Dieter David Scholz

Kritiken


MDR-Figaro, Frühkritik 8.5.2006:

Tristan und Isolde (R. Wagner)

Anhaltisches Theater Dessau
Premiere am 7.5.26

 

R. Gehlhoff: Das Anhaltische Theater – seit der Jahrhundertwende ein Ort der „Wagner-pflege“ hatte mehr als ein halbes Jahrhundert keinen „Tristan“ mehr im Repertoire. Nun war es soweit. Gestern hatte eine Tristan-Neuproduktion  Premiere. Die Erwartungen waren groß, denn das Theater warb wortreich damit, einen unverfälschten „Tristan“ jenseits modischen Regietheaters zu zeigen. Mein Kollege, der Musikkritiker Dieter David Scholz war gestern abend in der Premiere. Herr Scholz, war das denn wirklich so ein „natur-belassener“  „Tristan“, den man in Dessau sehen konnte?

D.D.Scholz: Na ja, man muß sich natürlich fragen. Was soll denn das eigentlich sein? Es gibt die Tristan-Partitur, und sobald man sie auf der Bühne umsetzt, interpretiert man sie. Es kann dann nicht mehr die Rede sein von einem unverfälschten oder naturbelassenen Tristan. Im üb-rigen war Richard Wagner selbst der eifrigste Befürworter von Neudeutungen, von immer neuen und anderen Auseinandersetzungen mit Stücken aus dem Geist der Gegenwart. „Kin-der macht neues! Und abermals neues, sonst holt Euch der Teufel der Unproduktivität! Hat er Franz Liszt einmal geschrieben, und das bezog sich auf eben diesen Punkt. Also von einem authentischen Tristan zu sprechen ist eigentlich Unsinn. Und selbst wer die Münchner Urauf-führungs-Dekorationen des Tristan eins zu eins kopieren wollte, würde ja  alles andere als einen authentischen Tristan zustande bringen.

Was Johannes Felsenstein in Dessau zeigt, ist natürlich – wie man es von ihm auch nicht an-ders erwartete - ein Gegen-Tristan zu all den aktualisierenden Intepretationen mit Blümchen-tapeten und Kühlschrank auf der Bühne, die man landauf, landab sehen kann. Aber was dabei herauskam, war dann doch – im Gegensatz zu mancher unbestreitbaren Großtat des sogenannten modernen Regietheaters, mit Verlaub gesagt, eine eher dürftige, ganz konven-tionell geführte, wenig anregende und wenig über das Stück und dessen hochinteressante Konflikte mitteilende Aufführung  auf allerdings ungewohnter Bühne.

 Man hat über dem Orchestergraben eine drehbare und kippbare Aktions-Plattform gebaut, dahinter wurde das Orchester postiert. Die Sänger agierten also vor dem Orchester. Hinter dem Orchester wurden Meereslandschaften oder plätschernde Wellen projiziert, und die in den Zuschauerraum ragenden Plattform  war im ersten Akt nichts weiter als ein schaukelndes Schiffsdeck, im zweiten Akt hat Stefan Rieckhoff  so eine Art Mini-Stonehendge darauf auf-gebaut, also so einen keltischen Kreis von Kultsteinen und im dritten Akt eine Art Hünengrab, auf dem Tristan das Zeitliche segnet.  Seine Kostüme waren durchweg scheußlich und zum Teil geradezu absurd.  Die Dekoration zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass sie ständig in Bewegung war, immer wieder drehte sich alles, oder wippte hin und her. Ich denke, die Sänger mussten vor allem aufpassen, dass sie nicht seekrank wurden dabei.  Das ist alles ganz hübsch anzuschauen, aber die brisante Botschaft des Stücks, das Radikale und Gesell-schaftssprengende des Tristan fand in dieser betont irisch-landschaftsnahen Lesart mit zum Teil grotesken wie hilflosen Regieeinfällen, eigentlich kaum statt.

R.Gehlhoff: Sie haben gesagt, dass das Orchester hinter der Bühne platziert war, nicht im Orchestergraben. Das ist sehr ungewöhnlich. War das denn klanglich zufriedenstellend?

