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Dieter David Scholz
Kritiken Voralpine SpießeralpträumeGünter Krämers "Fledermaus" an der Semperoper in Dresden
Die "Fledermaus", 1874 geschrieben, ist ein Porträt der Stadt Wien im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Kaiser Franz Josefs Größenwahn, Weltausstellungsgeprotze, Gründerzeit-Architektur, Industrialisierung und Börsencrash im Jahre 1873, Parvenüs und Demimonde, all das hat Johan Strauss mit seiner – offenbachisch inspirierten – "Fledermaus" auf die Bühne gebracht. Im Maskenball, bei dem sich die Stände vermischen und Schein und Sein zum Verwechseln sind, nimmt er die Doppelmoral jener Zeit aufs Korn, aber auch die verzweifelte Verlogenheit und die zynisch-fatalistische Bankrotteursgesinnung der verarmten Kapitalisten nach dem Wiener Börsenzusammenbruch und den sich anbahnenden Untergang der K.& K. Monarchie, deren Repräsentanten sich die Maxime „glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist“ zueigen machten und alle Schuld auf Erden dem Champagner zusprechen. Kein Wunder, daß das Publikum der Uraufführung von diesem zutiefst „weanarischen“ und zugleich den „Wiener Schmäh“ gnadenlos demaskierenden Stück nicht eben begeistert war. Nach nur 16 Vorstellungen wurde das als allzu frivol und gesellschafts-kritisch empfundene Stück abgesetzt. Günter Krämer und sein Ausstatter Gisbert Jäkel ignorieren all dies konsequent und erzählen im Grunde mit ihrer reichlich zusammengestrichenen „Fledermaus“, zum größten Teil völlig neu geschriebenen Dialogen (darin manche originellen Wortspiele) und einem vom Original beträchtlich abweichenden Finale ein anderes Stück. Ein Stück über provinzielle Spießer-träume und -Alpträume vom trauten Familienglück, über die Abgründe zwischen Swingerclub und Betriebsfeier, über sentimentale Naturverbundenheit und die verlogene Fassade bürgerlicher Moralvorstellungen im Voralpenland. Die Handlung spielt, vom Original abweichend, in irgendeinem „Ort in der Nähe von Wien, auf einem Weinberg“, es könnte auch am Starnberger See oder in Garmisch sein. Ein riesiger Adventskalender im ersten Akt symbolisiert Spießerfassaden, heile Welt und (H)eilige Familie, Bayerische Folklore sig-nalisiert Spießeridylle, Hirschgeweihe deuten Naturnähe an. Das dominierende Möbel der Inszenierung ist das Sofa. Vierzehn kleine und ein ins Riesen-hafte aufgeblähtes, auf dem der ganze Chor des „Ball"-Aktes Platz hat, meinen Spießergemütlichkeit. Die Glotze vor dem Sofa hat uns Krämer gottlob erspart. Wenn aller-dings der gesamte Chor, also auch die Herren, Dirndl tragen müssen, gerät die Veranstaltung ob gewollt oder nicht, zur Travestie-Show. Regisseur Günter Krämer gelingen in seiner Mischung aus Comedy, Slapstick und Revue durchaus einige sehr überzeugend komische Nummern. Der Ball beim Prinzen Orlofsky gerät Krämer zum phantastisch-Fellinihaften Lederhosen- und Dirndl-Panoptikum. Das Finale des zweiten Aktes wird zum deftig-parodistischen, voralpinen Dorf-Bacchanale unter gigantischen Luftschlangen auf sich drehender schwarzer Bühne, mit Entenpolka und Schuhplattler. Warum Orlofsky (sehr blaß Iris Vermillion) allerdings als Vampyr en travestie auftreten muß, der zuguterletzt seine Ober-weite enthüllt, bleibt ebenso fragwürdig wie die Erzählung der Vorgeschichte gleich nach der Ouvertüre. Die „Rache der Fledermaus“ geht bei Krämer schließlich ganz anders aus als bei Johann Strauss, die Komödie endet tödlich, Eisenstein erschießt den Tenor Alfred (sehr angestrengt Miroslav Dvorsky) und seine Ehefrau Rosalinde (bildschön und hübsch singend Camilla Nylund). Kein heiterer Operettenschluß, kein alkoholseliger Verbrüderungs- und finaler Ernüchterungs-Taumel mit positiver Wendung à la Falstaff: "tutto nel mondo e burla". Auch Manfred Honeck ließ vom Pult aus nicht eben die Champagnerkorken knallen. Eleganz im Dreivierteltakt und kapellmeisterliche Präzision waren seine Sache nicht. Unter seiner Leitung spielte die „Zauberharfe“ Dresdens weit unter ihrem Niveau. Hut ab vor der sängerischen und gymnastischen Leistung des in enge Dirndl-Mieder eingeschnürten Chors der Sächsischen Staatsoper (Choreographie Otto Pichler). Der Dresdner Schauspieler Wolfgang Stumpf alias TV-Kommisar Stubbe als Vollzugsbeamter Frosch erfreut sich naturgemäß besonderen Zuspruchs gerade seines heimatlichen Publikums, aber er wertet die oft zur Blödelpartie verschmierte Sprechpartie mit seinen intelligenten Spitzen gegen Lokal-, Landes-, Bundes- und Weltpolitik zur kabarettistischen Glanzrolle auf. Seine Komik kommt ohne Klamauk aus, seine Kalauer sind nicht peinlich, über seinen Witz kann man herzhaft lachen, immerhin. Die unangefochtene Sensation der ganzen Produktion ist allerdings Diana Damraus Adele. Sie ist kokett und erotisch, hat Persönlichkeit mit Biß, ihre Körperbeherrschung ist so verblüffend wie ihre Stimme. Eine Koloratursopranistin erster Güte, alles andere als nur Soubrette. Sie wartet mit perfekten Spitzentönen auf, einer höchst beweglichen, dabei großen, leuchtenden und immer wortverständlichen Stimme. Und wenn sie sich vor Gefängnisdirektor Frank (brilliant Reinhard Dorn) zum Beweis ihres Bühnentalents betörend tirilierend - „Spiel ich die Unschuld vom Lande“ - mit einem professionellen Spagat auf den Boden wirft, demonstriert sie als einzige Darstellerin des Abends, wie im Idealfalle von Operette Gesang und Dar-stellung sich ergänzen können und müssen. Ihretwegen lohnt sich ein Besuch der Aufführung. Daß in der Schlußszene tatsächlich Dr. Falke (enttäuschend Dale Duesing) köstlich verkleidet (Kostüme Falk Bauer) als Fledermaus auftritt, ändert nichts an der Tatsache, daß die so tur-bulente wie unkonventionelle Operetteninszenierung Günter Krämers mit der eigentlichen „Fledermaus“ nicht mehr viel zu tun hat. Krämer hat die "Fledermaus" ihres satirisch-urbanen, ihres konkreten, historisch beziehungsvollen Charakters und damit ihrer eigentlichen offen-bachischen Dimension beraubt. Das Publikum hat sich dennoch amüsiert. Dieter David Scholz Sächsische Staaatsoper Dresden In "Das Orchester" bei Schott, Mainz veröffentlicht
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