Dieter David Scholz

Kritiken 


Beitrag für SWR 2, Musik aktuell, 9.6.06:

 Göttingen im Aufwind  &  Halle ohne Schlote       

Alle Jahre wieder: Anfang Juni ist Händelzeit. Zuerst in Göttingen, dann in Halle. Beide Städte haben sich ja seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts um die Händel-Re-naissance verdient gemacht. Göttingen kam zuerst und hat in diesem, dem 75sten Grün-dungsjahr der Göttinger Händel-Gesellschaft denn auch ein vielseitiges Programm  vorgelegt, das vor allem dem wichtigsten Jubilar dieses Jahres verpflichtet ist. „Händel im Spiegel Mozarts“ lautet denn auch das Motto der diesjährigen Göttinger Händel-Festspiele.

Nicholas McGegan:   Mozarts Händelbearbeitungen sind sehr interessant. Ich sie ver-gleiche sie immer mit einem Kupferstich. Er stammt aus Händels Zeit. Und Mozart hat ihn koloriert. Nicht in Farben, die wir schön finden vielleicht, aber in den Farben des Wiener Klassizismus! 

Nicholas McGegan, künstlerischer Leiter der Göttinger Händelfestspiele seit 15 Jahren, gerät ins Schwärmen, wenn er über Mozarts akribische wie phantasievolle Arbeit an Händels Partituren erzählt, die er vor allem für den Wiener Baron van Swieten umarrangierte, Klarinetten einsetzte, auch Hörner statt Naturtrompeten und Hammerklavier statt Orgel. McGegan lobt die hohe Qualität der Mozartschen Händelpartituren, sei es die Cäcilienode, das Alexanderfest oder der Messias. Alle drei Stücke waren in Göttingen in erstklassigen Aufführungen zu hören.

Händels Messias in der Mozartschen Bearbeitung, mit dem NDR-Chor und exzellenten Solisten (Lisa Saffer, Wilke te Brummelstroete, Thomas Cooley und Nathan Berg), einstu-diert und geleitet von Nicholas McGegan, war den auch einer der Höhepunkte der dies-jährigen Göttinger Händelfestspiele. Die Göttinger Stadthalle war bis unters Dach ausver-kauft, das Publikum, Händelfans und Händelkenner, Laien und Fachleute aus nah und fern reichten sich die Hände, um dieser Festaufführung beizuwohnen. Es war nicht nur ein Stimmfest, sondern auch die Geburt eines neuen Orchesters, dem beizuwohnen, Vergnügen und Ehre war in einer Aufführung, deren Span­nung und Intensität mit jedem der drei Teile des Oratoriums wuchs.  „Festspielorchester Göttingen“ heißt das neue Orchester, auch kurz „FOG“ genannt, das Nichoals McGegan, in diesem Jahr gegründet hat. Bisher hat er mit mehr als zehn verschiedenen Orchestern gearbeitet in Göttingen, was von mal zu mal große logistische Probleme mit sich brachte und auch künstlerisch nicht ganz unproblematisch war. Damit soll nun Schluß sein. 

Nicholas McGegan:  Ich wollte wirklich ein Orchester, das von Jahr zu Jahr spielen kann. Wir sind ein internationales Festival. Und ich finde es gut, auch ein internatio-nales Orchester zu haben. Wir haben Leute aus 12 verschiedenen Ländern und vier Kontinenten, der größte Teil wohnt in Deutschland oder in Amsterdam. Die Wege sind nicht so weit. Das erleichtert auch die Logistik.

Dieses neue Festspielorchester Göttingen versammelt einige der besten  Musiker der füh-renden Barockorchester, es wird künftig das Hausorchester der Göttinger Händelfestspiele sein, mit dem man auch auf Reisen gehen wird. Schon in diesem Jahr hat man  mit der Frau-enkirche Dresden und den Salzburger Festspielen kooperiert. Auch mit ARTE  und dem NDR ist eine Kooperation zustande gekommen. Die Göttinger Händelfestspiele sind zweifelsfrei im Aufwind und erfreuen sich großer Publikumsresonanz, zumal dem intern-ationalen Publikum innerhalb weniger Tage ein breites Spektrum an Veranstaltungen ange-boten wird, rund um die Uhr sozusagen, von Kammermusik, Konzerten, zum Teil an erle-senen Orten,  Liederabenden, Oratorien und Opern. Auch die Liste der Gastensembles und Interpreten ist vom Feinsten: der Cembalist Robert Hill spielt Mozartklavierkonzerte,  Mozarts Konzert-Arien singt Cyndia Sieden, der Countertenor Andreas Scholl ist zu Gast und die Akademie für Alte Musik mit René Jacobs, der das Händel-Mozartsche Alexan-derfest aufführte. Dies sind nur einige Glanz­lichter der diesjährigen Göttinger Händel-festspiele, deren zweiter Höhepunkt eine Neuproduktion der selten aufgeführten Oper „Poro“ war, eines der Libretti, das Händel von dem auch für Mozart tätigen Metastasio vertont hat, ebenfalls mit der mit der Akademie für alte Musik, und – auch das ein besonderes Ereignis – mit dem Lautenisten Konrad Junghänel am Pult.

