Dieter David Scholz

Kritiken 


Premierenbericht für SWR 2, Aktuelle Kultur, Journal am 6.12.04:

Carmen als Bühnenweihfestspiel

Georges Bizet - Opéra comique in vier Akten
Neuinszenierung an der Staatsoper Unter den Linden, Berlin
I: Martin Kušej. ML: Daniel Barenboim  Premiere, Samstag, 4.12.2004

 

Kein Spanien, kein Sevilla, keine Folklore, keine Zigeunerinnen, nichts von all den altbe-kannten Assoziationen und Carmen-Klischees ist in Martin Kušejs Inszenierung zu sehen. Und gerade deshalb ist sie eine der interessantesten Lesarten des Stücks seit langem. Kusej,  Schauspielchef bei den Salzburger Festspielen und einer der gegenwärtig gefragtesten, wenn auch künstlerisch umstrittensten Regisseure auf dem Musiktheater, hat das Stück eher gen Süden verlegt, ins Maurische, nach Nordafrika, es spielt alle vier Akte hindurch im Wüstensand, man hört den Wind pfeifen, gelegentlich sogar Kamele schreien, die Bühne ist knöchelhoch mit Sand bedeckt. Reinhard Traub hat Licht­stimmungen gezaubert, die die Glut der Hitze des Südens geradezu fühlbar machen. In einem steinernen Bühnenrahmen ragt ein auf der Spitze stehendes Quadrat, wie eine riesige Steinplatte leicht gekippt aus dem Sand. Auf ihr findet schon während der Ouvertüre die Erschießung Don Josés statt, die sich am Ende der Oper wiederholt. Dieser szenische Rahmen entspricht ganz dem erzählerischen von Prosper Mérimées Carmen-Novelle, auf die sich Martin Kušej mit seiner Inszenierung denn auch Ausdrücklich bezieht. Nicht zuletzt deshalb wählte er auch die lange, mit französischen Dialogen durchsetzte Opéra-comique-Fassung. Don José ist für ihn - wie für Mérimée - ein mehrfacher Mörder, der auf seine Hinrichtung wartend die Geschichte von Carmen quasi aus der Erinnerung erzählt. Der Zuschauer erlebt das als szenische Rückblende.

Rolando Villazón verfügt über Stimme, Statur und glaubwürdiges Darstellungsvermögen,  die-sen aus Leidenschaft und totaler Hingabe zum Amoralisten, Gesetzesbrecher und Mörder  werdenden menschlichen Looser zu verkörpern. Sein Widerpart Carmen, eine Domina in schwarzem Leder, mit langen, rotblonden Haaren, eine langbeinige Schönheit, ist stimmlich zwar eher eine Erda, doch Marina Domashenko, als Carmen mit schwerem Mezzosopran von New York bis Verona im Einsatz, ist gerade in ihrer kalten, alle Zigeunerinnen-Attitüde verweigernden Vamphaftigkeit eine Idealbesetzung, jedenfalls in dieser Konzeption.

Die Liebe ist ein "rebellischer Vogel", der sich nicht einfangen und in einen Käfig sperren läßt, singt Carmen in ihrer Habanera. Warum man in den eingeblendeten Übertiteln liest, die Liebe sei ein "Zigeunerkind", das nie ein Gesetz kennengelernt habe, gehört zu den fragwürdigen, ja absurden Momenten dieser Produktion, die natürlich - wie immer bei  Kušej - einige sehr befremdliche Taten des Regietheaters nicht vermeidet. Warum beispielsweise müssen im zweiten Akt, der in Lillas Pastias Kneipe spielt, bei Kušej ist es ein Wasserspeicher unterm nächtlichen Wüstenhimmel, warum müssen dort alle in voller Kleidung in einem Plansch-becken herumstaksen und sich balgen? Auch fragt man sich, ob es nicht zu weit geht, die Zigarettenfabrikarbeiterinnen in nichts als Strapsen, Slips und BHs wie Prostituierte in einem billigen Puff auftreten zu lassen, der sich übrigens unter der  Erschießungs-Plattform befindet,  und sichtbar wird, wenn sie sich dreht und als auf dem Kopf stehender, im Sand versunkener prachtvoller Ballsaal mit Säulen, Freitreppe und pompejanisch roter Wandbespannung zu erkenn gibt. Von faszinierender Bildkraft und bühnentechnisch ebenso beeindruckend ist auch ein komplettes Kirchenschiff auf der Drehbühne, das den dritten Akt dominiert. Christliche Totenfeiern bei Kerzenlicht und blasphemische Szenen wechseln sich darin ab. Ein geradezu gespenstischer Auftrittsport für Micaëla, deren Partie Kušej aufwertet zu einer mutigen, ja kämpferischen Figur. Und die Röschmann singt sie wunderbar.

Der vierte Akt spielt bei Kušej vor nahezu leerer Bühne. Nichts als Sand und flirrendes Hitze-Licht. Menschenmassen rennen wie angestochenes Schlachtvieh durcheinander, von Stierkampfarena nichts zu sehen. Ein einziges Mal schreiten 4 Matadores in spanischen Kostümen gleichmütig über die Bühne. Beim Vivatchor zu Ehren des Sieges Escamillos, den Hanno Müller-Brachmann stimmlich überfordert zum Besten gibt, wird die blutüberströmte Leiche des Nebenbuhlers Don Josés vorbeigetragen. Er ist bei Kušej ohnehin der Meister des Todes, der mit dem Tod spielt. Auch Daniel Barenboim dirigiert Carmen als Totenfeier, mit langsamen Tempi, er buchstabiert die Musik, pathetisch, schwermütig, bleischwer und immer wieder mit  ohrenbetäubender Plakativität. Keine aus dem Geist der französischen Operette geborene Mittelmeer-Musik. Ein Bühnenweihfestspiel des Todes. Nietzsche, der gerade die Leichtigkeit dieser Musik als Gegengift zu allem Wagnerischen pries, würde sich im Grabe herumdrehen. Von Bizet zu schweigen. Und doch korrespondiert diese extreme Lesart, mit Kušejs  Inszenierungsmotto: Spiel mir das Lied vom Tod.

Am Ende wird die Bühne dann doch noch zur  Stierkampfarena: Der Chor bildet einen Halbkreis und schaut dem stierkampfartigen Todesritual Don Joses und Carmens zu. Nachdem Don Joesé Carmen erstochen hat, wird er von einem Erschießungskommando exekutiert. Der Kreis schließt sich. Eine Inszenierung voll überwältigender Momente der Personenführung, in der Marina Domashenko und Rolando Villazón sich besonders im letzten Akt in sängerdarstellerischer Intensität gegenseitig überbieten. Wobei Rolando Villazón der eindeutige Sieger des Abends ist. Ein Don José, wie man ihn lange nicht hörte in einer streitbaren, befremdlichen, aber bezwingenden Aufführung.