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Dieter David Scholz
Kritiken Don Giovanni Dramma giocoso in 2
Akten von W.A. Mozart & Lorenzo da Ponte Premiere am Anhaltischen Theater Dessau am 9.12.2005 Frühkritik im MDR: „Figaro“ am Morgen, 10.12.05: Gestern abend hatte am Anhaltischen Theater in Dessau Mozarts „dramma giocoso“ Don Giovanni“ Premiere. Kurz vor Beginn des Mozartjahres ist man geneigt, dies bereits Vorspiel einer Mozarthuldigung im Vorfeld seines 250. Geburtstages anzusehen. Wird es in Dessau Mozart-Feierlichkeiten geben, zu denen dieser neue Don Giovanni der Auftakt war? Das könnte man meinen, aber es ist tatsächlich nicht so, zwar kommt 2006 noch eine neue Zauberflöte hinzu, und es gibt im Dessauer Repertoire auch einen Figaro, der wiederauf-genommen wird. Aber ein regelrechter Mozartzyklus, so wie es in diesem Schillerjahr einen Verdizyklus mit Schilleropern gab, ist nicht geplant. Ich finde das auch gar nicht schlimm, im Gegenteil. Überall wird man ja nun überschüttet werden mit Mozart-Gedenkveranstaltungen, warum auch noch in Dessau? Nein, es ist einfach so, daß es so ein paar Leib- und Magen-stücke von Johannes Felsenstein gibt, und zu denen gehört eben der Don Giovanni. Und das hat sicherlich auch damit zu tun, daß schon sein Vater Walter Felsenstein, sich lange und intensiv mit dem Stück auseinandersetzte, ja auch einen berühmten Aufsatz zu dieser Oper geschrieben hat, und ein Schule machendes Regiekonzept hinterlassen hat. Und dieser neue Dessauer Don Giovanni wird ja auch in der von Walter Felsenstein eingerichteten und über-setzten Fassung gespielt. Nun hat es Johannes Felsenstein natürlich nicht leicht, gegen das Vorbild seines berühmten Vaters Walter Felsenstein anzukommen, gerade im Hinblick auf den Don Giovanni. Ist diese neue Dessauer Inszenierung, der ja die Übersetzung und die Fassung von Walter Felsenstein zugrunde liegt, auch konzeptionell an der Inszenierung von Walter Felsenstein orientiert, oder hat sich der Sohn Johannes Felsenstein dagegen abgegrenzt? Also der Vater-Sohn-Konflikt Felsenstein ist in Dessau ja eigentlich in jeder Inszenierung spürbar. Aber das macht diese Dessauer Inszenierungen von Johannes Felsenstein - in ihren - ich sage jetzt mal ganz wertneutral - unzeitgemäßen Lesarten - ja gerade so interessant und spannend. Im Falle dieses neuen Don Giovanni muß man wirklich sagen, daß Johannes Felsenstein sich vom Konzept seines Vaters vollkommen distanziert hat und etwas ganz anders zeigt, nämlich die fröhliche, die deftige, die barocke Apotheose des Eros. Johannes Felsenstein nimmt die Gatungsbezeichnung Mozarts, „dramma giocoso“, ernst und zeigt ein durch und durch hei-teres Stück. Er spart nicht an komödiantischen Einfällen und handfesten Ferkeleien. Stefan Rieckhoff hat ihm dafür ein sehr kulinarisches Einheitsbühnenbild gebaut, das ist im Grunde nur eine gewaltig Freitreppe ist, die sich von der Rampe bis in den Hintergrund der tiefen Bühne nach oben windet, zwischen zwei Wänden, die im Stile Bouchers oder Fragognard mit Rokokobildthemen bemalt sind. Aber das hat nichts Kitschiges. Es ist ein strenger, schöner Raum! In dieser Tapisserienwelt, die sich durch viele Türen öffnen läßt, zeigt Felsenstein den verflixten letzten Tag Don Giovannis mit seinen erotischen Pleiten und Pannen. Und das wird ziemlich deutlich gezeigt. Schon zu Anfang läßt Don Giovanni die Hosen runter, um Donna Anna auf dem Divan zu nehmen. Da spätestens würde Walter Felsenstein aufschreien. Er hat ja behauptet, Anna sei nie auch nur berührt worden. Dasselbe tut Giovanni bei Zerlina auf dem Heuwagen. Auch Leporello und Masetto werden ziemlich deutlich. Giovanni ist die Verkörperung der Fleischeslust bei Johannes Felsenstein. Sogar die Orchestermusikerin, die die Mandoline in seiner Serenade spielt, ist vor seiner Ver-führung nicht sicher. Das ist sehr witzig. Es dreht sich in dieser quirligen, sehr vitalen Inszenierung alles ums Thema Sex. Aber