Dieter David Scholz

Kritiken 


Langweilig verrätseltes "Opus metaphysicum"

 

Wagners Tristan und Isolde  bei den Festtagen 2007 der Berliner Staatsoper
ML: Daniel Barenboim, I: Stefan Bachmann, B: Herzog & Meuron, K: Annabelle Witt

Alljährlich bietet die Berliner Staatsoper in ihren Festtagen im Frühling Hochkarätiges. In diesem Jahr gibt es eine Neuproduktion von Richard Wagners Musikdrama „Tristan und Isolde“. Die Erwartungen waren groß, denn der Schweizer Schauspielregisseur Stefan Bachmann, der sich seit 5 Jahren auch der Oper zuwendet, führt Regie. Und für das Bühnenbild wurde das Schweizerische Star-Architekten-Du Jacques Herzog und Pierre de Meuron verpflichtet, das zum ersten Mal die Ausstattung einer Oper übernimmt.  

 

Der Philosoph Friedrich Nietzsche nannte den Tristan Wagners „opus metaphysicum“. Zurecht, denn der Tristan ist eher eine dialogische Erörterung des Phänomens „Liebe“ als eine aktionsreiche Oper. Wagner nannte das Stück wohlweislich denn auch Handlung. Es ist wenig äußere, dafür ums so mehr innere Handlung in Musik.  Schwer zu inszenieren! An der Berliner Staatsoper hat man nun die erst 6 Jahre alte Harry Kupfer-Inszenierung ersetzt durch eine neue des ehemaligen Basler Schauspielchefs Stefan Bachmann. Am meißten gespannt war man auf die Ausstattung des Basler Stararchitektenduos Herzog & de Meuron, beide Schüler von Aldo Rossi, einer der Architektenlegenden der Gegenwart. Die Erwartungen waren groß. Immerhin haben die beiden erfolg­reichen Architekten berühmte Bauten in aller  Welt entworfen, die in der Architekturszene wegen ihrer Originaliät und ästhetischen Faszination von sich reden machten. Etwa die Bonner Kunstkiste, ein spek­takuläres Schaulager in Münchenstein, das Basler Roche-Forschungszentrum, oder die Erweiterung der Londoner Tate-Gallery.  Um so enttäuschter  war man von der Tristan-Ausstattung von Herzog & Meuron: Da  ist nichts von Architektur, auch keine Dekoration, nur ein weißer Kanal, ein Gehsteg auf halber Bühnenhöhe als Guck­kastenbühne. In ihm drücken sich lediglich Konturen von Gegenständen durch eine weiße Gummimembran. Umrisse erscheinen und verschwinden in weiß. Eine – freundlich gesagt - metaphysische Installation zu Wagners metaphysicher Oper: Nur als Theaterdekoration langweilig.

Sängerisch bekam man mit Peter Seifferts und Katarina Dalaymans Rollendebüts als Tristan und Isolde in diesem neuen Berliner Tristan immerhin  – wenn auch streckenweise überanstrengt und schwer verständlich – sängerische First Class geboten. Auch visuell hatte die Aufführung durchaus ihre Meriten. Rein für sich betrachtet, zumal in der raffinierten Aus­leuchtung von Andreas Fuchs, die immer wieder halluzinatorische Momente bescherte.  Doch was man sah, war als Bühnenbild etwas wenig: Abrücke von Schiffstakelage im ersten Akt, Mauerwerk mit Stufen im zweiten und eine Andeutung einer Höhle im dritten Akt, und das in schwer begehbares Breitband-Schlauchformat gepresst. Das verhinderte geradezu Theater als begreifbare Aktion und bescherte stattdessen gähnende Langeweile, für die Stefan Bachmanns Andeutung von Inszenierung mitverantwortlich ist. Endloses Herumsitzen, Bühnenabschreiten in Zeitlupe, Rampengesinge und große Operngesten bei kaum erkenn-barer psychologischer Personenführung. Und anstatt dem Zuschauer das Stück zu erklären, hat Bachmann es gründlich verrätselt. Gottlob gab es zumindest einen zweifellosen sänge-rischen Höhepunkt: René Papes König Make.   

Auch wenn die von weit angereisten Premierenbesucher mit René Papes König Marke - einer der weltweit besten derzeit  - sängerisch auf ihre Kosten kamen: Die schwerfällige, dröge Inszenierung ist – mit Verlaub gesagt - ein Ärgernis. Von den uneinsichtigen Kostümen Annabelle Witts ganz zu schweigen, die Isolde wie ein Biedermeierpüppchen im weißen Brautkostüm und Tristan wie einen zum Platzen aufgeblasenen Offizier im weißen Anzug und Mantel zeigt, Brangäne (hervorragend Michelle De Young) dagegen wie eine Gouvernante der Zwanzigerjahre und die restlichen Männer wie langmähnige Fantasy-Gestalten. Zu allem Überfluß lässt der Regisseur auch noch zwei Tristane auftreten, einen dünnen und einen dicken, der Dünne darf am Ende sterben, der Dicke lümmelt den ganzen dritten Akt auf einer Andeutung von Bank herum und geht nach dem Liebestod mit Isolde  händchenhaltend von der Bühne. Das sollte Einer verstehen!  Das überwiegende Publikum entlud seinen Unmut über die Inszenierung mit kräftigen Buhsalven, die auch vor Daniel Barenboim nicht halt ma-chten, dessen hyperagiles, unter Überdruck stehendes Tristan-Dirigat den Schaden von Büh-nenbild und Regie nicht gutmachen konnte.