Dieter David Scholz

Kritiken 


Berlin

 

Parforceritt durch die Weltkulturen

Ein "Bühnenweih-Filmspiel"

Parsifal an der Staatsoper Unter den Linden, 19.3.2005

Der erfolgreichste deutsche Filmproduzent, der Chef des Münchner Konzerns "Konstantin Film", Bernd Eichinger hat seinen Einstand als Opernregisseur gegeben. Schon wieder ein Filmregisseur auf der ersten Opernbühne Berlins nach Doris Dörrie und nach Percy Adlon. Aber auch an der Deutschen Oper inszenierte neulich - ebenfalls herb enttäuschend - Filmregisseur Volker Schlöndorf einen nichtssagenden Janácek. Quereinsteiger Schlingensieff exekutierte zuvor in Bayreuth "Parsifal" als empörend dilettantische Selbstdarstellung. Ausdruck einer Krise der Oper?

 

Es ist vor allem Ausdruck einer Krise der Opernmacher, also der Opernintendanten, die zur Zeit der eigentlichen Gattung und wirklicher Opern-Regie offenbar weniger Erfolg zutrauen als der Spekulation mit der Sensation, mit prominenten Namen und populistischer Ratten-fängerei.  Natürlich hat das zu tun damit, daß das sogenannte Regietheater, das ja noch in den Siebzigerjahren eine sehr kreative, sehr ernsthafte und essentielle Auseinandersetzung mit der Gattung Oper in Schwung brachte inzwischen erlahmt ist, seine Grenzen ausgeschritten hat und daß im Grunde auch niemand mehr diese Art von Opernsezierung sehen mag. Das Problem heutigen Operntheaters hierzulande ist vor allem, daß es nicht mehr primär um Aus-einandersetzung mit den Sujets und den Problemen der Stücke geht, sondern mehr um Dekoration, Design, Zeitgeist und um die Person des Regisseurs. Das Publikum will aber nicht immer nur Designershows und  persönliche Kommentare zu Opern auf der Opernbühne sehen, die mehr über die Befindlichkeit des Regisseurs sagen als über das Stück an sich. Die Besucherzahlen zeigen das eindeutig. Nichts gegen kluge, originelle Kommentare. Ganz und gar nicht.  Aber leider haben ja erstaunlich viele Opernregisseure heute nichts Neues oder Essentielles zu den Stücken mehr zu sagen, vom Handwerk ganz zu schweigen. Aber das trifft ja auch auf die Quereinsteiger der operninszenierenden Filmregisseure zu, ich glaube nicht, daß sie einen Weg aus der Krise der Oper zeigen. Und solange Intendanten oder Musikchefs so verantwortungslos sind, auf Steuerzahlers Kosten - und zum Leid des Publikums - Debütanten und Fachfremden so anspruchsvolle Werke wie Parsifal zum Einstieg anzubieten, hat die Oper keine Chance.   

Bernd Eichinger hat zuletzt Aufsehen erregt durch seinen umstrittenen Hitler-Film "Der Unter-gang". Will sein "Parsifal" auf den "Untergang" gewissermaßen die Erlösung" folgen lassen?

Ich glaube, das kann man eindeutig mit nein beantworten, denn dieser Parsifal, den Eichinger da inszeniert hat, ist völlig unpolitisch und hat überhaupt keine Ambitionen, das brisante Thema des Wagnerschen Weltabschiedswerks auch nur ansatzweise aus der Post-Hitler-Perspektive zu reflektieren. Im Gegenteil: Es ist eher eine kindlich naive Fantasy-Bilderflut, die Eichinger da über den Zuschauer hereinbrechen läßt, mit beliebigen persönlichen Bildas-soziationen, nur eben nicht politischen oder zeithistorischen. Die deutsche Geschichte, das Thema Hitler wird in dieser Produktion großzügig und absichtlich – wie Eichinger mehrfach in Vorabinterviews betonte - ausgeklammert. Eichinger verrät in diesem Parsifal eher eine  tie-fere Affinität zur "Unendlichen Geschichte", zu Fantasy und Märchen, und er verrät ein ziem-lich naives, oberflächliches Wagnerverständnis.  Er hat wohl damit spekuliert, die Cineasten unter den Opernbesuchern  mit einer sündhaft teuren Kostümshow samt Filmhäppchen für sich gewinnen zu können. Diese Rechnung ging aber nicht auf, denn der Unmut selbst des handverlesenen, weitangereisten und betuchten  Premierenpublikums (einschließlich geladener Filmprominenz und Wolfgang Wagner samt Ehefrau und Tochter Katherina) war groß, die Buhsalven waren niederschmetternd, Eichinger mußte sich Be-zeichnungen wie "Idiot", "Dilettantentheater" und "Provinztheater entgegenschreien lassen, als er vor den Vorhang trat. Er hat es mit sichtlicher Betroffenheit zur Kenntnis genommen.

"Parsifal" ist die erste Opernregie Bernd Eichingers. Das Metier, das Timing und das Hand-werk dieser Kunstform mit ihren besonderen Anforderungen sind Neuland für ihn. Ist er als überhaupt als  Opernregisseur  glaubwürdig?

