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Dieter David Scholz
Kritiken Venedig
Baustelle Parsifal Parsifal am Teatro La Fenice in Venedig, Premiere: 12. 3. 2005 Venedigs neuer Parsifal stand im zweifachen Zeichen der Trauer. Das Publikum gedachte des so jung und unerwartet verstorbenen Generalmusikdirektors des Hauses, Marcello Viottis, der die Produktion musikalisch leiten sollte. Zuvor hatten Gewerkschaftssprecher einen ern-sten, eindringlichen Appell verlesen angesichts der dramatischen Kürzungen der staatlichen Sub-ventionen im Kulturbereich. Die Opernsituation Italiens sei in ernster Gefahr. Dann ging das Licht aus im wiederauferstandenen schönen Teatro La Fenice und das tönende Spiel um Erlösung durch Mitleid und Entsagung nahm seinen Lauf. Der junge französische Regisseur und Wahl-Römer Denis Krief, Shootingstar unter den Nachwuchsregisseuren Italiens, hat allerdings weniger ein Spiel im Sinne dramatischer Handlung und nachvollziehbarer Personenführung im Sinne, als die Demontierung des "Bühnenweihfestspiels. An sich keine schlechte Voraussetzung bei diesem Stück, der Wille zur Desillusionierung. Aber Krief erklärt das Stück weder – was interessant sein könnte - im psychologischen Sinne als "Weltabschiedswerk", noch demaskiert er es als pseudo-sakrales, ideologisch anrüchiges Mysterienspiel eines vermeintlich deutschen Degenerationsgedankens. Krief hangelt sich stattdessen weitgehend oratorisch an der Oberfläche der sparsamen Handlung entlang. Seine Aktionsphantasie ist so beschränkt wie sein Bewegungsvokabular. Im dritten Akt läßt er, etwa bei der Fußwaschung Kundrys, sogar fromme Tableaus wie aus der Uraufführung nach-stellen.
Krief zeigt auf schrägem Bretterboden Figuren in grau-sandfarbener, orientalischer Alltags-kleidung von heute. Nur die Blumenmädchen dürfen auf der "Baustelle Parsifal" leuchtende Brokatstoffe und Seide tragen; und die Kundry des zweiten Aktes natürlich, die trotz grellen Grüns und roten Haaren kaum verführerisch wirkt. Drei große, helle Wackersteine liegen auf der Bühne. Zwei Holzbalken hängen gekreuzt vom Schnürboden herab, im dritten Akt geschwungene Blechplatten. Bei den Verwandlungsmusiken wird von zwei Kränen ein schä-biger, verrosteter Wellblechhalbkreis über der rechten Bühnenhälfte herabgelassen, Ersatz für die Gralshalle. Der Gralskelch schrumpft zum leeren Wasserglas in einem Kästchen im Kästchen unter rotem Samtdeckchen. Aber wo kein Raum ist und die Zeit lang wird, verlieren Gurnemanz´ Worte "Zum Raum wird hier die Zeit" ihren Sinn. Da nützt auch der diffuse Beitrag im (ansonsten vorzüglichen) Programmbuch nichts, in dem sich Krief zu Giuseppe Sinopolis Buch "Parsifal in Venedig", Adolphe Appias Theaterreformen, zu Claude Lévy-Strauss, Kafka und Cosimas Tagebüchern bekennt. Er faselt von Parsifal als einer "Oper, die im Wasser überlebt" und apostrophiert sie als "Wunde des Theaters". Verquaste Lippenbekenntnisse eines überschätzten Regisseurs, die nichts mit dem zu tun haben, was man auf der Bühne sieht. Wenn am Ende der Aufführung die Stimmen von oben "Erlösung dem Erlöser" singen, stehen Parsifal und die Gralsritter fragend, verständnislos und erstarrt auf leerer Bühne. Kundry hat längst das Weite gesucht. Wer soll von was oder von wem erlöst werden? Der Vorhang fällt und alle Fragen bleiben offen. Viele Zuschauer haben bereits in der zweiten Pause das Haus verlassen. Daß diese Produktion dennoch beglückte, war vor allem dem ungarischen Dirigenten Gabor Ötvös zu verdanken, der für den verstorbenen Marcello Viotti einsprang.
Gabor Ötvös hat zuletzt den Parsifal in Lissabon neu einstudiert und demonstriert auch in Venedig profunde Vertrautheit mit der Partitur. Ein Paradebeispiel dafür, wie man Parsifal durchsichtig, kraftvoll, dramatisch zugleich glitzernd impressionistisch anlegen kann. So wenig weihevoll, so diesseitig, sinnlich, leuchtend und farbenreich hat man Wagners Weltab-schiedsmusik selten gehört. Die größte Überraschung der insgesamt überzeugenden sänge-rischen Besetzung ist Doris Soffel.
Ihre individuell timbrierte Kundry jenseits des üblichen Wagner-Schreigesangs hat Aus-nahmeformat. Schlecht kostümiert und hilflos geführt von Krief, verläßt sich die Soffel auf ihre außergewöhnliche Sängerintelligenz und Bühnenerfahrung. Sie phrasiert vorbildlich, artikuliert absolut wortverständlich und zeigt seltene Gesangskultur vor allem in den heiklen Passagen. Diese Kundry ist eine charismatische Persönlichkeit. Was man von Richard Deckers Parsifal im weißen, indisch anmutenden Hausanzug nicht sagen kann. Er zeigte nach Stimmproblemen in den beiden ersten Akten immerhin im dritten die Potenz seines aufstrahelnden Heldentenors. Wolfgangs Schönes Amfortas und Matthias Hölles Gurnemanz bewiesen nach wie vor rollendeckende Sängerautorität, aber beide sind hörbar über ihren Zenit hinaus. Die Chöre des Fenice, verstärkt von der Camerata Silesia und den Piccoli Cantori Veneziani, wurden von Emanuela Di Pietro hervorragend einstudiert und hatten geradezu Bayreuth-Format. Das Orchester des neuen alten Teatro La Fenice spielte unter Gabor Ötvös besser denn je: brilliant, klangschön, präzise, geradezu suggestiv. Ötvös entschädigte vom Pult aus für die szenische Entzauberung des Stücks. Sein Parsifal ist ein Klangwunder, das auch die akustischen Qualitäten des Hauses (von der Musiker wie Sänger profitieren) unter Beweis stellt. Es muß ja nicht immer Bayreuth sein! OPERNWELT
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