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Dieter David Scholz
Kritiken Doppelaffäre im Krankenhaus "Admeto,
Re di Tessaglia" Dramma per musica in
tre atti, HWV 22
(Mechtild Bach, Tim Mead) Frühkritik in MDR-Figaro, 10.06.2006: Moderator: Vor zwei Tagen wurden in Halle die Händelfestspiele eröffnet, gestern abend gab es bereits den ersten Höhepunkt mit einer Neueinstudierung der relativ selten aufgeführten großen, dreiaktigen Oper „Admeto“ am Opernhaus Halle. Unser Kritiker Dieter David Scholz war für uns dabei. Herr Scholz, der Intendant des Opernhauses Halle, Gerd Fro-boese, hat den diesjährigen Händelpreis vor allem für seine Verdienste um die „Händelpflege“ erhalten. Hat er denn bei seiner Admeto-Produktion einen guten Griff getan, bzw. ist er sei-nem Ruf als Händelpreisträger gerecht geworden? Dieter David Scholz: Also die Wahl der Titel, die in Kooperation mit den Händelfestspielen vorgeschlagen werden, ist ja nicht seine alleinige Sache, das geschieht ja in Absprache mit den Händelfestspielen und dem Händelhaus. Aber die Umsetzung ist dann allein seine Sache, und da hat er wieder einmal ein als Theaterpraktiker, der sein Publikum bedienen will und auf Publikumserfolg schielt, ein gutes Händchen bewiesen, indem er hervorragende Sänger enga-gierte und ein Inszenierungsteam, das sowohl dem Bedürfnis des breiten Publikums wie dem des ästhetisch Anspruchsvolleren gerecht wird. Moderator: Fangen wir mit dem Regieteam an. Der Countertenor Axel Köhler hat inszeniert, Roland Aeschlimann hat das Bühnenbild entworfen. Marie Therese Jossen hat die Kostüme entworfen und es gab noch einen für barocke Gestik Zuständigen: Niels Niemann. Dieter David Scholz: Axel Köhler hat ja schon Einiges am Opernhaus Halle inszeniert. Er hat dort gewissermaßen Kultstatus, das Publikum liebt ihn, als Countertenor wie als Regisseur. Er ist als Regisseur alles andere als ein Experimentator oder Provokateur, er inszeniert eher schlicht am Stück entlang, anschaulich, drastisch und volksnah. Aber genau das ist sein Er-folgsrezept beim Publikum. Und deshalb hat ihn Klaus Froboese wohl auch mit der Regie des Admeto beauftragt, denn das Stück kennt ja kaum jemand. Dem Text liegt eine jener recht verwickelten Handlungen aus der griechischen Mythologie zugrunde, die zu verstehen heute nicht ganz einfach ist: Es geht in dieser Oper um den uralten griechischen Mythos vom thes-salischen König Admetos, der bei seiner Hochzeit vergessen hat, der Göttin Artemis zu opfern, woraufhin die Schicksalsgöttinen seinen Tod fordern. Apollo setzt sich dafür ein, daß die Schicksalsgöttinnen Admeto verschonen, wenn ein anderer für ihn freiwillig in den Tod geht. Das tut dann seine Gattin Alkestis aus selbstloser Liebe. Admetos´ Freund Herakles geht daraufhin in die Unterwelt, entreißt dem Tod seine Beute und vereint schließlich das Ehepaar wieder. Das alte Märchenmotiv des Opfertodes für den geliebten Mann also. Händel und sein in diesem Falle unbekannter Librettist haben die Sache noch etwas kompli-zierer gemacht, da gibt es schließlich zwei vermeintlich tote Frauen, die Admeto liebt, neben Alkestsis auch noch Antigone, hinter der ist aber auch Trasimene her, der Bruder von König Admetos. Und der verwickelte, dramatische Konflikt , der sich aus diesem Spannungsviereck ergibt, hat etwas von venezianischer Intrigenkomödie, das Ganze ist mit vielen Arien versehen und jeder der drei Akte dauert eine geschlagene Stunde. Für einen Regisseur also keine leichte Aufgabe, das verständlich und kurzweilig umzusetzen. Moderator: Was hat sich denn nun Axel Köhler ausgedacht? Dieter David Scholz: Also er hat das Ganze in eine zeitlose Gegenwart geholt, auch kostüm-lich, mit einigen phantasievollen Abschweifungen, und er hat für dieses zwischen Komödie, Tragödie und fast absurder Groteske angesiedelte Stück eine Chiffre gefunden: das mo-derne Krankenhaus. Alle drei Akte spielen also vor