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Dieter David Scholz

Kritiken 


Berlin

Unter der Autobahn

Sizilien als theatralische Illusion & Destruktion 

David Pountneys Inszenierung von Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ und Leoncavallos „Pagliacci“ an der Deutschen Oper Berlin

Premiere: 23. April 2005

 

Der Vorhang geht auf. Ein Highway auf Betonstelzen durchschneidet die Bühne von links nach rechts. Dahinter sizilianisches Bergland, schneebedeckt unter magisch leuchtendem, viele Naturstimmungen nachahmendem, naturalistischem Wolkenhimmel. Die  Auffahrt zum Highway führt geradewegs bis an die Rampe. Daneben, unter der Autobahntrasse die armselige Imbißbude Mama Lucias. Schäbige Sitzmöbel davor. Alles ist schäbig, billig, kitschig bis ins kleinste Detail. Sizilien heute. Eine Momentaufnahme an einem der ärmsten, in seiner Naturidylle am ärgsten zerstörten Ort. Ein Triumph des Illusionstheaters, der perfekten Nach­ahmung der Realität auf der Opernbühne. David Pountney gelingt, zwar ohne tiefere gedankliche Auseinandersetzung und psychologische Personenführung, ein treffendes einaktiges Abbild sizilianischen Lebens im Proletariermilieu. So ist das Leben einfacher Leute in Sizilien nun mal, mit seinen einfachen Wahrheiten und grausamen Ritualen, in denen Stolz und Ehrbegriff, naive Frömmigkeit und rücksichtslos brutale Emotionen vorherrschen. Die Osterprozession in ihrer knallbunten wie und archaischen Primitivität, mit Elektrokerzen, Madonnen- und Heilandsabbildern, die von den Männern des Dorfes unter Baldachinen zur Kirche getragen werden, gibt es tatsächlich. Alljährlich aufs Neue, ob in Enna oder in Trapani, in Calatafami oder Caltanisetta. David Pountney kennt sein Sizilien gut. Deshalb wird sein Konzept einer naturalistischen "Sizilien von heute"-Darstellung auf der Opernbühne der im Grunde schlichten Handlung des Einakters nur zu gerecht. Die von Turridu verlassene Santuzza wirft dem einstigen Geliebten geradezu hündisch  an den Hals. Umsonst: Sie hat keine Chance mehr, ihn zurückzugewinnen. Alfios Frau Lola hat ihn ihr weggenommen. Santuzza erzählt es dem "ehrenhaften" Alfio. Der tötet Turridu und wirft die blutüberströmte Leiche à la Mafia von der Autobahntrasse herab geradewegs vor die Imißbude Mama Lucias.  Basta cosi! Große Leidenschaften, herzzerreißende Gesten und Gänge à l´italienne wirken so echt wie die dem wahren Alltagsleben einfacher Sizilianer abgeschaute Kleidung in ihrer Ge­meinheit  und Geschmacklosigkeit. Die auf allen großen Bühnen derzeit gefeierte Georgina Lukács mit ihrer imposanten „Röhre“, ihreru uneleganten Erscheinung mit der Neigung zum  Ordinären gibt sich im billigen Kittel, langhaarig bis zum Po und überschminkt.  

Vielleicht deshalb wirkt sie so authentisch wie eine Vollblutsizilianerin, ganz und nur blinde Leidenschaft und unbeherrschtes Gefühl. Sie singt ihr "Voi lo sapete" allerdings mit grpßer, hinreißender Stimme. Auch Peter Seiffert, der sich ungebremst in die Partie des Turiddu wirft, mit Mut zur äußerlichen Häßlichkeit und schauspielerischer Schonungslosigkeit, demonstriert große Belcantostimme à la tedesca. Man denkt an Björling. Einen solchen Turridu hätte man Seiffert gar nicht zugetraut! Die Aufführung ist ein Triumph für ihn, und was für ein Glück, das seine Partie vor der Pause endet. Im Gegensatz zum schwergewichtigen, vor allem auf Phonstärke setzenden Alberto Mastromarino, der seinen Heldenbarioton schon als Alfio durch gnadenloses Forcieren derart überforderte, daß ihm seine Stimme ausgerechnet beim  exponiertesten Spitzenton den Dienst versagte. Danach hatte er auch noch den Tonio zu singen im zweiten Teil der Aufführung, die zum ausgebuhte Desaster für alle   Mitwirkenden wurde. Und dabei kamen Viele wohl nur, um José Cura als Canio zu sehen und zu hören. Pech hat er gehabt, der einst so schöne Argentinier. Er mußte die Buhsalven für Pountney mittragen und sah sich wohl zu einem Gutteil um seinen Erfolg beim Berliner Opernpublikum betrogen.  

