Dieter David Scholz

Kritiken 


Oper Leipzig

Szenische Verdiverhunzung
Wolfgang Engel scheitert an Giuseppe Verdis " Aida"

Einundzwanzig Jahre hat die Messestadt Leipzig auf eine Neuinszenierung von Verdis Oper "Aida" gewartet. Entsprechend hoch war die Vorfreude des Publikums. Und doch mischte sich für Manchen Skepsis in die Erwartungen, denn Regisseur Wolfgang Engel, der die Neuinszenierung verantwortet, hatte am selben Haus vor zwei Jahren schon einen sehr ent­täuschenden "Don Carlos" von Verdi herausgebracht. In Vorabinterviews versprach Wolfgang Engel, Chef des Leipziger Schauspielhauses, ein "psychologisches Kammerspiel" ohne äußerlichen Pomp und allzu ägyptisches Dekor auf die große Bühne der Leipziger Oper zu  bringen.
Aber was heißt schon "psychologisches Kammerspiel"? Viele Opern sind, bei genauem Hin-sehen, psychologische Kammerspiele und werden seit eh und je von guten Regisseuren auch so inszeniert. Dies gilt besonders für Verdis "Aida".  Ob Hans Neuenfels in Frankfurt am Main, Götz Friedrich in Berlin oder Udo Samel in Dresden, um nur drei sehr unter-schiedliche Inszenierungen des Stücks zu nennen, sie alle haben Verdis Pharaonen-Oper, die der Khedive von Ägypten, Ismail Pascha zur Eröffnung des Suez-Kanals für das Opernhaus in Kairo in Auftrag gab, im Grunde als psychologisches Kammerspiel gezeigt. Was äußerliche Prachtentfaltung und ägyptisierende oder orientalische Anklänge – auch ironische - ja nicht ausschließen muß. Was ist eigentlich ein psychologisches Kammerspiel? Eine aufs seelische Innenleben hochkonzentrierte, von allem Äußerlichen absehende, dramatisch gespannte, die psychologischen Motive und Beweggründe der handelnden bzw. singenden Akteure für den Zuschauer sichtbar machende Dramaturgie der Darstellung und szenischen Konfliktreali-sierung. 

Wolfgang Engels "Aida"-Inszenierung an der Oper Leipzig ist nun aber das gerade nicht! Er hat zwar weitgehend alles ägyptische Dekor aus seiner Inszenierung verbannt, doch span-nend, psychologisch einleuchtend, ja packend ist keine einzige Szene seiner Inszenierung. Sein Bühnenbildner Horst Vogelgesang hat ihm auf der Drehbühne ein Labyrinth an weißen bzw. hellen, sandfarbenen Treppchen und Gängen, Pfeilern, und schrägen Spielflächen entworfen, das so schlecht gebaut ist, daß man jede Fuge, jede aneinander stoßende Kante, will sagen, die Machart sieht. Der Raum wirkt dadurch billig, wie aus Pappe, desillusionie-rend. Auch Katja Schröders Kostüme sind in ihrer unverbindlich nichtssagenden Mélange aus moderner Straßengewandung und ägyptisierenden Anklängen alles andere als einfallsreich oder besonders geschmackvoll. In dem weder Atmosphäre noch konkrete Örtlichkeit vermittelnden Bühnenbild der grundbiederen Inszenierung offenbart Wolfgang Engel sein mangelhaftes Verständnis von Oper, aber auch seine mangelhafte Kenntnis von der Geschichte der Opern­inszenierungen. In einem Interview der LVZ brüstete er sich vor der Premiere damit, "ein Opern-Freak" zu sein und bezeichnete seine Leidenschaft als seine "kleine Kitsch-Ecke". Freaks sind bekanntlich selten wirkliche Kenner und wer Oper als Kitsch abtut, kennt die Oper nicht. Freilich,  es gibt kitschige Inszenierungen. Aber Kitsch kann durchaus eine ästhetische Qualität haben, zumal wenn regieliche Ironie im Spiel ist. So gesehen wäre auch nichts gegen einen Elephantenaufmarsch, gegen ägyptische Tempel, Pyramiden und historischen Kostümpomp zu sagen. Aber Wolfgang Engels Inszenierung offenbart weder Ironie noch Konzentration auf das Wesentliche, sie bewegt sich in ihrer drögen Blutarmut und Intelligenzabwesenheit "auf der Stufe der Verhunzung" (Thomas Mann) des großartigen Stücks. In seinem völlig beliebigen Bühnenbild, in dem man das halbe Opern-repertoire spielen könnte,  entfaltet er nicht mehr als ein szenisches Oratorium. Die Chor-massen der Priester und die Komparsen stehen steif herum, in Grüppchen arrangiert. An der Rampe gehen sechs Solisten auf und ab und beschränken sich auf  konventionelle Opern-gesten: Händeringen, Arme vor de Brust überkreuzen oder gen Himmel ausstrecken. Die Lieblingsgeste der Aida-Sängern schien beidseitiges Ohrenzuhalten zu sein. Vielleicht störte sie die eigene Lautstärke des Singens. Von psychologischer Personenregie jedenfalls keine Spur. Selten hat man eine so langweilige, so ereignislose "Aida" erlebt. Daran ändert auch das solide musikalische Niveau der Aufführung nichts. Zwar verrät das Dirigat von Marco Guidarini nicht gerade die höheren Weihen spezifisch verdischer Einsichten, nicht einmal Verdi-Metierkenntnis. Daß man dem Gewandhausorchester seine Verdi-Unerfahrenheit an-hört, verwundert nicht. Nun wird sich dies ja vielleicht unter seinem künftigen Chef, Riccardo Chailly ändern. Immerhin spielt es sauber, klangschön und präzise.  Sängerisch lassen manche Namen aufhorchen. Die sizilianische Mezzosopraistin Lidia Tirendi singt keine atemberau-bende, aber wenigstens eine glaubwürdige Amneris. Der polnische Bariton Andrzej Dobber einen ehrfurchtgebietenden Amonasro und auch gegen die hauseigenen Bassisten Petri Lindroos und Ain Anger als König und Ramphis ist nichts einzuwenden. Der Tenor des Radames ist allerdings ein Schreihals und eine so komische Figur, daß man über ihn lieber schweigt. Das Publikum hat manche seiner unfreiwillig komische Auftritte mit Gelächter quittiert. Die Sopranistin Hasmik Papian in der Titelpartie der Aida hat zwar mit ohren-strapazierender Intensität ihre Partie durchgestanden. Aber mit Trompetentönen allein läßt sich keine seelisch glaubwürdige Aida singen. Ein Piano scheint jedoch außerhalb ihrer Möglichkeiten zu liegen. Aber kann eine Aida in der Kittelschürze über erbsgrünen Hosen überhaupt anrühren?