Holz gebettet, in goldnes Linnen eingeschlagen. Man hat dafür eine eigenes Label gegründet. Das Label „Berliner Philharmoniker“. Zum ersten mal tritt dieses Orchester mit einer eigenen Edition an die Öffentlichkeit. Wie Helge Grünewald, der für diese Edition wesentlich zuständige Dramaturg de Philharmoniker erläutert: "Die Auswahlkriterien waren, und das hat schon Einschränkungen gebracht, Aufnahmen zu finden, die es im Wesentlichen noch nicht auf dem öffentlichen, also auf dem kommerziellen Schallplattenmarkt gibt. Wir wollten das Orchester darstellen und wir wollten Aufnahmen finden, die Charakteristisch sind, entweder durch die Inter-pretation oder durch den Zeitpunkt der Aufnahme, oder aber dadurch, dass sie auch etwas mit der Technik der Aufnahme, also mit dem Prozess der Reproduktion von Musik zu tun haben." Die zwölf CDs veranschaulichen denn auch den Fortschritt der Aufnahmetechnik von Wachs-matritze bis zur digitalen Aufzeichnung, von der Stahlnadel bis zum modernsten elektrischen Mikrophon. 90 Jahre Interpretations- und Reproduktionsgeschichte von Musik sind auf die-sen 12 CDs am Beispiel des Berliner Philharmonische Orchesters in repräsentativen Auf-nahmen dargestellt. Und zugleich dokumentiert die Edition die Entwicklung dieses Welt-Spitzenorchesters. Ein gelungener Spagat! Die jüngste Aufnahme stammt übrigens aus dem Jahre 2002. Nikolaus Harnoncourt dirigiert Bachs erste Orchestersuite. Ausgerechnet von Nikolaus Harnoncourt, Pionier und Altmeister der "Historischen Auffüh-rungspraxis", oder was man so nennt, stammt die jüngste Aufnahme. Kein Zufall. Sie markiert die stilistischen Bandbreite der Spielfähigkeit des Orchesters. Helge Grünewald: "Das Orchester hat sich in den Neunzigerjahren einigen Interpreten geöffnet, einigen Exponenten der alten Musik. Damit hat das Orchester den Mut bewiesen, mit solchen Spezialisten zusammen zu arbeiten und zu schauen: Was können wir für Ergebnisse mit unseren relativ modernen Instrumenten und diesen Interpreten erzielen." Ein besonderer Markstein der Edition ist der Mitschnitt des Konzerts, das die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Daniel Barenboim nach der Öffnung der Berliner Mauer 1989 bei freiem Eintritt für alle, die aus Berlin West und erstmals Berlin Ost kommen wollten, veranstalteten: "Das Jahr 89 war ja ein großes Wendejahr für unser Orchester. Karajan gibt dem Or-chester endgültig den Laufpass, Karajan stirbt, ein neuer Chefdirigent wird gewählt, ein neuer Intendant wird gewählt, das Orchester gastiert Ende Mai zum ersten Mal im Schauspielhaus, heute Konzerthaus, also offiziell in der Hauptstadt der DDR. Wer hätte damals gedacht, dass wir im November schon eine ganz andere Situation haben würden." Dass diese Edition de Berliner Philharmoniker mit dem Titel „Im Takt der Zeit“ in Koope-ration mit dem Springer-Konzern zustande kam, hat natürlich vor allem marketing-strategische und Distributionsgründe. Zwei grosse Zeitungen, DIE WELT und die WELT AM SONNTAG, ein großes Orchester, die Berliner Philharmoniker. Beide haben davon etwas. Es ist eine kleine, aber feine Edition, nicht für die Spezialisten und CD-Freaks. Die haben sicher viel mehr von den „Philis“, wie das Orchester im Berliner Jargon liebevoll genannt wird. Aber wer als ganz normaler Musikliebhaber sich über die Geschichte der Berliner Philharmoniker informieren möchte, wer das Orchester und seine wichtigsten Interpreten, Chefdirigenten und Stationen kennen lernen möchte, der ist mit diese Edition bestens bedient und kann sich schon jetzt einstimmen auf das große Jubiläum, das medial sicher Wellen schlagen wird Anfang Mai. Und es wird übrigens nicht bei dieser ersten Box der Edition „Im Takt der Zeit“ bleiben. Und was diesen Titel angeht, noch einmal Helge Grünewald: "Der Titel „Im Takt der Zeit“ soll sagen, dass das Orchester seinen eigenen musikali-schen Puls hat, und auch immer behalten hat. Er ist etwas doppeldeutig. Gemeint ist aber, seinen eigenen Takt zu bewahren auch in einer schnellebigeren Zeit."
Beitrag für SWR + DW (Jan. 2007)
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