So einleiuchtend Pountneys Konzept in „Cavalleria rusticana“ aufging, was durch den orchestralen Orkan mit seinen erstaunlichen Klangsensationen, den Ion Marin (der gerüchteweise schon jetzt designierte neue GMD des Hauses) vom ersten bis zum letzten Takt entfachte, nur unterstützt wurde, so wenig überzeugend geriet es in den „Pagliacci“. Pountney wollte im Mascagnieinakter demonstrieren, wie perfekt modernes Illusionstheater mit seinen Maschinen und Apparaten  Lebenswirklichkeit imitieren kann. In Leoncavallos Zweiakter wollte er eben diese Illusionsmaschinerie von hinten zeigen: Seht her, das ist nichts als Theater. Aber auch auf dem Theater gibt es die selben Leidenschaften wie im wahren Leben (keine neue Einsicht)!. Und so beginnt denn der "Bajazzo" mit dem Ende der „Cavalleria“, und irgendwann zieht Mama Lucia – während des Zwischenspiels - ihre Imbißbude wie Helene Weigel als Mutter Courage über die Bühne, als Leichenwagen mit Heiligenbildchen und Turridu- bzw. Peter Seiffert-Photos zwischen Kerzen und Kreuzen. Unbeirrt  fahren dazu die Highwayteile auseinander, drehen sich ein ums andere Mal, zeigen dabei ihr Innenleben aus Stahlgerüst und Pappmachée, fahren wie wild über die Bühne, tanzen geradezu um die Darsteller. Die Beleuchterbrücken senken sich vom  Schnürboden herab. Was es nicht alles gibt an Technik gibt auf so einer modernen Opernbühne! Doch die  Virtuosität der Vorführung von Theatertechnik wird zum Selbstzweck, die Maschinenaktionen wirken willkürlich und ermüden. Sie erzählen nichts, verdeutlichen nichts, bewirken nichts.  Da retten auch die zu temperamentvoll aufmarschierenden und winkenden Chöre nichts. Und auch Canios Auftritt im schnaubenden Oldtimer ist ein verpuffender Effekt. Liebe, Eifersucht und Mordbereitschaft, die elementaren Leidenschaften dieser beiden traditionell verschwi­sterten Opern, die im ersten Teil so glaubhaft waren, wirken im zweiten nur hohl und aufgesetzt im Karussell der Gerätschaften. Schade, denn selbst die betörend schön singende Nuccia Focile als Nedda kann sich gegen das Bleigewicht der sinnlos technikverliebten  Show-Regie ebensowenig wehren wie der vom Publikum sehnsüchtig erwartete José Cura, der denn auch sichtlich unzufrieden und frustriert wirkte an diesem Abend.

Vielleicht blieb er auch deshalb unter den stimmlichen und darstellerischen Erwartungen seiner Fans. Ein allzu baritonaler Canio ohne eigentlichen Tenorglanz und ledig aller erotischen Aura, ein schmieriger Mafiaboß  ohne jede Pagliacco-Attitüde. Der eigentliche Gewinner des Abends heißt Peter Seiffert. Der eindeutige Verlierer David Pountney. Das Premierenpublikum machte aus seiner Ablehnung dieser sicher sehr teuren, aber sicherlich von vielen zahlenden Zuschauern als sinnlos angeprangerten Inszenierung keinen Hehl. Das Buhkonzert war enorm!