Nein, man merkt von der ersten Szene an, daß hier ein – mit Verlaub gesagt - Dilettant am Werke ist, der sich verhoben hat, so wie sich ja schon Doris Dörrie verhoben hat. Von Per-sonenführung kann man nicht eigentlich sprechen. Dieser Parsifal ist weitgehend bewe-gungsloses Oratorium, ist einfallsloses "Rampentheater", wie es zurecht ein Zuschauer in den Saal schrie. Eichinger hat die hochinteressante psychologische Ebene des Stücks nicht einmal ansatzweise sichtbar gemacht. Er erzählt ein – trotz absurder deutscher Übertitelung – wohl für die meisten Zuschauer unverständliches Märchen von einem der auszieht, der Verführung zu widerstehen um eine marode Gesellschaft zu erlösen. Aber was Verführung ist und wovon erlöst werden soll, das erklärt Eichinger nicht. Stattdessen zeigt er aus der Weltraum-perspektive mit sich drehender Erdkugel - Kubricks "200. Odyssee im Weltraum" läßt grüßen - ein völlig durcheinander gewirbeltes Panoptikum der Weltkulturen und Weltreligionen. Kamerafahrten über Stonehenge, über die Pyramiden von Gizeh, indische und chinesische Tempel, Griechenland, Rom und Aztekenkultur purzeln bei der Ver-wandlungsmusik im ersten Akt "holter die polter" durcheinander. Filmische Dick-darmspiegelungen wechseln sich mit Explosionen und Sternenhimmelfahrten ab...

Und schließlich entdeckt Eichinger den Bühnenschneefall neu, wenn die Gralsritter bei dichtem Schneetreiben wie eine fantasyhafte Inka-Armee angewurzelt vor der zertrümmerten Trajanssäule in Rom stehen, über der ein griechischer Tempel plaziert ist. Was der Gral ist, wird nicht erklärt, stattdessen reißt sich Amfortas ein Stück Fleisch aus der Brust, von dem sich jeder auf dem Hackstock ein Stückchen abschneiden darf. Wagner hat sich "des Grales Speise" gewiß anders vorgestellt. Das eigentliche Thema des Stücks, Erotik – also Sexualität contra Entsagung – ist gar nicht präsent bei Eichinger. Statt verführerischer Blumenmädchen versuchen sich schwarz verhüllte Musliminnen mit goldenen Brustpanzern vor maurischer Architekturfassade in Eurythmie. Der dritte Akt spielt im New Yorker Centralpark, Gur-nemanz ist zum Penner mutiert, die Gralsritter sind inzwischen Baseball-Schläger-bewaffnete Grufties und Ledertypen geworden. Und nach der Verwandlungsmusik, bei der Katastrophen von Tsunamis über Hurrikains bis zu Fuersbrünsten wiederum per Filmclips gezeigt werden, bringt Parsifal als Kreuzritter den Gralsspeer ins brennende New York zurück. Kundry - Wunder - setzt sich wie eine brave Hausfrau gewandet neben ihn. Alle Mitwirkenden sitzen schließlich als bewegungsloses Tableau da und warten  auf den Musikschluß. Der Kreis schließt sich. Der Parforceritt durch die Weltkulturen hat ein Ende. Und wieder naht sich - wie schon zu Anfang - der blaue Planet aus "Odyssee im Weltraum"  ...

Eine absolut nichtssagende, zudem technisch schlecht realisierte Inszenierung! Daß man mit filmischen Projektionen auf der Opernbühne wahre Wunder vollbringen kann, das hat vor ein paar Jahren am selben Haus Peter Greenaway mit seinem "Christophe Colombe" ein-drucksvoll demonstriert. Aber der ist eben wirklich ein Profi unter den Regisseuren im Film wie auf der Opernbühne.

Dieser "Parsifal" ist der Auftakt der Festtage der Berliner Staatsoper, in denen natürlich der Dirigent Daniel Barenboim auch eine wichtige Rolle einnimmt. Hat er denn in diesem "Parsifal" eine bessere Figur gemacht als Eichinger szenisch?

Daniel Barenboim ist natürlich im Gegensatz zu Bernd Eichinger kein Neuling und kein Unerfahrener in Sachen Oper, speziell in Sachen Parsifal. Aber er hat doch inzwischen eine Ästhetik der Langsamkeit und der extremen Dynamikkontraste vom  fast Unhörbaren bis zum unerträglich Lauten entwickelt, die tolerable Grenzen überschritten hat. Das war mit Ab-stand der langsamste, der spannungsloseste  Parsifal, den ich je hörte. Selbst Herr Knap-pertsbusch, der als langsamster Parsifaldirigent aller Zeiten (der Tonaufzeichnung) gilt, dirigierte noch einige Minuten schneller als Barenboim. Auch sängerisch war die Produktion durchwachsen. Jochen Schmeckenbecher singt den Klingsor als stimmlich ziemlich ungeho-belter Mephistoverschnitt in rotem Leder vor Fördertum und Fabrikschloten. Warum? In dieser Inszenierung darf man so nicht fragen. Immerhin war Burkhard Fritz stimmlich, nicht eben darstellerisch, ein sehr überzeugender Parsifal. Hanno Müller-Brachmann war ein ein-drucksvoll gequälter, im dritten Akt hörbar zu sehr gequälter Schmerzensmann als Amfortas. 

 

Das sängerische Glanzlicht des Abends war René Pape. Er  sang einen wahrhaft balsa-mischen Gurnemanz.

Michaela Schuster war nicht mehr als eine anständige Kundry, der Barenboim goldene Brücken baute, damit sie die Partie bewältigen konnte. Wer vor wenigen Tagen in Venedig dem neuen Parsifal  beiwohnte, der konnte nach der überragenden Doris Soffel als Kundry und dem impressionistischen, sinnlichen Klangwunder, das Gabor Ötvös im Teatro la Fenice entfaltete, eine Musik, die einen förmlich berauschte, diesen sehrenden Berliner Parsifal, den Barenboim als teutonisch-schweres Bühnenweihfestspiel zelebrieren ließ, nur als zeitraubende und nervenaufreibende Strapaze empfinden.

MDR