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Dieter David Scholz
Kritiken Frühkritik in „Figaro“ (MDR-Kultur): Carmen, Oper in drei Akten, Musik von Georges Bizet. Text von Henri Meilhac u. Ludovic Halévy, nach d. Novelle von Prosper Mérimée. Deutsche Übertragung/Fassung v. Walter Felsenstein. Premiere: 16.5.2003, Anhaltisches Theater DessauModerator: Bizets Carmen ist nach wie vor einer der Repertoire-Hits der Openbühnen, die über einen großen Mezzosopran verfügen und einen heldenhaften Tenor. Dennoch sind die meisten Carmen-Inszenierungen eher langweilig und „operettenspanisch“. Wie war „Carmen“ in Dessau, wo die Oper gestern abend Premiere hatte? Scholz: Sie war alles andere als langweilig! Im Gegenteil, es war eine aufregend intensive, spannende und hochinteressante „Carmen“, die Johannes Felsenstein inszeniert hatte. Nun hat er das Glück, eine Fassung zur Verfügung zu haben und ein Inszenierungsmodell, das sein Vater, Walter Felsenstein, über Jahrzehnte entwickelt und perfektioniert hat. Es ist auch eine fabelhafte Übersetzung und eine sehr schlüssige, dramaturgisch zwingende Spielfasung, in der man das Stück einfach mal wirklich versteht. Es ist schwer zu sagen, was in seiner Inszenierung vom Pappa Felsenstein stammt, was vom Sohn, ich finde, das tut auch nicht so viel zur Sache. Es gibt auch einige unverhohlene Anleihen bei Peter Brook und seiner legendären Inszenierung. Aber sei´s drum. Johannes Felsenstein ist es jedenfalls gelungen, ein bewegendes menschliches Drama auf die Bühne zu bringen, das in seiner ungekünstelten Schlichtheit archaische Dimensionen hat. Es geht um Leben und Tod in diesem grausamen Spiel um Eros und Thanatos. Und dieser Tod ist in Gestalt einer schwarz verschleierten alten Frau auch auf der Bühne anwesend. Sie läßt Sand zwischen ihren Fingern verrinnen, so wie die Lebensuhr von Carmen und Don José vom ersten Takt der Ouvertüre an erbarmungslos abläuft. Johannes Felsenstein zeigt die Tragödie der Zigarettenfabrikarbeiterin Carmen und des Serganten Don José in seiner auf zweieinviertel Stunden zusammengestrichenen, pausenlosen Fassung auf einer mit Sand ausgestreuten, Wieland-Wagnerschen „Mysterienscheibe“, die sich aus dem Hintergrund der tiefen Bühne zwischen Fabriktor und Kasernenwänden nach vorne schiebt. Man assoziiert unfreiwillig Zirkusatmosphäre. Es sind immer wieder wunderbar funktionierende bühnentechnische Verwandlungen mit magisch ausgeleuchteten Lichtstimmungen, in denen Felsenstein die schwitzenden Leiber seiner ganz unheldenhaften Protagonisten ihr sysiphoshaft grausames, absurdes Liebesspiel vollziehen läßt. Felsenstein spart nicht mit Erotik, ohne allerdings je banal oder peinlich zu werden.. Es ist eine unspektakuläre, echt wirkende Erotik, die er den Figuren abverlangt. In den klugen, sich ständig bewegenden Bühnenbildern und in den sehr stimmigen Kostümen von Stefan Rieckhoff, der das Stück in ein ärmliches Franco-Spanien verlegt, fehlt der Inszenierung alles hispanophil Verlogene, das man so oft sieht in Carmen-Inszenierungen landauf, landab. Es ist ein realistischer Film, der, sehr gut getimt übrigens, abläuft vor dem Zuschauer, mit unglaublicher Spannung, mit verblüffend einleuchtenden Details der Personenführung und intelligenter szenischer Kommentierung der Musik. Der aberwitzige Messerzweikampf zwischen Escamillo und Don José, Don Josés zeremenonienhafte Ent- und Einkleidung als Torero vor kerzenbeleuchtetem Madonennaltar, die Kopulationsszene in Lillas Pastias schäbiger Keipe, der gespielte Stierkampf zwischen Carmen und Escamillo, die Todesszene vor heranfahrender, monumentaler Stierkampfarena, in der das hüteschwenkende Stierkampf-Publikum durch das Eingangstor sichtbar wird, und die wie ein Stier sterbende Carmen in gleissendem Gegenlicht auf der Stierkampfbühne, das sind suggestive Theaterbilder, die man so schnell nicht vergißt und derentwegen allein die Aufführung schon unbedingt sehenswert ist. Moderator: Ist die Aufführung denn auch hörenswert? Scholz: Unbedingt! Golo Berg zieht den völlig überrumpelten Zuschauer, noch ehe er sich im ausgehenden Zuschauerraumlicht sammeln kann, schon mit einer ungemein feurig dirigierten Ouvertüre in den Sog des knapp zweistündigen, pausenlos ablaufenden Dramas hinein. Er dirigiert um Leben oder Tod, sein Dirigat ist bezwingend in seiner Präzision, Leidenschaft und Dramatik. Er leuchtet die Musik Bizets in dieser Fassung, die ja auch Musik aus der Urfassung von Bizets Carmen verwendet, in all ihren subtilen Schattierungen und Details aus. Er versteht es, die poetischen Passagen, die bezaubernd lyrischen Episoden der Carmen-Musik fein auszumalen. Aber er läßt es auch nicht an feurigem Temperament der aufko-chenden Momente fehlen . Golo Berg beherzigt Walter Felsensteins Ausspruch, daß „Forte“ stark, und nicht laut meint. Er ist ein Ästhet unter den Dirigenten seiner Generation und ein Anwalt des Feinen. Deshalb hat seine Carmen auch nichts Aufgedonnertes, Zirkushaftes oder Banales, auch wenn die zentralen Szenen der Inszenierung in einer Art Zirkusarena spielen.. Golo Berg hat sich übrigens auch für zwei Sänger stark gemacht, die nun wirklich dieser Inszenierung voll und ganz entsprechen. Vor allem Jörg Brückner als Don José ist eine Sensation. Er singt den verliebten Serganten nicht als tenoralen Kraftmeier und Heldenprotz, sondern singt ihn als das, was er ist, einen empfindsamen "Looser". Es ist optisch ein Don José im Leonardo di Caprio-Format, stimmlich wagt er lyrische Delikatessen eines Tagliavini oder eines jungen Nicolai Gedda. Und in dieser sängerischen Lesart gewinnt die Figur enorm an Glaubwürdigkeit, zumal Jörg Brückner auch ein an die Grenzen gehender Schauspieler ist. Was sich auch von Jennifer Arnolds Carmen sagen läßt: eine spinnenhafte, große, schlanke Frau, die wie ein antiker Dämon, im Frauenkörper einer Feuerbachsche Iphigenie, die Männer ins Unheil zieht. Sie ist keine Bilderbuchspanierin, aber sie ist eine grandiose Carmen, stimmlich auch eher der feineren, subtileren Art. Auch sie setzt nicht auf stimmliche Kraftmaierei, auch sie erfüllt erfreulicherweise keine Erwartung an ein Carmen-Klischee. Und doch nimmt man ihr die Carmen ab. Mehr noch: man ist erschütttert von ihrer Carmen, wie von der ganzen Inszenierung. Eine Inszenierung, die man gesehen und gehört haben muß!
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