es ist nicht so platt und so banal, wie man das bei-spielsweise jüngst in den Inszenierungen von Bieito oder Konwitschny gesehen hat. Nein, bei Felsenstein hat das doch anderes Format. Die Akteure stecken in ausgesucht kostbaren Stof-fen. Es ist ein sehr stilvolles Kostümfest. Am Ende erstarrt diese spätbarocke Höllenfahrt dann zum Gemälde, das geschickt verbirgt, wie Giovanni zu Tode kommt. Obwohl man das eigentlich sehen möchte! Zum Schluß springt Don Giovanni dann in heutigem Frack aus dem Bild auf die Vorbühne. Aha! Wir verstehen. Dann also doch noch der Bezug zum Heute! Der kommt ein bißchen spät. Da ist auch ein bißchen banal, verglichen mit dem Vorherigen. Denn die Inszenierung ist bis zu diesem Moment doch sehr konsequent. Wer die tiefgründigen Dimensionen des Stücks, die romantisch-philosophischen, auch psy-chologischen Abgründe und Perspektiven, die das Stück hat, sucht, der wird bei Johannes Felsenstein nicht viel entdecken. Felsenstein zeigt das Stück - man könnte sagen - sehr direkt und gewissermaßen oberflächlich. Aber es muß ja auch nicht immer tief gebohrt werden. Manchmal ist die sogenannte Oberfläche näher am Stück als alle betonte Tiefenbohrung. Und das Publikum war begeistert. War denn auch die musikalische Darbietung in Dessau so heiter und „oberflächlich“ wie die szenische? Nein, das kann man nun wirklich nicht sagen. Golo Berg, der GMD des Hauses, hat einen sehr durchdachten, sehr vielschichtigen Mozart dirigiert, der gerade in seiner Spannung aus Tragik und Ironie die Faszination des Stücks hörbar macht und es zusammenhält. In Bergs Dirigat ist die Abgründigkeit, die man auf der Bühne vermißt, zu hören, zumal das Orchester fabelhaft spielt. Die Orchestermusiker haben ich hörbar mit den Errungenschaften der so-genannten historischen Aufführungspraxis auseinandergesetzt. Berg läßt diesen Don Giovanni straff, in raschen Tempi musizieren. Im Grunde ist es Golo Bergs Leistung, der ganzen Inszenierung jene Tiefe zu geben, die Johannes Felsenstein in seinem Bemühen um unterhaltsame Diesseitigkeit dem Zuschauer vorenthält. Und man kann Golo Berg nicht genug loben, denn einen so genauen, so intelligent gestalteten, so mitreißenden und so klangschön musizierten Don Giovanni hört man nicht oft. Er hat die Anhaltische Philharmonie wirklich zu einem erstklassigen Orchester gemacht, und es ist für die Region nur erfreulich, daß er seinen Vertrag als GMD verlängert hat. Jede Mozartaufführung steht und fällt mit den Sängern. Wie war denn die Besetzung in Dessau? Also insgesamt sehr anständig. Der junge Ulf Paulsen ist ein schlanker, frivoler und sportiver Don Giovanni. Kostadin Arguirov ein burlesker Diener Leporello. Der unermüdliche Ludmill Kuntschew, Dessauer Sänger-Urgestein, singt immer noch einen respektablen Masetto. Seine Braut Zerline wird von Christina Gerstberger wirklich zauberhaft gespielt und gesungen. Sie ist das sängerische Highlight der Aufführung, neben dem Don Ottavio von Jörg Brückner, der einen sehr feinen, schönen Mozartton kultiviert, und auch die Hürden der tenoralen Ko-loraturen seiner Partie mit Bravour nimmt. Die beiden konträren Damen des Stücks Donna Anna und Donna Elvira waren zwar als Typen recht überzeugend, gesanglich aber beide gefährdet: Daniela Zanger, weil sie als Anna mit den Koloraturen und der Stimmführung nicht so zurechtkommt, wie die Partie es erfordert, Und Iordanka Derilova, weil sie mit der Sprachbehandlung Probleme hat. Aber ich möchte zum Schluß noch einmal betonen: insgesamt ist die Aufführung doch auf einem musikalisch so hohen Niveau, wie man es heute selbst in der Komischen Oper Berlin nur in den seltensten Fällen erlebt. Dank an Golo Berg noch einmal. Und ich glaube, man darf den Besuch der Aufführung vor allem all denen guten Gewissens empfehlen, die genug haben von den Banalitäten gegenwärtigen Regietheaters!
Nächste Aufführungen: 11. und 25. Dezember
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