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Dieter David Scholz
Kritiken Festival d´Aix 2006 Vernetzung, Koproduktionen, Events etc.
& die Vom zweiten bis zum zweiundzwanzigsten Juli heißt es wieder: Vorhang auf in Aix-en-Pro-vence. Es ist das renommierteste Opernfestival Franreichs. Seit fast 60 Jahren wird in der provençalischen Stadt um Fuße des Mont St. Victoire, den Paul Cézanne, einer der Väter der modernen Malerei, künstlerisch verewigte, von ausgewählten Künstlern Oper darge-bo-ten. Aber nicht nur Oper. In diesem Jahr ging eine in Aix eine Intendanten-Ära zuende. Stéphane Lissner wurde Intendant der Mailänder Scala. Ein neuer Intendant des Festivals wurde gefunden: Bernard Foccroulle. Und das „Event“ der Saison: Zum ersten Mal sind die Berliner Philharmoniker zu Gast. Unter Leitung von Sir Simon Rattle wurde mit dem „Rhein-gold“ der Auftakt eines neuen „Rings“ geschmiedet, Stéphane Braunschweig führte Regie.
Er wurde als ein „Ring“ der Superlative angekündigt, der bei den diesjährigen Festspielen in Aix-en-Provence mit dem Rheingold begonnen wurde, in den kommenden drei Jahren vollendet und nicht nur in Aix, sondern auch bei den Salzburger Osterfestspielen gezeigt werden wird. Eigens dafür baut die Stadt Aix ein neues Theatergebäude, im kommenden Jahr wird es eröffnet werden. Eine Konkurrenz zu Bayreuth, zumindest für Eva Wagner-Pasquier, die Casting-Chefin in Aix. Für die vom Bayreuther Festspielchef Wolfgang Wagner versto-ßene, und als seine Nachfolgerin ausgetrickste Tochter verständlicherweise so etwas wie eine persönliche Genugtuung. Doch was man zu sehen und zu hören bekommt, ist alles andere als superlativisch! Natürlich: Die Berliner Philharmoniker spielen immer und überall auf höchstem Niveau, keine Frage. Aber Sir Simon, der britische Showmaker unter den Dirigenten, und Chef des traditionsreichen Orchesters hat sich mit diesem Rheingold, das er konzertant schon in der Berliner Philharmonie vorstellte, nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Feinziselierte, detailverliebte Passagen stehen neben knallig aufgedonnerten, hochglanzpolierten „schönen Stellen“. Dazwischen weitgehend Leerlauf. Rattle hat das Rheingold in seine Einzelteile zerlegt, buchstabiert, aber die Sprache Wagners ist ihm dabei offenbar nicht verständlich geworden. Nie hat man, weder bei Furtwängler und Knappertsbusch, noch bei Levine - ein derart langes wie langatmiges Rheingold gehört. Geschlagene zwei Stunden und fast 45 Minuten dauert es bei Rattle. Wenn man bedenkt, was Wagner selbst über die Aufführungs-praxis seines Rheingoldes sagte, ein Armutszeugnis: "Wenn diese Dirigenten nicht so lang-weilige Kerle wäre, müsste das Rheingold in zwei Stunden vorbei sein!" Auch Sängerisch war die Aufführung sehr durchwachsen. Viele Partien waren falsch besetzt. Robert Gambills Loge im glitzernden Transenfummel lässt es an Charakterschärfe und tenora-ler Kraft mangeln. Auch der viel zu leicht besetzte Alberich von Dale Duesing mit unüberhör-baren stimmlichen Problemen gerät nicht überein Flachreliefprofil der Rolle hinaus. Anna Lar-sons Erda tönt zwar wohl, ebenso Lilli Paasikivis Fricka. Doch beide Partien hat man anders-wo schon weit besser gehört. Und dass Mireille Delunsch die kleine Partie der Freia beinahe Brünnhildenhaft trompetet, befremdet angesichts der vielen lyrisch flachen Stimmdarbietungen dieser Aufführung. Immerhin: Williard Whites Wotan besitzt Autorität, Würde und vokale Noblesse, wenngleich ihm Charakter und intellektuelle Kompetenz der Partie abgehen: Stéphane Braunschweigs Regieleistung in diesem Rheingold ist, mit Verlaub gesagt, eine herbe Enttäuschung. Nun weiß, wer ihn kennt, dass Personenführung nicht seine Stärke ist, dass seien Inszenierungen meist statisch daherkommen und es an psychologisch glaub-würdiger Aktion mangeln lassen. Und so zeigt er im Rheingold, dem kürzesten und als runde Parabel sozusagen griffigsten Abend des monumentalen Vierteilers nichts weiter als einen geschlossenen Raum mit drei kahlen, hellen Wänden. Nur an der Rückwand gibt es ein kleines, aber weit oben angebrachtes, nahezu unerreichbares