Dieter David Scholz

Kritiken 


Jacques Offenbachs "Die Rheinnixen"

Die eigentliche musikalische Wiederentdeckung  
in Cottbus 

Als Offenbachs „Rheinnixen“ 2002 im südfranzösischen  Montpellier konzertant wiederent-deckt wurden, glich das einer Sensation, die vom Publikum heftig gefeiert wurde.  Nicht min-der aufsehenerregend war die szenische Erstaufführung – 141 Jahre nach der Uraufführung 2005 am Opernhaus der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. 

Jacques Offenbachs Oper "Les Fées du Rhin", deren deutscher Titel etwas irreführend "Die Rheinnixen" heißt, wurde für die Wiener Hofoper komponiert und wurde der „Tristan“-Ur-aufführung vorgezogen. Diese „Rheinnixen“ sind mitnichten ein harmloses Stück. Alfred von Wolzogen und Charles Nuitters zeigen Feen, die das Chaos einer von Kriegen, will sagen Kriegern zerstörten Welt auf die Spitze treiben, um den Wahn der Menschen zu lösen. Die Oper spielt mitten in Kriegszeiten deutscher Kleinstaaten, Provinzen und Fürstentümer. Die Hauptpersonen sind allesamt traumatisiert: Ein Hauptmann, Franz mit Namen, der seit einer Kriegsverletzung an Gedächtnisverlust leidet, seine von ihm verlassene  Jugendliebe Armgard und deren Mutter Hedwig, die von einem Hauptmann geschwängert und verlassen wurde. Gottfried, ein Jäger treibt aus Rache für verübte Kriegsgreuel die Soldaten zum Elfenstein, wo die Landsknechte dem Zauber der todbringenden Feengesänge erliegen sollen. Alles kommt anders. Am Ende findet Franz sein Gedächtnis wieder, die aus Angst vor Schändung in Scheintod gefallene Armgard erwacht und der grausame Hauptmann Conrad schwört allem Kriegshandwerk ab. Der im französischen Exil lebenden Offenbach hat in dieser pazifistischen Oper Armgard, die weibliche Hauptpartie, zur utopischen Symbolfigur deutscher Einigungs-sehnsüchte gemacht. Ihr Deutschlandlied, das Offenbach schon 1848 komponiert hatte, wird wie die Feen-Barcarole zum Leitmotiv dieser romantischen Oper, mit der sich Offen-bach in Zeiten der Kriegsbegeisterung zwischen alle Stühle setzte. Die Oper angemessen zu insze-nieren, ist kein leichtes Unterfangen. Manfred Schweigkofler, Intendant des Stadt-theaters Bozen, hat das Stück in Ljubljana lediglich musicalhaft an der Oberfläche gezeigt. In Trier, dem einzigen deutschen Theater, das sich bisher an „Die Rheinnixen“ heranwagte, tappte Regissseur Bruno Berger-Gorski denn auch in alle Fallen des Stücks und zeigte die „Rheinnixen“ als aktualisiertes Kriegsstück mit blutigen Vergewaltigungsszenen, die beim Publikum  weitgehend Empörung auslösten.

(Tilmann Rönnebeck, Anna Sommerfeld, Andreas Jäpel )

Regisseur Martin Schüler, Intendant des Staatstheaters Cottbus, hat vielleicht gut daran getan, in seinem Haus nur eine semiszenische Produktion zu zeigen. Vor einem Prospekt mit roman-tischer Burgruine ließ er das Orchester auf der Hauptbühne spielen. Davor sangen Solisten (in Abendkostümen und Frack) und der teilweise phantastisch kostümierte Chor auf Podesten an der Rampe, was der Wortverständlichkeit sehr zugute kam.  Bei allen Vorbehalten gegenüber halbszenischen Aufführungen: so mitreißend hat man die Oper weder in Ljubljana, noch in Trier erlebt. Martin Schüler hat die Oper durch diskrete Arrangements der Auftretenden und stimungsvolle Beleuchtung zu ihrem musikalischen Recht kommen lassen.  GMD Reinhard Petersen hat die Musik der langen vieraktigen Oper (leicht gekürzt) mit ihren kraftvollen Soldatenchören, Trinkliedern, Liebesarien, Balladen und Romanzen in ihren intelligenten Stilbrüchen adäquat erfasst und ihr frech und fröhlich, romantisch wie ironisch ihren originellen Platz zwischen Großer Oper und Opéra Bouffe, zwischen Wagner und Meyerbeer zugestanden. Er hat diese originelle Musik mit ihren  witzigen Anspielungen und Parodien auf Werke des französischen, deutschen und italienischen Repertoires in zügigen Tempi punkt-genau realisiert. Das Philharmonische Orchester Cottbus stand ihm mit Präzision und Klang-fülle zu Gebote. Es war eine Freude, Offenbachs zu Unrecht vergessenes Meisterwerk so vital, so analytisch zugespitzt, attackierend, verführerisch und augenzwinkernd zu hören. Auch die Sängerbesetzung  war überraschend. Jens Klaus Wilde sang den kriegsversehrten Franz mit frappierender tenoraler Italianità fast wie eine Puccini-Partie.  Andreas Jäpel verlieh der fiesen Type Conrad  mit seinem zwar kleinstimmigen, aber deklamatorisch vorbildlichen Bariton fast edles  Format. Tilmann Rönnebecks Gutmensch Gottfried verband profundes Bassprofil mit kluger darstellerischer Kauzigkeit. Carola Fischers Hedwig litt allerdings unter kaum mehr zu tolerierenden stimmlichen Abnutzungserscheinungen, was angesichts der übrigen, mehr als respektablen Gesangsleistungen bedauerlich war. Das Glanzlicht der Aufführung war die Sopranistin Anna Sommerfeld, die die Partie der Armgard mit strahlender, intakter, gut fokussierter Stimme, mit warmem Timbre und schöner Kantabilität ausstattete: eine Idealbesetzung!  

(Jens Klaus Wilde, Anna Sommerfeld)

Auch der Opernchor des Staatstheaters Cottbus und die Herren des  Ernst-Senff-Chores Berlin waren vorzüglich. Alles in allem eine hervorragende Aufführung. Sie darf als die eigentliche musikalische Wiederentdeckung des Stücks gelten. Die szenische lässt noch auf sich warten. Es ist beschämend, dass sich noch keines der großen Theater für diese so interessante wie anrührende Oper interessierte.

 

Offenbach: Die Rheinnixen.

Premiere am 27.05.2006.
Musikalische Leitung: Reinhard Petersen, Inszenierung: Martin Schüler, Ausstattung: Gundula Martin, Chor: Christian Möbius. Solisten: Jens Klaus Wilde (Franz Waldung), Andreas Jäpel (Conrad von Wenckheim), Tilmann Rönnebeck (Gottfried), Carola Fischer (Hedwig), Anna Sommerfeld (Armgard), Gesine Forberger (Eine Fee), Dirk Kleinke (Ein Bauer), Matthias Bleidorn (Ein Landsknecht). Opernchor des Staatstheaters Cottbus & Ernst-Senff-Chor Berlin.