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Dieter David Scholz
Kritiken Frühkritik im NDR, "Klassisch in den Morgen", 14.3.2003: "Idomeneo" W.A. Mozart – Deutsche Oper Berlin I: Hans Neuenfels, ML: Lothar Zagrosek
Gestern abend gab es in der Deutschen Oper eine mit Spannung erwartete Mozart-Pre-miere, denn Hans Neuenfels hat sie inszeniert. Und Neuenfels ist immer für Aufsehenerre-gendes und Opern-Skandale gut. Ist er diesen Erwartungen gerecht geworden. Scholz: Ja, und nein, möchte ich sagen, denn Neuenfels hat zwar nach seinem inzwischen altbekannten surrealen Inszenierungs-Schema gegen den oberflächlichen Strich des Stücks und gegen die Erwartungen eines konventionell orientierten Opernpublikums inszeniert, aber er hat andererseits doch bis auf ein paar grelle Effekte eine sehr klare, geradlinige Geschichte erzählt, die Geschichte Idomeneos, der, ausgelöst durch den Konflikt um das Men-schenopfer, das er Poseidon versprochen hat, über die Verantwortung des Menschen über sich selbst reflektiert. Neuenfels zeigt Idomeneo gewissermaßen als "Mozarts Gegen-Hamlet", als ein "Werther, der nicht Opfer wird, sondern Täter". Er hat das Stück "Den verfluchten Töchtern und Söhnen der verdammten Väter" gewidmet, wie er gleich zu Beginn auf den Vorhang schreibt. Und um dies vor dem Hintergrund der Handlung der Opera seria deutlich zu machen, hat Neuenfels die Oper ziemlich gerafft, will sagen, er hat sehr viel gestrichen, er zeigt die Oper in einer Mischung aus rosarotem Lichtspielhaus der Fünf-zigerjahre und angedeutetem barockem Opernhaus. Es wird auch eine kleine Barockbühne auf die Bühne herabgelassen um Vorgeschichte bzw. Seelengeschichte als barockes Kulisssentheater nachzuspielen. Den Chor zeigt Neuenfels in grellen Farben als karikierte Mozartzeitgenossen mit Perücke und Reifrock, vor denen sich die sechs schwarz gekleideten Solisten als Menschen von heute abheben. Neuenfels gelingen einige sehr grandiose traumhafte, fast psychoanalytische Szenen. Sein originellster Einfall ist sicher der, daß er nicht nur Gott Poseidon und phallustragende Satyrn auftreten läßt, sondern auch noch die wichtigsten Vertreter der Weltreligionen, also Jesus, Mohammed und Buddha, denen Idomeneo am Ende die Köpfe abschlägt. Das wirkt dann doch etwas plakativ und überdeutlich, man hätte die Neuenfels-Botschaft auch ohne diesen aufgesetzten Theaterdonner verstanden. Auch solche Gags wie ein inszeniertes Erschießungskommando oder einen aus dem Bühnenhimmel harabstampfenden göttlichen Riesen-Dampfhammer, auch ein Engel mit einem Fahrrad, das sind aufgesetzte Effekte, die einen eigentlich nicht mehr aus der Ruhe bringen, wenn man einige Neuenfels-Inszenierungen gesehen hat. Aber er hat sich damit offensichtlich die Gunst des Publikums verscherzt gestern abend. Neuenfels wurde kräftig ausgebuht. Schade, denn er hat, was die psychologische Personenführung und die gedankliche Durchdringung des Stücks angeht, eine außergewöhnlich präzise Inszenierungs-Arbeit geleistet. War der Abend denn auch musikalisch so präzise? Scholz: Sängerisch war der Abend ganz ausgezeichnet, jedenfalls was die Solisten angeht: Charles Workman als Idomeneo ist ein Glücksfall, Krassimira Stoyanova ist eine glut- und ausdrucksvolle Elettra, Francesca Provvisionatos Idamante ließ keinen Wunsch offen und Michaela Kaune demonstrierte als Ilia makellosen Schöngesang. Der Chor allerdings, der ließ sehr zu wünschen übrig und was Lothar Zagrosek mit Mozarts Idomeneo-Musik anstellte, das war das eigentlich Enttäuschende des Abends. Zagrosek hat nichts von dem Auf-rühre-risch Neuen und Unerhörten dieser Musik anklingen lassen. Im Gegenteil: er hat einen verschnarchten Mozart der altbackenen Langeweile dirigiert. Neuenfels hat Mozart den Zopf abgeschnitten, Zagrosek hat ihn wieder drangepappt.
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