Fenster. Keine Tür, kein Aus-gang. Eine Art Gefängnis, in dem die Götter gefangen sind. Auf die drei Wände werden mal Unterwasserfluten, mal Wolken, mal züngelnde Flammen projiziert. So einfach darf es sein. Das Personal agiert weitgehend in Businessanzügen, auch die Riesen, die mit Aktenkoffern ankommen. Fricka im Hosenanzug. Freia wird mit Geldnoten bedeckt. Die Nibelungen sind Kanzleiangestellte mit Geldsäcken. Ein paar Hubpodien schieben Treppenstufen nach oben, darauf dürfen die Rheintöchter, Mädchen in weißen Nachthemden, ihr ungelenkes und völlig unglaubwürdiges Spiel mit dem geradezu lächerlich agierenden Alberich treiben. Am Ende wird aus den Hubpodien eine Treppe gestemmt, auf denen die Götter endspielhaft gegen die Wand laufen. Weder die Götterburg Walhall, noch Regenbogentreppe sind zu sehen. Allenfalls zu hören, letzere jedenfalls, mit Harfenglissandi, die man so üppig, man könnte auch sagen, so vordergründig nie hörte, was aber nur daran liegt, dass die sechs philharmonischen Harfen im Orchestergarben des Théatre de l´Archeveché, des Hoftheaters des Erzbischöf-lichen Palastes, keinen Platz finden, und deshalb neben dem Orchestergrabe in den Zuschau-erraum gestellt wurden. Das Festival d´Aix-en-Provence verbindet – ähnlich dem englischen Nobel-Festival in Glyndebourne – Tradition mit Innovation. Der neue Intendant Bernard Foccroulle, der Nachfolger Stéphane Lissners, der als Intendant an Mailands La Scala wechselte, betont denn auch: "Tradition ist für mich immer wichtig. Und es gibt eine Identität dieser Festspiele seit fats 60 Jahren, und in den letzten acht Jahren geprägt von Stéphane Lissner. Diese Tradition will ich erweitern, aber es kommt auch eine neue Identität, na ja... die Krea-tion ist für mich ganz wichtig, Kreation neuer Opern, aber auch ein kreativer Blich auf das Repertoire." Zu den Künstlern, man kann fast sagen, der ersten Stunde des Festivals in Aix gehört die Sängerin Anja Silja, die in diesem Jahr in einer Inszenierung von Klaus Michael Grüber und unter Leitung von Pierre Boulez in Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“ auftritt. "Aix-en Provence bedeutet vor allem Vergangenheit. Ich hab´ 1959 das erste Mal in Aix gesungen, in der großen Mozart-Zeit, die Königin der Nacht. Das habe ich bis heute noch sehr gut in Erinnerung, die Zeit der großen Mozartsänger, mit Teresa Berganza und Stich-Randall und Der-mota und Kunz. Die Erinnerung an Aix war immer da und dann kam nun Lissner hierher und er hat mich für Die Sache Makropoulos geholt. Und das wirklich sehr schön nach über vierzig Jahren wieder-zukommen. Und jetzt sind es ja fast fünfzig Jahre, daß ich hier zum ersten Mal ge-sungen habe."
Mozarts Zauberflöte in der Inszenierung des polnischen Regisseurs Christian Lupa, die schon bei den diesjährigen Wiener Festwochen herauskam, und schon dort durchfiel, war die zwei-te Premiere des Festivalauftakts in Aix. Das Mahler Chamber Orchestra spielte unter Daniel Harding rasant, aber routiniert und jedenfalls alles andere als auffällig originell.. Nein, auch diese Zauberflöte darf durchaus als ein Schlag ins Wasser bezeichnet werden, denn auch sängerisch hat die Aufführung zwar respektables, aber doch kein nennenswertes, und schon gar nicht festspielwürdiges Format. Und inszenatorisch hat sich Krystian Lupa an dem – weiß Gott schwer zu bewältigenden – Stück verhoben. Er zeigt nichts anders als eine Maschinenkomödie mit sich drehenden Räd-chen, bewegter Mechanik schon im Bühnenportal. Sarastro kommt per Beleuchterbrücke von oben, die sternflammende Königin im Gitterkäfig aus dem Schnürboden, ansonsten be-herrscht weithin eine dröge Kasperliade den Abend, mit hinlänglich bekannten läppischen Aktionen Papagenos, der im Zentrum dieser Lesart des Stücks und der Aufführung steht. Adrian Eröd leiht ihm seien Stimme. Daß Mozarts Zauberflöte durchaus eine brisante poli-tische Bedeutungsebene enthält, wie unlängst Helmut Perl in einem Buch „Der Fall Mozart“ herausarbeitete, nämlich eine aus Freimaurer bzw. Illuminatenperspektive geübte scharfe Kritik an Adel und Klerus, davon ist in dieser Inszenierung kaum etwas zu sehen. Sie