Die große dreiaktige Oper „Poro, re dell Indie“, das Okkupatoren-Drama Alexanders des Großen, der in Indien keine Wilden sondern zivilisierte, edle Menschen vorfindet  und da-durch dazulernt, man  könnte das Stück auch „La Clemenza di Alessandro“ nennen,  dieses Erfolgsstück aus dem Jahre 1731 hat in Göttingen Igor Folwill, der schon Rodelinda, Parthe-nope und Rinaldo erfolgreich in Göttingen in Szene setzte, als ein plastisches Spektakel in halb ägyptisierte, halb indischer, halb moderner Optik inszeniert. Er zeigt im Grunde die zeitlose Einsicht, wie selbst ein „guter“ Okkupator ein Land verändert. Die Größe dieser Auf-führung  ist aber sicher den musikalischen Interpreten zu verdanken, allen voran dem Altus William Towers in der Titelrolle und Jutta Böhnert als Cleofide, der Akademie für Alte Musik und eben Konrad Junghänel, der eine sehr ernste, aber auch poetische Lesart des zu Unrecht so unpopulären Stücks zustande brachte.

Konrad Junghänel:  Es ist eine sehr tiefgehende Musik, es ist nicht der fröhliche D-Dur-Händel, den wir aus anderen Anlässen kennen, mit Pauken und Trompeten, sondern es ist ein Werk, das sehr in die Tiefe geht, was zum Teil auch sehr nach innen geht. Und mit einer unglaublich starken Musik.  

Konrad Junghänel, der „Poro“ als das bestvertonte und interessanteste der drei Metastasio-Libretti Händels empfindet, gab mit dieser Oper seinen Einstand als Händeldirigent. Es wurde zu einem großen Erfolg für ihn und für die Göttinger Händelfestspiele, die zwar kein Händel-haus haben, Händel hat Göttinger Boden nie betreten, aber doch ein Haus aus dem Jahre 1266, in dem wohl künftig die Händelfestspiele residieren werden, und den unverwechsel-baren Charme  eines kleinen, feinen – man darf fast sagen - Elitefestivals, dessen Publikum in geradezu herzlicher, familiärer Eintracht mit den Künstlern verkehrt, anders als in Halle an der Saale, der Geburtsstadt Händels, in dessen Geburtshaus zum Auftakt der diesjährigen Hän-delfestspiele Halle eine interessante Dauer-Ausstallung über Händels Leben neu eröffnet wurde, mit dem größten Bestand an authentischen Händel-Porträts, darunter ein Öl-Porträt von John Theodore Heins aus dem Jahre 1740, über das Edwin Werner, der Direktor des Händelhauses meint:

Edwin Werner: Es ist ein neu entdecktes, authentisches Porträt, das viele in Erstaunen versetzen wird, es entspricht nämlich vielen Beschreibungen der Persönlichkeit und des Äußeren Händels, aber man hat ihn auf anderen Porträts so noch nicht gesehen, er ist völlig freundlich, gelassen, und das ist eine wirklich gewinnende Erscheinung.

Händel privat, Händel zum Anfassen, Händel für alle ist gewissermaßen das Motto der Kon-zeption der städtisch organisierten, und nicht wie in Göttingen auf privater Initiative gegrün-deten und künstlerisch geleiteten Festspiele. Die Halleschen Händelfestspiele erstrecken sich denn auch im Gegensatz zu Göttingen über die ganze Stadt. Die Stadt feiert ihren berühm-testen Sohn! Das Festival dauert länger als in Göttingen, setzt mit vielen auch Open-Air-Veranstaltungen auch auf mehr Breitenwirkung und und Poplarität. Das muß es auch, denn der finanzielle Kraftakt dieses bedeutendsten Festivals im armen Lande Sachsen-Anhalt, soll möglichst Vielen zugute kommen. Halle ist nicht mehr die Stadt rauchender Schlote. Man setzt ganz auf Kultur und gibt dafür überdurchschnittlich viel Geld aus.

Auch in Halle steht in diesem Jahr der Blick der Klassiker, Mozarts vor allem und Haydns auf Händel im Mittelpunkt, wie Hanna John, die Direktorin des Festivals erläutert:

Hanna John: Dies Jahr werden wir den Bogen von Händel, also der Barockmusik zur Wiener Klassik zum einen und  vor allem die Werke in den Mittelpunkt stellen, die doch sehr stark auf die Klassiker gewirkt haben, und das 1200 jährige Jubiläum der Stadt mit einer fast tausendjährigen Musikpflege, das ist schon etwas Besonderes.

Es sind genau 46 Veranstaltungen in 11 Tagen, die angeboten werden, zu Gast unter anderen Trevor Pinnock, Frieder Bernius, die Lauten Compagney Berlin, der Altus Robin Blaze, aber auch The King´s Consort und der Counter Axel Köhler, der am Opernhaus Halle auch Regie führt in der Neuproduktion der Händel-Oper „Admeto. (Einzelheiten in "Kritiken" dieser HP)

Da das Opernhaus Halle unter seinem erfolgreichen wie findigen Intendanten Klaus Froboese einen nicht unwesentlichen Anteil am Succès der Hallenser Händelfestspiele hat, und anderer-seits mit seinen teils glanzvollen Händelproduktionen internationale Aufmerksamkeit erzielt,  ist es, so überraschend es kam, eigentlich nur zu verständlich, ja logisch, dass er mit dem  diesjährigen Händelpreis der Stadt halle ausgezeichnet wurde.

Klaus Froboese 

Klaus Froboese: Also ich freue mich unendlich und ich habe es nicht für möglich gehalten , denn als ich nominiert wurde, da dachte ich: das ist wie beim Oscar. Die Nominierung ist alles. Freue Dich und staune, wer ihn dann kriegt. Als ich dann selber auf einer Protokollnotiz sah, daß ich es bin, ist es mir ´n bisschen trocken im Mund geworden. Das Gefühl hat angehalten.