D.D.Scholz: Nur im Rang. Im Parkett war die Veranstaltung klanglich doch eher vom Winde verweht. Ich habe mich - zugegeben – mehrfach umgesetzt. Es ist im Grunde ein unzu-mutbarer, ja  absurder Einfall  von Johannes Felsenstein gewesen, ausgerechnet im Tristan das Orchester so weit wie möglich vom Zuhörer zu entfernen und hinter die Szene zu ver-bannen, denn das Orchester spielt ja im Tristan mehr als vielleicht  in jeder anderen Oper,  als in jedem anderen Musikdrama eine ganz besondere Rolle. Es ist selbst Akteur, ist Handlung, so nennt Wagner das Stück ja auch, eine Handlung, und nicht eine Oper. Das meint innere Handlung in Musik! Die Musik ist zentral in dieser Handlung. Das hat – im Gegensatz zum Regisseur  - der Generalmusikdirektor des Hauses, Golo Berg sehr wohl begriffen. Leider konnte er offenbar den Intendanten des Hauses nicht von seinem absurden Vorhaben abbringen. Intendant ist nun mal Intendant. Das ist um so bedauerlicher, als Golo Berg mit diesem Tristan musikalisch eine sehr, sehr beeindruckende Leistung vollbrachte. Seine kon-tinuierliche Arbeit mit dem Dessauer Orchester hat sich gestern abend bestens ausgezahlt. Man darf das Haus nur beglückwünschen, dass er seinen Vertrag verlängert hat. Die An-haltische Philharmonie Dessau war so gut wie nie! Das war ein überwältigendes Tristan-Dirigat und eine überwältigende Orchesterleistung.  Schade, dass man das nur  eingeschränkt – und überhaupt nur im Rang wahrnehmen und würdigen konnte.

 

R. Gehlhoff: Wagners „Tristan“ ist für jedes Theater eine gewaltige Herausorderung. Sowohl was die Anforderungen an das Orchester angeht, als auch die sängerische Besetzung. Konnte man in Dessau  denn ein glaubwürdiges „Tristan“-Ensemble präsentieren?

D.D.Scholz: Man konnte! Es war insgesamt eine für ein solches Haus überraschend geglückte Besetzung! Eine überzeugende Besetzung, wie man sie selbst an renommierten Opernhäusern nicht oft hören kann. Vor allem die imposante, als Frau so schöne, wie stimmlich große  Isolde der Iordanka Derilova, die man zuletzt noch als Donna Elvira im Don Giovanni hörte, war die größte Überraschung des Abends. Eine  in jedem Ton vor Leidenschaft und Betroffenheit glühende, sensible Isolde.

Neben ihr hatte es Sergey Nayda als kolossaler Felsklotz von Tristan schwer, denn er setzte doch vor allem  auf undifferenziertes Heldentenor-Geprotze. Sehr schade! Immerhin stand er den langen Abend stimmlich erstaunlich gut durch. Das ist schon etwas. Der polnische Bassist Marek Woiciechowski war dagegen schwarz-samtiger Wohlklang, ein perfekter König Marke, von dem man jedes Wort verstand. Auch die Brangäne von Alexandra Petersamer war erstklassig. Man kann das nicht anders sagen. Und das das gilt auch für den Kurwenal von Ulf Paulsen, ein prächtiger Heldenbariton. Auch die kleinen Partien waren bestens besetzt. Dieser Dessauer Tristan ist musikalisch ein Glücksfall und ein ganz großer Abend.

 

R. Gehlhoff:  Hat denn das Dessauer Publikum diese musikalische Leistung zu würdigen gewusst?

D.D.Scholz: Ja, ohne Frage. Der Jubel war groß und lang anhaltend. Die Sänger wurden gefeiert. Und ich glaube, die Dessauer wissen, was sie an ihrem Generalmusikdirektor Golo Berg und ihrer Anhaltischen Philharmonie haben. Und sie können stolz darauf sein.