Krankenbett, Operationstisch und fahr-barem Arzneischrank. Auch die Hölle spielt dort. Die Ärzte werden im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt. Der Höllenhund ist ein Operateur mit drei Gesichtern, der das, was er aus Alkestis herausschneidet, am liebsten auffressen würde. Das ist alles sehr drastisch, um nicht zu sagen fast volkstheaterhaft deutlich inszeniert von Axel Köhler. Er gibt dem Affen gern Zucker, es gibt Verkleidungen und Vergewaltigungen, Wasserspiel und viel Theaterqualm, Köhler spart auch nicht mit Komödiantik und mit Rührseligkeit. Und Nils Niemann hat noch eins draufgesetzt, indem er den Handelnden pathetische barocke Gesten beigebracht hat. Sie agieren also so, als würden sie auf Kothurnen stehen und barocke Opera-Seria Kostüme mit Reifrock und Federbusch tragen. Tun sie aber nicht, und deshalb kommt zuweilen unfrei-willige Komik auf. Aber immerhin gelingt es dieser kurzweiligen, vitalen Inszenierung, das Publikum dieses langen Abends bei Laune zu halten, und die Handlungsgeschichte des Li-brettos einigermaßen in heute verständliche Vorgänge umzusetzen. Das hat etwas von greller Fernseh-Unterhaltung und von Soap opera. Dem hat Roland Aeschlimann mit einem sug-gestiven, optischen Rahmen wohltuend entgegengearbeitet, mit einer Art magisch leuchten-dem Gitternetz im Hintergrund. Durch das Gitter hindurch sind bedrohliche anatomische De-tails zu sehen in Computeranimationen. Das ist ein kleines Wunderwerk der Bühnen- und der Beleuchtungstechnik, es gibt der Köhlerschen Kasperliade einen Hauch von wohltuender Strenge. Moderator: Europas besetzt. Der berühmte Kastrat Senesino sang die Titelpartie. Faustina Bordoni, die Ehefrau des Opernkomponisten Hasse sang die Alceste. - Wie hat man das Stück in Halle besetzet?
Dieter David Scholz: Als Ersatz für den Titel-Kastraten hat man mit Matthias Rexroth einen der gegenwärtig gefeiertsten und besten Sänger des Altus-Fachs engagiert. Matthias Rexroth ist als König Admetos nicht nur eine männlich-schöne Erscheinung, er singt auch so - wenn-gleich das mit dem unwiderstehlichen Zauber der großen Kastratenstimmen kaum etwas zu tun haben dürfte. Ein besseren Kastratenersatz läßt sich derzeit aber wohl kaum finden, es sei denn, man läßt die Partie von einer Frau singen. Frauen haben allemal mehr Stimme als ein Counter oder Altus. Und das ist immer das Problem solcher Aufführungen. Sie sind ungleich-gewichtig und geraten sängerisch in Schieflage. Auch gestern abend haben die beiden Sänge-rinnen den Sänger der Titelpartie schlicht an die Wand gesungen. Romelia Lichtenstein war als liebesfuriose Alceste ganz in ihrem Element und in großer Fahrt, sie hat ihre Koloratur-kaskaden abgefeuert wie Leuchtrakten. Und auch Mechthild Bach als Antigone hat barocken Schön- und Ziergesang vom Feinsten demonstriert. Dagegen hatten es die singenden Herren der Schöpfung allesamt schwer, auch der Counter Tim Mead, der den Trasimede sang, auch er ein Jung-Star der Alten Musik-Szene Englands, aber auch er kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, daß Counter- oder Altus-Gesang nichts weiter ist als im besten Falle ein kultiviertes Falsett mit seinen Nachteilen und Grenzen .
(Romelia Lichtenstein) Moderator: Dirigiert hat der und bestens bekannte, vielseitige Howard Arman. Hat er den Laden zusammengehalten? Dieter David Scholz: Ja das hat er zweifelsfrei. Und mit großer Kompetenz in Sachen Alte Musik. Er kennt sich ja aus. Das Händelfestspielorchester hat ihm auch alles zur Verfügung gestellt, was man erwarten konnte. Einschließlich zweier Lauten und zweier Cembali. Howard Arman hat selbst vom Cembalo aus dirigiert, oder was man so nennt. Das war alles ganz korrekt, oder fast jedenfalls. Aber etwas mehr Musizier-Phantasie, etwas mehr spieltech-nische Virtuosität, etwas mehr Feuer und Temperament hätten dem Abend nicht geschadet.
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