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Dieter David Scholz
Kritiken Beitrag für SWR "Musik aktuell" am 4.6.2004: Vorbericht: Heute werden in Halle an der Saale die diesjährigen Händel-Festspiele eröffnet. Traditionell startet das Opernhaus Halle mit einer eigenen Produktion. In diesem Jahr wagt man im lei-stungsstärksten Opernhaus Sachsen-Anhalts eine szenische Aufführung des dreiaktigen Ora-toriums "Hercules", das Händel einigermaßen irreführend ein "musical drama" nannte. Er selbst hat es – mit geringem Erfolg - nur konzertant aufgeführt. 1925 gab es im westfälischen Münster den ersten szenischen "Hercules" in einer expressionistischen Inszenierung von Hans Niedecken-Gebhard zu sehen. Rudolf von Laban und Mary Wigman, die Protagonisten des deutschen Ausdruckstanzes, waren an dieser wegweisenden Produktion beteiligt. In den letzten zwanzig Jahren wurde das Stück immer wieder szenisch aufgeführt. In Halle hat Re-gisseur und Ausstatter Fred Berndt nun den inzwischen 25. Versuch einer szenischen Lesart des oft als undramatisch bewerteten Stücks versucht. Am Pult des auf alten Instrumenten spielenden Händel-Festspielorchesters steht Alessandro de Marchi. Heute abend ist Premie-re. Dieter David Scholz hat sich für uns schon die Generalprobe angesehen:
Mit MGM-artigem Vorspann
eines Hollywood-Schinkens beginnt schon während der Ouvertüre das
Händelsche musical drama "Hercules" in der szenischen Lesart Fred Berndts.
Man sieht auf Bühnenbreite projiziert, das heldische Porträt des "Terminators"
und Body-builders Arnold Schwarzenegger vor New Yorks Skyline. Dann öffnet
sich hinter dem Schleier die Projektionsloge eines guten alten Kinos der
Fünzigerjahre. Die stoffaltenbe-spannten Wände des Bühnenraumes werden zur
Strahlenmetapher des antiken Helden, dem Händel 1745 sein neuartiges,
opernhaftes Oratorium widmete. Er hatte es komponiert auf ei-nen Text des
glehrten Geistlichen Thomas Broughton. Der seinerseits kombinierte Motive
aus antiken Dichtungen von Sophokles, von Ovid und Seneca. Ein Kommentar
gewissermaßen über die Geschichte der Bearbeitungen des Herkules-Mythos.
Insofern ist es nur konsequent und logisch, wenn Regisseur und Ausstatter
Fred Berndt den antiken Herkules Mythos und den heutigen eines telegenen
Bodybuilders und Hollywood-Schauspielers ineinanderprojiziert und parallel
erzählt im Kintop-Format: Händel und sein Librettist
erzählen in ihrem "Hercules" die Geschichte eines am Ende seiner Vita
funktionslosen, weil aus seinem letzten Krieg zurückkehrenden, die Waffen
ablegenden, sich nur noch der Liebe und dem Frieden widmen wollenden Helden.
Seine legendären Heldentaten und Seitensprünge, seine Verdienste und seine
übernatürlichen Stärken sind nur-mehr Vorgeschichte. Ein funktionsloser Held
aber hat im Mythos nur noch zu sterben. Eben das interessiert Fred Berndt
besonders: Der Höhepunkt des ganzen Oratoriums ist die Wahnsinnsszene der Dejanira, der Ehefrau des Herkules, die von Händel und seinem Librettisten als nachgerade beispielhafte Hysterikerin angelegt wurde, ein singendes Paradebeispiel weiblicher Eifersucht. Die ausdrucksstarke schwedische Mezzosopranistin Ann Hallenberg ist eine Idealbesetzung der anspruchsvollen Partie. Ihre Gegenspielerin - und zu Unrecht Auslöserin ihrer Eifersucht - ist Iole, die Tochter des Königs von Oechalia, den Hercules in seinem letzen Krieg tötete. Martina Rüping singt sie mit betörendem lyrischem Sopran. Iole, von Dejanira gedemütigte Prinzessin von Oechalia, sie bekommt am Ende auf Geheiß des Zeus den Sohn des Herkules zum Ehemann und die Krone ihres Heimatlandes zuge-wiesen. Ende gut alles gut. Herkules stirbt als Opfer der Rache eines einstigen Widersachers und als Opfer der Eifersucht seiner Gattin. Die zu Anfang des Oratoriums geäußerte Pro-phezeiung des Eichen-Orakels hat sich erfüllt. Fred Berndt gelingt es in der Hallenser Auf-führung mit beherzten Strichen, mit ästhetisch bestechenden Bildern und konsequent durchdachter Konzeption, das lange Werk kurzweilig auf die Bühne zu bringen wie einen Mythos, made in Hollywood. Zwischen New York und dem Olymp, zwischen filmischem Adlerflug über Hellas und beabsichtigten Zitaten der Ästhetik des Faschismus. Anspielungen auf Filme wie "Conan" und "Terminator", "Hercules in New York" und "Pumpin Iron", aber auch auf das Gefangenenlager Guantanamo-Bay sowie barocke Sternenhimmel-Malereien ergeben ein gewollt brüchiges Ganzes von kluger Dialektik. Die Furien des Hades schrumpfen in dieser Inszenierung auf personifizierte Fernsehmattscheiben. Der vorzügliche Hallenser Opernchor wird reduziert zur allegorisch-bildhaften Statisterie von Kultanhängern. Conférencier und Herold der bedenklichen Heldenstory im blauen Frack mit Allongeperücke ist Lichas, für den der findige, erfolgreiche Intendant des Opernhauses Halle, Klaus Fro-boese, eine stimmliche Neuentdeckung präsentiert: den 23-jährigen argentinischen Counter Franco Fagioli, der im vergangenen Oktober den 1. Preis im Wettbewerb "Neue Stimmen" der Bertelsmann-Stiftung erhielt. Ein Newcomer im "Alte-Musik-Geschäft" und eine der Sensationen dieser effektvollen wie intelligenten "Hercules"-Produktion, die sich im inter-nationalen Vergleich sehen und hören lassen kann!
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