ist in ihrer uneindeutigen, ja diffusen, an verrätselten Symbolen überladener Optik mit ihrem auch kostümlichen Tohuwabohu und ihrer kaum verständlichen Logik so langweilig, daß schon während der Pause so Mancher das Théatre de l´Archeveché verließ. Schade! Eine Sensation wie im vergangenen Jahr die „Cosi fan tutte“-Inszenierung von Patrice Chéreau blieb in diesem Jahr aus in Aix-en-Provence. Und das vielgepriesene Zauberwort Kooperation zeigt seine Kehrseite. Schon nach der Wiener Premiere dieser Zauberflöte schwante einem Ungutes für Aix, so wie man nach diesem Rheingold das Salzburger Publikum schon jetzt bedauern darf. Dennoch: Kooperation, ja Vernetzung war eine Kernidee des scheidenden und bleibt auch eine des neuen Intendanten Bernard Foccroulle: "Ja, ich glaube, Aix ist jetzt ein Zentrum der Produktion, aber auch der Koproduktion in Eu-ropa und auch weltweit, und das will ich gerne weiterentwickeln. In Frankreich ist Aix-en-Provence sicher das erste Festival in Ambition und Ausstrahlung für Oper, aber wir müssen jetzt europäisch denken und ich glaube, daß ein Netzwerk von europäischen Festivals Sinn macht und ich hoffe, daß wir in der Zukunft diese Zusammenarbeit zwischen Festivals, Opernhäusern und anderen Kulturinstitutionen noch verstärken können." Ein weiters anliegen Foucroulles ist die Académie Européenne de Musique. "Die Académie muß die jungen Talente, die jungen Sänger begleiten und vorbereiten für das professionelle Leben. Ich persönlich möchte mehr Akzent legen auf die Vokalität, die Stimmen: Mozart, Barock, Zeitgenössische Musik,. Ich will aber auch gerne Kammermusik machen. Und wir haben jetzt die Berliner Philharmoniker da, und mit deren Solisten können wir beispielsweise Masterclasses organisieren." Die medienscheue Eva Wagner leitet diese Académie, in der der sängerische Nachwuchs nicht nur, aber vor allem für Aix herangezogen wird. Er wird sich in einer eigenen Version von Purcells Dido und Aeneas vorstellen. Eva Wagner verantwortet aber auch die Sänger-besetzungen der regulären Aufführungen. Neben Rheingold, Zauberflöte und Schönbergs Pierrot Lunaire mit Anja Silja, kombiniert mit de Fallas LesTréteaux de Maitre Pierre und Stravinskys Renard stehen noch Rossinis Italienerin in Algier und eine eigenwillige Schauspiel-Adaption der Offenbachschen Périchole durch Julien Brochen und seine Truppe auf dem Programm. Daneben gibt es Konzerte mit Pierre Boulez und dem Ensemble Inter Contemporain und – als großes Ereignis schon vorab gefeiert - eine Aufführung von Gustav Mahlers fünfter Sinfonie mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle auf dem pittoresken Hausberg von Aix, den der berühmteste Künstler des Ortes, Paul Cézanne so gern malte, dem Mont St. Victoire. Eine Aufführung unter freiem, akustisch denkbar ungeeigneten, dafür sternenübersätem Nachthimmel. Der „Run“ auf dieses „Event“ ist nicht zu bremsen. Wie überhaupt Aix sich einer Platzausnutzung von 97 Prozent erfreuen kann, und das bei einem Etat, der zu zwei Dritteln selbst erwirtschaftet wird. Die Marketingsrategie Stéphane Lissners scheint aufgegangen zu sein. Man wird sehen, was er aus der Mailänder Scala macht. Man hört ja vor dort schon merkwürdige Gerüchte von weitreichenden Kooperationen mit Daniel Barenboim und der Berliner Staatsoper. Wie auch immer: Es hat in diesem Jahr tatsächlich den Anschein, dass das bisher so feine, kleine Festival in Aix, wohin man ja fuhr, um etwas zu sehen, was es eben nicht an anderen Bühnen gab, endgültig im Zeitalter der Eventvermarktung und der globalen Austauschbarkeit von Kulturproduktionen angekommen ist. Für die nächsten Jahre sind bereits vielfältige Ko-operationen mit den Festspielen in Baden-Baden, mit den Wiener Festwochen, den Salz-burger Osterfestspielen, aber auch mit den Opernhäuern in New York, Brüssel, Lausanne, Lissabon, Luxemburg, Lyon, Madrid, Paris und Rouen festgezurrt. Die Vernetzung funktio-niert. Man ist international etabliert und steht besser da denn je, was das Geschäft angeht. Money makes the world go round. The show must go on ....
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