Dieter David Scholz

Kritiken 


Frühkritik in MDR-Kultur -  „Figaro“ am 26.7.2003:

Der Fliegende Holländer
Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele am 25.7.2003

R:: Claus Guth, BB&K: Christian Schmidt
ML: Marc Albrecht

 

Moderator: Gestern abend wurden die Bayreuther Festspiele eröffnet. Mit Prominenz und Schaulustigen, wie immer. Besonders gespannt war man auf die Eröffnungspremiere des Fliegenden Holländers, denn mit Claus Guth hat Festspielleiter Wolfgang Wagner einen jener jungen Regisseure verpflichtet, mit denen er künftig am Grünen Hügel die "Avantgarde" der "jungen Wilden" installieren will, wie er im jüngsten SPIEGEL-Interview bekannte. War nun dieser Holländer von Claus Guth der schockie­rende Auftakt des Angekündigten Kurs-wechsels in Bayreuth?

Scholz: Also schockierend ist dieser Holländer nicht, aber doch verstörend und bestürzend, im positiven Sinne. Man kann sich der Sogkraft dieser sinnlich suggestiven, gedanklich originellen und handwerklich präzisen und intelligenten Inszenierung  nicht entziehen, ob man sie nun in jedem Detail versteht oder nicht. Claus  Guth erzählt die Handlung der Oper, also die Geschichte vom Fliegenden Holländer und seiner Suche nach einem Weib, das ihn vom Fluche der ewigen Wanderschaft erlöst, nicht! Stattdessen erzählt Guth die seelische Geschichte eines mißbrauchten Kindes, will sagen des frühkindlich geschädigten Mädchens Senta und ihrer Wunschprojektionen, Wahnvorstellungen und Ängste. Guth zeigt einen wahren Horrorfilm der Gefühle, er zeigt den Alptraum einer an den Folgen ihrer früh-kindlichen Verletztheit leidenden, in den Angst­obsessionen hoffnungslos eingesperrten jungen Frau. Sie erscheint immer wieder als Kind, gedoubelt von einem darstellerisch hochbegabten kleinen Mädchen, das seine kindlichen Freuden, Obsessionen und Ängste, ja seine Todes-angst mit großen Stabpuppen inszeniert. Am Ende kommt der Tod von oben wie ein deus ex machina aus dem Schnürboden und holt Senta. Was tatsächlich an Mißbrauch Sentas durch Vater Daland geschah, deutet Guth nur äußert diskret an, er vermeidet alles allzu eindeutige. Eindeutig und einleuchtend ist allerdings, daß Daland und der Holländer optisch, also in Kostüm und Maske identisch sind in dieser Inszenierung, Der Holländer ist nichts anderes als die Vaterprojektion Sentas, die am Ende aus der Hotelhalle der Zauberberg-Villa Abgrund, in der oben und unten verdreht sind,  und am Schluß alle Fenster zugemauert und Türen verschlossen, nicht entkommt. Sie hat keine Chance, eine jener als damenhaft tänzelnden Möchtegern-Verwöhnten der Spinnerinnen-Weibchen zu werden. Eher wird sie das Schicksal der von Anfang an in ihrem Kostüm auftretenden blinden Mary erleiden, die übrigens im Senta-Kostüm an den Rollstuhl gefesselt ist. Ein aussichtsloser weiblicher Alptraum, zu dem die kindlich anrührende Pinnocchio-Choreographie des Matrosenchores bei einem skurrilen Lampionfest einen ironischen Kontrapunkt setzt.  Mit aberwitzigem Tempo entfesselt Claus Guth diesen Horrorfilm der Gefühle. Filmische Projektionen von Wassereinfällen, Wolkenflügen und allerlei surrealen Assoziationen spielen tatsächlich in seiner Inszenierung eine große Rolle. Man denkt bei der Bühnenästhetik Claus Guths und seines wirklich fabelhaften Ausstatters Christian Schmidt immer wieder an Stanley Kubricks „Shining“ oder an Hitchcock-Szenerien. Oder an Peter Greenaway. Es ist eine phantastische, surreale Welt des Unterbewußten, in der sich Wahn und Wirklichkeit, Ängste und Hoff-nungen, Alptraumhaftes und minutiös beobachtete Seelenwirklichkeiten überlagern. Ein Fest für Siegmund Freud, aber auch ein Fest minutiös ausgearbeiteter Personenführung, origineller Bild- und Regieeinfälle, magischer Lichtwechsel, expressionistischer Schattenspiele und perfekter Bühnentechnik. Ein Theaterereignis, das Theatergeschichte schreiben  wird!

Moderator: Es gab neben dem Regisseur noch einen weiteren Debütanten in der Eröffnungs-premiere der diesjährigen Bayreuther Festspiele: den Dirigenten Marc Albrecht. Wie war sein Einstand?

Scholz: Fulminant, man kann es nicht anders sagen. Marc Albrecht hat Einen vom ersten Takt der Ouvertüre an bis zum Finale in seinen Bann gezogen. So perfekt das Timing der Inszenierung ist, so gnadenlos spannungsgeladen ist die messerscharf sezierende Lesart Marc Albrechts. Er dirigiert die pausenlos durchgespielte Urfassung der dreiaktigen Romantischen Oper  ohne alle Verklärung  am Ende wie einen Orkan der Gefühle. Mindestens Windstärke Zehn. Und dabei doch immer transparent und intelligent in der Phrasierung. Das Publikum hat ihn denn auch zurecht gefeiert. Einen  Dirigenten von solchem Format gab es in Bayreuth lange nicht.  Da können manche gegenwärtig großen und teuer gehandelten Namen unter den Taktstockvirtuosen Bayreuths einpacken. 

Moderator: Wie war denn die Stimmung in Bayreuth? Hat das Publikum über die anstehen-den Neuerungen debattiert? 

Scholz: Natürlich, man redet viel im Zuschauerraum über die Zukunft Bayreuths und über den künstlerischen Kurswechsel Wolfgang Wagners. Deswegen war das Publikum ja auch so gespannt auf die Holländer-Premiere Claus Guths. Obwohl das Publikum in Bayreuth – zumal bei den Premieren – zu einem Großteil konservativ ist und die Inszenierung Guths alles andere als das, hat es die herausragende Qualität seiner überraschenden Produktion erkannt und mit großem Beifall gewürdigt. Nicht unbedingt gilt das für die sängerischen Leistungen. Man hat alle Partien im Holländer schon weit besser gesungen gehört in Bayreuth, aber nicht nur dort. Adrienne Duggers Senta war überzeugend eigentlich nur in ihren beeindruckenden Spitzen-tönen. Der bereits deutlich "abgesungene" John Tomlinson als Holländer konnte trotz enormer Kraftaufbietung  kaum sängerisch überzeugen, wie er setzte auch Jakko Ryhänen als Vater Daland nur auf Lautstärke und Durchschlagskraft. Was man von Endrik Wottrichs Erik nicht gerade sagen kann. Eine eng geführte, um nicht zu sagen eingeschnürt gequält klingende, nie frei sich entfaltende Tenorstimme mit sehr unschönem Timbre. Eine wirklich schöne Stimme hat nur Tomislav Muzzek in der kleinsten Partie der Oper, der des Steuermanns. Sei´s drum: die schauspielerischen Leistungen der Sänger waren in dem sehr konsequent durch- und vorgeführten Konzept der Inszenierung so überzeugend, daß man die schlechte Singerei fast überhörte. Die Aufführung als Ganzes ist eine Sternstunde!