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Dieter David Scholz
Kritiken RBB – Kulturradio am
Morgen, 24.5.2004 Elegie für Junge
Liebende Staatsoper Unter den
Linden, Berlin. Premiere 22.05.2004 Anmoderation: 1961 wurde Hans Werner Henzes dreiaktige Oper „Elegie für junge Liebende“ als Auftragswerk des Süddeutschen Rundfunks im Schwetzinger Schloß-theater uraufgeführt. Schon damals ein kontrovers aufgenommenes Künstlerdrama. In den vergangenen Jahrzehnten war es nur selten auf den Bühnen anzutreffen. In der Berliner Staatsoper Unter den Linden wagte man eine Wiederbelebung der Oper. Am Samstag Abend war Premiere. Dieter David Scholz war für uns dabei. Was ist das eigentlich für ein Stück? __________________________________________________________ Ein interessantes, aber doch auch – mit Verlaub gesagt – ein etwas angestaubtes Stück. Henzes „Elegie für junge Liebende“ nach einem Text von Wystan Hugh Auden und Chester Simon Kallmann war der schon 1961, im Jahr der Uraufführung von vielen als unzeitgemäß gescholtene Versuch einer pathetisch-moralischen Künstleroper, die mit reichlich literarischen wie musikalischen Anspielungen nicht wenige Zeitgenossen irritierte. Gregor Mittenhofer ist die Hauptfigur der Oper. Ein amoralischer Großdichter, der gegen die "Heilige Plüschdreifaltigkeit" seiner Zeitgenossen Rilke, Hofmannsthal und und George zu Felde zieht und der um seiner Kunst willen über Leichen geht. Andreas Schmidt verkörpert ihn mit respektabler Mischung aus rhythmisiertem Sprechen, Parlandostil und deklamato-rischem Sprechgesang. Dieser Dichterfürst überläßt seine junge Geliebte mit ihrem neuen Liebhaber dem sicheren Tod im Hochgebirge, aus Rache dafür, daß sie ihn wegen eines jungen Mannes verläßt und um der Inspiration seiner künstlerischen Höchstleistung willen, eben der „Elegie für jungende Liebende“. Kalkulierte Kunst wird der unkalkulierbaren Naturgewalt gegenübergestellt. Liebe und Leben der Kunst. Menschlichkeit der Amoralität. In einer Zeit wie heute, in der die Kunst immer mehr nur zur bloßen Ware einer Freizeit-industrie mutiert und weithin nur noch als Teil einer bloßen Event-Kultur betrachtet wird, eine geradezu idealistische Auseinandersetzung. Aber gerade darum plädiert der im Jahr der Uraufführung dieser Oper geborene Schauspielregisseur Christian Pade mit seiner klaren und durchsichtigen, psychologisch feinfühligen, werktreuen Inszenierung für das Künstlerdrama des Stücks, 43 Jahre nach der Uraufführung. Das Drama der beiden jungen Liebenden wird ihm untergeordnet. Ein Großdichter, sagen Sie, steht im Mittelpunkt. Ein junges Liebepaar. wie geht das zusammen? Die Inszenierung wird natürlich dominiert von dem übermächtigen Groß-Schriftsteller im physiologischen Gabriele D´Annunzio-Outlook. Seine wahnsinnige Adorantin und Mäzenin ist Carolina Gräfin von Kirchstetten. Rosemarie Lang leiht der skurrilen Alten ihre Stimme. Sie singt und spielt vornehm. Dann gibt es noch Hilda Mack. Sie wohnt seit 40 Jahren im Berg-hotel Schwarzer Adler. Seit 40 Jahren wartet sie dort auf ihren in der Brautnacht am Hammerhorn umgekommenen Mann. Eine Verrückte auch sie, die in den höchsten Kolo-raturen trällert. Caroline Stein gibt sie als quasi ins Gebirge verirrte "Lucia", die wie Ariadne ihren roten Faden durchs Bühnengeschehen zieht. Mittenhofer wickelt ihre blutige Wolle zum Knäuel auf. Er verspricht sich von ihren visionären Gesichten Inspiration. Als der vom Glet-scher freigegebene Leichnam ihres Geliebten gefunden wird, zieht Frau Mack in die Stadt und auch Mittenhofer, seine Mäzenin und sein Jugenfreund Dr. Reisch-mann ziehen in die Stadt. Zumal der Dichter durch den Tod des jungen Liebespaares, Toni und Elisbeth, im Schnee-sturm endlich inspiriert wurde zu seiner Elegie für junge Liebende. In der Schlußszene, wenn Mittenhofer sein Meistergedicht vor rotem Vorhang vor erlesenem Publikum einer fiktiven Bühne vorlesen will, treten noch einmal alle die zum Entstehen beitrugen, mit dem Rücken zum realen Publikum vor den Vorhang des Theaters auf dem Theater und verbeugen sich. Sie sind die Helden, nicht der amoralische Dichter. Christian Pade hat sich von seinem Ausstatter Alexander Lintl eine sehr abstrakte, fast expressionistische Bühne ohne Alpenpanorama und Berghotel-Idylle bauen lassen. Statt alpinem Realismus gibt es helle Stufen und Designermöbel, ein nur grob skizzierter Bergumriß ist hinter einer schneckenförmig nach oben gewundenen Drehbühne zu sehen. An der Rampe ein kristallines Matterhorn im Wohnzimmerformat. Neonröhren, Stahlgeländer und gnaden-lose Helligkeit vertreiben jede Art von Nostalgie. Die stilsicheren Kostüme der George-Zeit kontrastieren wirkungsvoll. Eine einsichtige Szenen-Konzeption. Die Personenführung ist konsequent und handwerklich einwandfrei. Man versteht die Botschaft der Regie. Allein es fehlt wohl manchem der Glaube an das Stück. Zumal die Zeit der Aufführung lang wird, der Text zuweilen banal und allzu pathetisch altväterisch daherkommt. Auch über Wert und Originalität der Musik Henzes läßt sich durchaus streiten. Unstrittig ist allerdings die Leistung des jungen Dirigenten Philippe Jordan. Er tut alles, die subtilen Qualitäten der Henzeschen Musik zu entfalten. Wohl kaum könnte man die Oper in ihrer opulenten Klanglichkeit, komplexen Struktur und reichen, ja exotischen Instrumentierung besser hören als in der von Philippe Jordan geleiteten Berliner Aufführung. Wohl vor allem deshalb wurden die Pre-miere und der anwesende inzwischen hochbetagte Komponist auch mit viel Jubel und Beifall gefeiert.
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